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Bibel-Bestseller kommt neu in die Kirchen

Bergen/Greifswald Bibel-Bestseller kommt neu in die Kirchen

Zum Reformationstag gibt es in Vorpommern neue Altarbibeln. Aber was war eigentlich falsch an den alten?

Bergen/Greifswald. Über fünf Jahre lang haben 70 Theologen daran gearbeitet, nun ist sie fertig: die neue Lutherbibel, die zum Reformationstag in alle evangelischen Kirchen Deutschlands einzieht. Auch auf den Altären der rund 150 pommerschen Gemeinden von der Ostsee bis zur Uckermark landet sie, als Geschenk der evangelischen Nordkirche. Aber was heißt eigentlich „neue“ Lutherbibel?

Man muss wissen, mit welcher Wucht die Bibelübersetzung des Mönchs und Reformators Martin Luther 1521 in die deutsche Sprache und Kultur einschlug, um zu begreifen, wie das sein kann: dass ein 70-köpfiges Expertenteam Luthers Übersetzung zwar höchst aufwändig überarbeitet, das Ergebnis aber gar nicht so neu wirkt (siehe Infobox). Immer noch klingt die Sprache dieser Texte mehr nach Luther-Deutsch als nach heutigem.

„Das soll aber auch so sein, den Luthersound wollte man erhalten“, erklärt der pommersche Bischof Hans-Jürgen Abromeit, der auch stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bibelgesellschaft ist;

jener Gesellschaft, die die neue Lutherbibel verlegt.

Denn moderne Bibel-Übersetzungen, die der heutigen Sprache nahe sind, gibt es viele, „und auch sehr gute“, sagt Abromeit. „Aber Luther war ein Sprachgenie, keine andere deutsche Bibelübersetzung hat so einen Stellenwert in unserer Kultur wie seine.“

Martin Luther, der ungewollt auch zum Gründer der evangelischen Kirche wurde, hatte es geschafft, für die tausende Jahre alten Bibeltexte eine Sprache zu finden, die kraftvoll, schön und damals leicht verständlich war, die einen Rhythmus hat und gleichzeitig nah am Original bleibt. „An den Psalmen sieht man seine Sprachkunst besonders gut“, sagt Bischof Abromeit. „Die sind nicht nur im Hebräischen Poesie, sondern auch in der deutschen Übersetzung.“

Selbst wer nie eine Luther-Bibel aufgeschlagen hat, hat viele Formulierungen aus ihr im Kopf. Geflügelte Worte wie „Perlen vor die Säue werfen“, „ein Buch mit sieben Siegeln“ oder „die Zähne zusammenbeißen“ etwa stammen aus Luthers Feder. Seine Bibelfassung las und liest man überall, von der Ostsee bis zu den Alpen. Darum prägte sie das Hochdeutsche mit.

In die Neuauflage könnten sich Gläubige nun schon etwas einlesen vor dem großen Jubiläum im kommenden Jahr, sagt der Garzer Pastor Bernhard Giesecke. „Es ist sehr schön, dass wir sie haben, weil sie sprachlich etwas angepasster und daher auch Menschen, die der Bibel eher fern sind, den Zugang erleichtert", findet der Kirchenmann. Auch enthalte die neue Ausgabe veränderte Kernsätze, die dann fettgedruckt sind Wenn nun Luthers Übersetzung so überzeugend war und ist: Warum dann überhaupt eine aktuelle Überarbeitung? „Erstens, weil es zu den Urtexten der Bibel neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die man berücksichtigen wollte“, erklärt Bischof Abromeit. „Zweitens, weil manche Wörter, die Luther verwendete, heute gar nicht mehr verständlich sind.“ Und drittens, weil man Änderungen rückgängig machen wollte, die frühere Theologen bei der Revidierung der Lutherbibel im Jahr 1984 eingeführt hatten.

Jedes Wort und jeden Vers aus der revidierten Lutherbibel von 1984 haben die 70 Wissenschaftler, zu denen auch Theologen der Unis Rostock und Greifswald gehören, also angesehen, mit den ältesten erhaltenen Textfassungen im Hebräischen und Griechischen verglichen und entschieden: Bleibt das so oder formulieren wir neu?

Das Ergebnis: Rund 12000 der 31000 Verse im Alten und Neuen Testament sind geändert worden, also knapp 40 Prozent. Aus „Wehmutter“ zum Beispiel wurde „Hebamme“. Aus „Schlangenbrut“ wieder „Otterngezücht“, wie Luther ursprünglich getextet hatte. Andere Änderungen sind noch dezenter.

Oder war das alles nur eine große Marketingmaßnahme, um wieder mehr Bibeln zu verkaufen? Abromeit lacht. „Dafür war das Verfahren ein bisschen zu aufwändig“, sagt er. Und nötig habe es die Deutsche Bibelgesellschaft auch nicht. Jedes Jahr verkaufte sie bisher 180000 bis 190000 Exemplare.

Pröbstin Helga Ruch liest am Sonntag in der Bergener Marienkirche aus der neuen Bibel. Als eine der wenigen Gemeinden führt Garz Gottesdienste sowohl am Sonntag als auch am Montag durch. Dann wird ein Mitglied des Gemeinderats das schlichte nur mit der Luther-Rose verzierte Buch in die Kirche tragen und dem Altar übergeben, wo sie jederzeit einsehbar sein soll.

Der Garzer Pastor Bernhard Giesecke will sie nur in fünf von sechs seiner Kirchen austauschen. „Das Exemplar in Sehlen enthält eine Widmung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und soll deswegen nicht im Archiv verschwinden“, findet er.

Sybille Marx und Uwe Driest

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