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Rügen Das Gutshaus bettelte: „Rette mich!“
Vorpommern Rügen Das Gutshaus bettelte: „Rette mich!“
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03:34 26.08.2013
Inga Carrière sanierte das Gutshaus in Kransdorf und begründete die sozialtherapeutischen Werkstätten. Quelle: privat
Kransdorf

Welchem Impuls folgte Inga Carrière 1990, um in dem ehemaligen Gutshaus in Kransdorf ein sozial-ökologisches Projekt ins Leben zu rufen? War ihr bewusst, wie viel Pioniergeist ihr diese Vision über Jahre abverlangen würde? Heraus aus ihren gewohnten sozialen Strukturen, aus der gerade selbst modernisierten Altbauwohnung in Ostberlin. Raus aufs Land und hinein in eine ganz neue Aufgabe, in einem ganz neuen Gesellschaftssystem.

Es ist ein sonniger Junitag. Ich fahre nach Kransdorf, um mir das anzuschauen, was in den letzten 20 Jahren durch Inga Carrières visionäre Fähigkeit dort entstanden ist. Warme Tage verleiten, großzügig im Herzen und in der Betrachtung zu sein. Nach meinem Besuch weiß ich, Kransdorf hätte ich auch an einem verregneten Tag besuchen können. Nichts hätte meinen Respekt geschmälert. Über eine gefällige Straße, vorbei an verblühten Rapsfeldern, geschmückt mit Kornblumen, Kamille und Mohn führt mein Weg dorthin. In Kransdorf erfasst mein erster Blick das Gutshaus, ein schöner Ort, geradezu ein Refugium. Ich denke an Inga Carrière.

Sie war es, die ab 1990 versuchte, diesem Domizil die schon verloren geglaubte Seele wieder einzuhauchen. Einem Haus und einem Ort, der sich bereits aufgegeben hatte. Nur noch zwei Bewohner, alleingelassen in diesem Chaos der Wende. In dieser Zeit kam Inga Carrière mit Freunden nach Rügen für einen Kurzurlaub.

Inga Carrière erzählt: „Himmelfahrt 1990 holperte unser Auto über den Betonplattenweg an Jarkvitz vorbei. Eher zufällig gelangten wir in den kleinen Ort Kransdorf. Als uns die letzten Bewohner, ein altes Umsiedler-Ehepaar, das ihr ganzes Arbeitsleben in Kransdorf verbracht hatte, durch das Gutshaus führte, war ich überwältigt von der großen freien Bodenfläche. Meine Architektenaugen sahen sofort, was man da ausbauen könnte. Das Dach war außerordentlich marode. Überall standen Eimer und Schüsseln, um das Regenwasser aufzufangen. Die alten Fenster und Türen waren erhalten, auch die wunderschönen Türbeschläge. Und in der Küche hing ein Telefon an der Wand, das Dorftelefon.

Weil wir auf der Fahrt bis hier dem Verfall preisgegebene Orte gesehen hatten, beschlossen wir, das darf Kransdorf nicht passieren. Dieses Haus bettelte geradezu: ,Rettet mich!‘ Wir hatten kein Konzept, waren ja gar nicht auf Haussuche, nur ein wenig neugierig gewesen. Was könnte man aus Kransdorf machen, so dass Menschen dort leben könnten und der Ort nicht zugrunde ginge? Warum sollte es uns nicht gelingen, hier etwas ,ins Leben‘ zu ,rufen‘?

Ökologisches, Bildungsarbeit, Soziales, Kunst — auf jeden Fall etwas Heilendes für Erde und Mensch — und ein Zusammenwachsen von Ost und West. Die nächsten Schritte: den zuständigen Bürgermeister informieren, einen Antrag auf Pacht oder Kauf stellen. Zum ersten Mal erschien auf diesem Antrag der Begriff ,sozialtherapeutische Werkstätten‘. Ich wollte damals das Projekt aus der Ferne begleiten, und wenn meine künstlerischen Fähigkeiten später gebraucht würden, hinzukommen.

Bald war der Insel-Verein gegründet. Die Zusage auf Pacht kam. Das Gutshaus stand nun leer. Wir mussten handeln, denn keiner der Initiatoren konnte zu dieser Zeit nach Kransdorf ziehen, das Haus aber musste vor Vandalismus geschützt werden. Wir wechselten uns ab und suchten Haushüter. Ich verbrachte hier das Weihnachtsfest 1990 einsam-gemeinsam mit einem Marder.

Der erste Landwirt musste uns wieder verlassen, seine Familie wollte nicht mitziehen, mit drei kleinen Kindern in diese damaligen primitiven Verhältnisse. Nun kam die Frage an mich. Will ich Kransdorf untergehen lassen? Ich entschied mich für Kransdorf. Damals hatte ich allerdings die Illusion, dass es nur ein Jahr brauchen würde, um eine tragfähige Gruppe zu bilden. In den nun folgenden Jahren kamen und gingen viele. Es gab unendlich viele Helfer, ohne die ein Weitermachen nicht möglich gewesen wäre.

Ganze fünf Jahre haben wir das Trinkwasser in 20-Liter-Kannen von unserer Quelle, einem artesischen Brunnen geholt. Auch ein Kompost-Eimer-Klo diente uns viele Jahre, ehe wir eine Kompost-Toilette benutzen konnten. Abenteuerlich war unser Armeezelt, in dem wir während der Sanierungsarbeiten das Badezimmer eingerichtet hatte.

Das Gemeinschaftsleben hatte Höhen und Tiefen. Aber es ist uns gelungen, diesen Hof wiederzubeleben. Ein unauslöschliches inneres Feuer hat uns in all den Jahren getragen. So kam das Jahr 1998, und ich hatte vergessen, dass ich nur temporär in Kransdorf sein wollte. Ein Burnout ließ mich tief nachdenken und ich begriff, dass meine Anfangsvisionen erfüllt war. 1999 konnte ich guten Gewissens aus dem Projekt aussteigen. Das Gutshaus war saniert, eine stabile Gruppe lebte am Ort. Zwei Demeter-Betriebe, die Landwirtschaft und die Gärtnerei, bewirtschafteten 100 Hektar Land. Zehn Hektar Land, der Stall und das Gutshaus waren Eigentum des Insel-Vereins und damit an die Satzungsziele gebunden, der Spekulation entzogen.

Die Lebens-und Arbeitsgemeinschaft, in die zu betreuende Menschen einbezogen waren, hatte eine gesicherte Zukunft, Kransdorf war nunmehr zu neuem Leben erweckt.“

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Frauen

der Insel

Inga Carrière und Kransdorf
Inga Carrière wurde 1951 geboren. Sie ist von Beruf Architektin und lebt und arbeitet als Künstlerin in der Uckermark.

1990 kam sie aus Ostberlin nach Kransdorf, wo sie sich des dem Verfall preisgegeben Gutshauses annahm und es sanierte.

Die Architektin wurde zur Begründerin des Insel-Vereins, der die jetzt dort ansässigen sozialtherapeutischen Werkstätten betreibt. Der Aufbau des Projektes hat viele Jahre in Anspruch genommen.


Landwirtschaft, eine Töpferei, Bäckerei, Gärtnerei, Hauswirtschaft, eine Hofmeisterei, Holzwerkstatt, Küche, Reiterhof — das alles gehört zu dem Projekt.

Iris Bleeck

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