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Rügen Dem Leuchtturmwärter auf der Spur
Vorpommern Rügen Dem Leuchtturmwärter auf der Spur
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11:26 31.12.2017
Karikatur aus dem verschollenen Gästebuch des Leuchtturmwärters Schilling. Quelle: Archiv Sammlung Kap Arkona
Putgarten

Die Insel Rügen ist eine Region reich an Mythen und Geschichten. Ob schauerliche Gespenster, dramatische Unglücke oder kauzige Typen – die Überlieferungen sind voll von Rügener Originalen. Dass sich dabei auch manche Geschichte verselbstständigt, ist naheliegend. So wurde von Vielen Carl Eduard Schilling als „der“ berühmte, erste Leuchtturmwärter vom Kap beschrieben. Ob Autor Dieter Naumann oder Theaterregisseur Jens Hasselmann – alle hielten „Eduard“ für das berühmte Original. Doch jetzt stellte sich heraus, dass in Wirklichkeit sein Vater, Christoph Heinrich Schilling der erste Leuchtturmwärter des 1827 erbauten Leuchtfeuers war.

Rügener Archivare lösen gemeinsam das Rätsel um Christoph Heinrich Schilling

Stadtarchivar fielen Unstimmigkeiten auf

Den Stein ins Rollen brachte der Sassnitzer Stadtarchivar Frank Biederstaedt. „Ich habe in unseren preußischen Sterberegistern nachgesehen. Die sind sehr penibel geführt“, beschreibt er. „Und dort habe ich im Sterberegister von 1902 die Todesanzeige des Carl Eduard Johann Schilling entdeckt. Er ist als Rentier in Wiek verstorben. An einem Lungenkatarrh.“ Als Rentier galt zu dieser Zeit ein Mensch, der zu Lebzeiten so viel Geld verdient hatte, dass er von Rücklagen leben konnte. Auch das Geburtsdatum Carl Eduards ist in gestochen scharfer Handschrift in den Akten vermerkt: Er wurde am 8. August 1827 zu Arkona geboren. „Somit ist klar, dass es sich bei Carl Eduard nicht um den ersten Leuchtturmwärter gehandelt haben kann“, folgert Biederstaedt. „Der Leuchtturm wurde ja erst 1827 fertiggestellt.“ In den Urkunden wurde auch der Vater des Carl Eduard Schilling erwähnt, ein gewisser Christoph Heinrich Schilling, von Beruf Leuchtturmwärter. „Das ist er. Das ist der Leuchtturmwärter vom Kap.“

Daten aus verschiedenen Archiven setzten das Puzzle zusammen

Daten über den vermeintlichen Vater konnte Biederstaedt, der gerade an seiner Promotion über historische vorpommersche Fotografie arbeitet, in seinem Archiv nicht entdecken. „Die Sterberegister der Preußen beginnen im Jahr 1874. Wenn Christoph Heinrich vorher gestorben ist, oder aber an einem anderen Ort, beispielsweise in Stralsund, ist das in diesen Urkunden nicht zu finden.“ Ein weiteres Puzzlestück zur Familiengeschichte konnte der Pfarrer der Kirchgemeinden Nord-Rügens, Christian Ohm hinzufügen. Bei ihm lagern die Altenkirchener Kirchenbücher, in denen Geburts- und Todesfälle der Region sowie Taufen vermerkt sind. „Ein Glück führten die ,Alten' ihre Register fast computergenau“, stellte Christian Ohm nach kurzer Recherche fest und präsentierte das Ergebnis: „Ich habe hier Christoph Heinrich Schilling gefunden, Leuchtturmwärter, verstorben am 21. Dezember 1870 , beerdigt am 24. Dezember 1870 in Altenkirchen.“ Geboren wurde Christoph Heinrich Schilling am 3. Februar 1793 in Stralsund.

Lebensbedingungen auf Rügen waren schwer

Wie hart das Leben im 18. und auch noch im 19. Jahrhundert auf Rügen war, ist sowohl Ohm als auch Biederstaedt während der Recherche zum Thema wieder aufgefallen. „In den Büchern ist erwähnt, dass Eduard Schilling seinen neun Monate alten Sohn mit Namen Eduard Wilhelm Johann Schilling verloren hat. Im Kirchenbuch angegebene Todesursache: Durchfall“, erzählt Ohm. „Es ist immer wieder erschreckend in den Kirchenbüchern zu sehen, wie viel Kleinkinder und Totgeburten eingetragen werden mussten.“ Auch Frank Biederstaedt kennt das Phänomen. „Damals gab es unglaublich viele Todesfälle von Kindern, etwa durch Epidemien, wie zum Beispiel Cholera. Ich habe erst kürzlich von einer Familie gelesen, die innerhalb von zwei Wochen drei ihrer Kinder verloren hat. Man muss eine gewisse Distanz waren, sonst nehmen einen die Dinge zu sehr mit, auch wenn sie in der Vergangenheit liegen.“ Im Falle der Leuchtturmwärter vom Kap jedenfalls herrscht jetzt Klarheit. Ein weiterer heimatkundiger Rüganer, Ernst Heinemann aus Putgarten, konnte mit dem im Archiv Kap Arkona gelagerten Ahnenpass des 1912 in Stralsund geborenen Otto Schilling den Sack endgültig zu machen. Auch dort sind nämlich die Lebensdaten des Eduard Schilling und seines Vaters Christoph Heinrich vermerkt.

Das Gästebuch des Leuchtturmwärters bleibt verschollen

Im Putgartener Archiv existiert sogar noch eine Darstellung des Original-Leuchtturmwärtes Christoph Heinrich Schilling aus dem verschollenen Gästebuch der Leuchtturmwärterfamilie, die neben dem Leuchtturm später auch ein Gasthaus betrieb. Im Gästebuch hatten sich viele prominente Gäste des Leuchtturmwärters eingetragen, darunter Theodor Fontane, Karl Friedrich Schinkel, Gerhart Hauptmann oder Caspar David Friedrich. Das Buch ist allerdings trotz großer Bemühungen, etwa des Chronisten Karlheinz Rümler, verschollen. In einer Schrift über die „Leuchtfeuer auf Arkona“ berichtet er von Zeugen, die vermerkten, russische Truppen hätten nach dem Zweiten Weltkrieg alle Dokumente verbrannt. Andere wollen beobachtet haben, dass die Bücher „sichergestellt wurden“. Wesentliche Quelle für Informationen über die Gästebücher ist eine Schrift des Professors P. Meinhold „Aus Arkonas Fremdenbüchern“ aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ernst Heinemann aber will die Hoffnung auf den Fund der prominenten Gästebücher noch nicht aufgeben. „Ich glaube, ich habe noch eine Spur, der man nachgehen kann“, sagt er. „Aber da stehe ich erst ganz am Anfang.“

Anne Friederike Ziebarth

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