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Rügen Demmin war kein Einzelfall
Vorpommern Rügen Demmin war kein Einzelfall
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00:00 16.10.2017
Demmin

Das Buch von Florian Huber „Kind, versprich mir, dass Du Dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945“ über den massenhaften Freitod von Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs in Demmin ist inzwischen in fünf Auflagen erschienen. Wie der stellvertretende Leiter des Schweriner Landesarchivs, Matthias Manke, in „Zeitgeschichte regional“ feststellt, war das Geschehen in Demmin kein Einzelfall. Kollektive Selbsttötungen gab es an sehr vielen Orten des heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Die Motivlage für die Freitode sei sehr komplex und bisweilen irrational, sagt Manke. Er nennt unter anderem Verzweiflung wegen der Niederlage der Wehrmacht, Angst vor Vergeltung durch die Sieger, die nationalsozialistische Propaganda und eigenes Erleben der Menschen beim und nach dem Einmarsch der Roten Armee.

Faktisch gut dokumentiert seien beispielsweise Stralsund, Anklam und Ducherow sowie Alt Teterin, schreibt Manke. In dem kleinen Dorf brachten sich vergewaltigte Frauen um, Mütter ertränkten ihre Kinder in einem Entwässerungsgraben und erhängten sich anschließend. Die verbliebenen Männer des Dorfes befanden sich zu diesem Zeitpunkt auf Geheiß der Roten Armee im benachbarten Stretense.

Insgesamt verloren 32 Teteriner und Flüchtlinge zwischen dem 29. April und dem 2. Mai das Leben – das ist immerhin ein Zehntel der Einwohner. In Ducherow gab es 28 Tote.

Manke befasst sich in seiner Untersuchung vor allem mit Dargun und Neukalen. Er hat sich dafür die Steuerstatistiken der einzelnen Monate angeschaut. Im Mai 1945 starben in beiden Städten sehr viele Menschen. Ursachen seien auch Unterernährung und Seuchen gewesen. 40 Todesfälle in Neukalen ordnet Manke Selbstmorden zu. Eheleute schieden gemeinsam aus dem Leben, Eltern töteten ihre Kinder und dann sich selbst. Großmütter nahmen Töchter und Enkelinnen mit in den Tod. Es schieden deutlich mehr Frauen als Männer aus dem Leben. Dabei waren laut Manke isolierte Selbstmorde eher die Ausnahme.

„Diese Toten sind – ohne die Kausalität des Unheils zu verkennen bzw. die Ursache zu relativieren oder gar Gewalt und Leid ,aufzurechnen’ zu wollen – wie so viele andere Menschen auch NS-Opfer“, betont Matthias Manke.

eob

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