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Das einzige Kind ist die Nummer 1

Wreechen Das einzige Kind ist die Nummer 1

Die Wreechenerin Melissa kommt aus Peking und hat einmal im Jahr ihre Familie zu Besuch

Wreechen. Eigentlich heißt Melissa Zhang Yue. Die zarte Frau ist in Peking geboren — und könnte wie fast alle Chinesinnen entweder 16 oder 36 sein. „Ich bin 1974 geboren“, löst sie lachend das Geheimnis um ihr Alter. Sieht man ihr wirklich nicht an. Soll es schon 25 Jahre her sein, dass sie in China ihren Mann Harald kennengelernt hat?

Es hat allerdings noch ein wenig gedauert, bis sie nach einigen Urlauben hier ganz mit ihm nach Deutschland kam. „Das war 2011, da war ich schwanger“, erzählt sie. Ihr Töchterchen Iris (4) ist hier geboren und aufgewachsen, geht in Putbus in den Kindergarten. „Sie ist mein erstes und letztes Kind. Erst im letzten Jahr hat China die Ein- Kind-Politik aufgehoben“, seufzt Melissa ein wenig wehmütig. Sie hätte gern noch ein zweites Kind gehabt: „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich mir das noch mal überlegen. Ich finde es toll, dass die Frauen in China nun mehr als nur ein Kind haben können.“

Sonst unterscheidet sich Peking gar nicht so sehr von Deutschland, wenn man schwanger ist, sagt Melissa. Auch dort gebären die Frauen ihre Babys im Krankenhaus. „Allerdings mögen die Ärzte den Kaiserschnitt sehr, der dauert nicht so lange und bringt mehr Geld. Wenn man in China eine natürliche Geburt im Krankenhaus möchte, muss man dort Freunde haben, die sich um einen kümmern.“ Auch die Dorfbevölkerung, die größtenteils nicht im Krankenhaus entbindet, sei medizinisch abgesichert. „Wenn eine Frau arbeitet, bezahlt die Versicherung den Check in der Schwangerschaft und die Geburt. Aber oft nehmen Dorffrauen diese Angebote nicht wahr, denn die Krankenhäuser sind meist voll.“

Auch den alten Brauch, wonach ein Baby einen Monat nach der Geburt zuhause bleiben muss, halten nicht mehr viele Chinesinnen hoch. „Früher glaubte man, dass nach der Geburt die Gelenke noch offen seien und durch sie der Wind hineinfahren könnte. Deshalb durfte ein Neugeborenes nicht dem Wind ausgesetzt werden“, erklärt Melissa die Tradition. Auch sie hat sich bei Töchterchen Iris nicht an diese Ausgehsperre gehalten. „Man ist aber schon vorsichtiger bei Wind. Ein bisschen wirkt der Aberglaube doch nach“, sagt die Mama schmunzelnd.

Einige Bräuche Chinas hat sie mit nach Rügen gebracht. „Mütter in China bekommen viel Suppe, wenn sie geboren haben. Das soll gut sein für die Milchbildung. Ich mag Suppe sowieso — und habe deshalb auch viel davon getrunken. Ich wollte gern stillen.“ Das machten manche Mütter in China nämlich nicht mehr, weil sie Angst um die Figur hätten: „Sie finden, dass die Brust nach dem Stillen nicht mehr schön ist. Schade.“

Dabei bekomme das Baby sonst alle Aufmerksamkeit, die es brauche — und manchmal noch viel mehr. „In China kommen sechs Menschen auf ein Kind: Neben den Eltern sind das die beiden Großelternpaare, die sich bisher ja immer nur auf ein Kind konzentrieren durften.“ Und alle geben sich große Mühe, wenn das Baby auf die Welt kommt, investieren Aufmerksamkeit, Zeit und Geld in den jüngsten Spross, der die Tradition der Familie fortführen soll. „Natürlich entstehen dadurch Erwartungshaltungen und Druck“, bestätigt Melissa. „Manchen Kleinkindern wird schon mit zwei Jahren das Schreiben beigebracht, man füttert sie ständig mit Informationen. Hier in Deutschland wachsen die Kinder freier auf, sie werden öfter gefragt, was sie selbst wollen.“ Der Mythos von der Kinderarbeit in China ärgert sie: „Keine Ahnung, wo die Leute so was hernehmen. Aber die Kinder sind in China die Nummer 1. Sie werden in den Himmel gehoben, die Familie tut alles für sie und investiert alle Mittel in ihre Zukunft. Eine Freundin von mir hat sich eine horrend teure Wohnung in Peking gekauft, damit sie direkt neben der besten Schule wohnt.“ Dafür stecke sie privat zurück, das Kind gehe vor. Nach dem Unterricht von 7.30 bis 17 Uhr gehe es noch zu privaten Ballettstunden. „Das ist ganz schön anstrengend. Aber die Eltern wussten bisher immer, dass es das einzige Kind ist und bleibt — da sollte auch etwas aus ihm werden."

China ist den Weg in die Moderne längst gegangen, weiter, als wir uns das oft vorstellen, sagt Melissa. „Es ist ein Gerücht, dass chinesische Babys keine Windeln bekommen. Das war vielleicht vor 10 oder 15 Jahren mal so, aber heute nutzt jeder Windeln. Schon allein, weil sie Zeit sparen“, lächelt sie fein. Und sie findet, dass Deutschland China vielleicht früher mal voraus war. Aber in der großen Stadt sei es heute eigentlich genau umgekehrt. „Dort ist China weiter, alles ist wunderbar organisiert und sehr modern.“

Von Gaia Born

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