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Rügen Der Gutsherr zog jedesmal die Notbremse
Vorpommern Rügen Der Gutsherr zog jedesmal die Notbremse
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00:04 16.03.2018
Samtens aus der Vogelperspektive. Seit langem bringt man den Ort mit Bildern dieser Art in Verbindung: Baustellen wie hier vor fünf Jahren am nördlichen Ortsausgang. Quelle: Foto: Frank Burchett/archiv
Samtens

Der Ort Samtens – auf halbem Wege zwischen dem Strelasund und Bergen gelegen – feiert in diesem Jahr sein 700. Ersterwähnungsjubiläum. Die Gemeinde selbst ist allerdings erst 90 Jahre alt, was darauf zurückzuführen ist, dass 1928 die über Jahrhunderte bestehenden Gutsbezirke auf Rügen aufgelöst wurden. Nicht mehr die Gutsherren sollten seitdem das Geschehen in den Dörfern bestimmen. Vielmehr entstanden eigenständige politische Gebilde mit gewählten Vertretern an der Spitze. Das war auch die Zeit, in der die Gemeinde Samtens aus der Taufe gehoben wurde. Der erste Vorsteher war Maurermeister Wilhelm Käding, sein Stellvertreter der Lehrer Max Miraß.

Mit dem Buch „700 Jahre Samtens“ erhält der Ort erstmals eine Chronik. Die Autoren kramten bei Recherchen viele Anekdoten und Unbekanntes hervor.

Nachzulesen ist das in dem neuen Buch „700 Jahre Samtens“, das zum Ortsjubiläum vorgestellt werden soll. Am 28. Juni beginnen die Feierlichkeiten. Aufgezeichnet von dem ehemaligen Samtenser Schulleiter Horst Tetzlaff (77), wird der Geschichtswälzer von ihm gemeinsam mit seiner Frau Gudrun und seinem Schwiegersohn, dem Privatdozenten Dr. Mario Müller (41), Kurator der Stiftung Schulmuseum der Universität Hildesheim, herausgebracht.

„Wenn man erst einmal anfängt zu suchen und mit den Leuten zu reden, findet sich viel Material“, sagt Horst Tetzlaff. Schon immer interessiert an der Geschichte des Dorfes, hat er mit vielen älteren Einwohnern gesprochen und angefangen, ihre Anekdoten und Lebenswege aufzuschreiben. Dabei geht es um den harten Winter von 1978/79 ebenso, wie um die Arbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben, um die Anfänge der Kinderkrippe, die medizinische Versorgung, die Freiwillige Feuerwehr, die Kirche und natürlich auch um die Schule.

„Wie wichtig die Schule für die Ortsentwicklung war, berichteten schon die Chroniken aus dem 19. Jahrhundert. Bereits damals gab es mehr als 100 Schüler“, sagt Mario Müller. „Deshalb freue ich mich besonders über den Erfolg des Malwettbewerbs, der anlässlich der Buchpublikation zur Ortsgeschichte stattgefunden hat.“

Kinder aus der heutigen Grundschule „Kranichblick“ und ältere Kindergartenkinder hatten ihre Eindrücke von ihrem Heimatort aufgemalt. „58 Bilder wurden eingereicht und durch eine unabhängige Jury begutachtet“, sagt Mario Müller weiter. „Die besten von ihnen werden in das Buch aufgenommen und alle Beiträge im Juni, wenn Samtens feiert, noch einmal ausgestellt.“

Ein Fest für die Schulkinder habe es übrigens schon vor mehr als 100 Jahren in Samtens gegeben. Damals sei es noch auf dem Gut Plüggentin gefeiert worden – mit Kaffee, Stolle und heute längst vergessenen Kinderspielen.

Für den Autor und die Herausgeber haben viele Einwohner und Gewerbetreibende ihre Fotoalben geöffnet, in Kisten nach alten Dokumenten gesucht. Dabei wurden eine Menge persönlicher Dinge zutage gefördert. „Darunter auch Sensationen, die berühmte Persönlichkeiten wie Caspar David Friedrich nach Samtens ziehen ließen“, sagt der Hildesheimer Uni-Dozent. „Am 18. Juli 1806 malte Friedrich eine römische Bronzestatuette, die nur wenig vorher im Ortsteil Natzevitz gefunden worden war und schnell Bekanntheit erlangt hatte.“ Stück für Stück konnte aus solchen Geschichten und Erinnerungen ein akribisch sortiertes Dokument über die Gemeinde Samtens entstehen, zu der auch Plüggentin, Tolkmitz, Sehrow, Berglase, Dönkvitz, Frankenthal, Muhlitz, Natzevitz, Negast und Stönkvitz gehören.

Mario Müller tauchte während der Entstehung des Buches tief in die Geschichte von Samtens ein. „Jahrhundertelang war das Dorf, abseits der Rügenschen Landstraßen liegend, ein unbedeutender Flecken mit einer Kirche auf einem kleinen Hügel“, erzählt der studierte Historiker. „Daneben stand eine Schmiede des benachbarten Gutes Plüggentin, einige Katen von leibeigenen Bauern und ein Gasthof.“ Im 19. Jahrhundert habe das verschlafene Samtens Anschluss an die neue Hauptstraße der Insel erhalten, die von Altefähr nach Bergen führte. Bis vor kurzem war das die B 96. Wenig später sei eine Poststation und die Eisenbahnstrecke Altefähr-Saßnitz hinzugekommen. „Die Vertreter von Rügens ältester Stadt Garz hatten mit großer Mehrheit – zehnmal nein, zweimal ja – den Bau dieser Strecke durch ihren Ort abgelehnt“, weiß Müller. „Daher konnte Samtens 1883 neue Bahnstation werden.“

Die Bahnanbindung sorgte für Belebung. Es siedelten sich Handwerker und Gewerbetreibende an. Der Ort blühte langsam auf. Laut Mario Müller hat einer der letzten Gutsherren von Plüggentin, Fritz von der Lancken, einen ganz eigenen Umgang mit dem Samtenser Bahnhof gepflegt. „Wenn er mit der Bahn reiste, stieg er nicht an der Bahnstation aus, sondern zog grundsätzlich die Notbremse, wenn er die Allee sah, die zu seinem Gut führte“, erzählt Müller eine der Anekdoten aus dem neuen Buch. „Dem Schaffner drückte er das schon bereitgehaltene Bußgeld in die Hand, und dann stieg er in seine bereits auf ihn wartende Kutsche, die ihn nach Plüggentin brachte.“

Wie bereits erwähnt, war die Zeit der Gutsherren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihrem Ende entgegengegangen, weshalb Kapriolen wie die von des Plüggentiner Adeligen langsam der Vergangenheit angehörten.

Mario Müller findet es „ein bisschen zermürbend“, dass man offenbar weder die Gründung noch die erste Erwähnung Samtens sicher datieren kann. Wie Tetzlaff und Müller aus vorliegenden Publikationen herauslesen konnten, taucht der Ort Samtens zum ersten Mal in einem Steuerregister auf, das wohl irgendwann zwischen den Jahren 1306 und 1326 entstanden sein könnte. „Weil dieses Steuerregister vor mehr als 100 Jahren viel zu unbedacht in das Jahr 1318 datiert worden ist, feierten die Samtenser vor 25 Jahren das 675-jährige Jubiläum der Ersterwähnung ihres Ortes“, sagt Müller. „Und an diesem vagen Jahr 1318 hält man auch noch heute fest, was man an der geplanten 700-Jahr-Feier sieht.“

Mit dem Buch wird Samtens erstmals eine echte Chronik bekommen. Bisher existierten lediglich zwei alte Schulchroniken und eine Kirchenchronik – zum Teil über 200 Jahre alt. „Mit diesen Schriften ist bisher so gut wie nie gearbeitet worden, weil die Aufzeichnungen niemand lesen konnte“, sagt Müller. „Ich habe das im Zuge der Recherchen zum Buch für jedermann lesbar übertragen, so dass man jetzt nachvollziehen kann, was in diesen Dokumenten drin steht.“

Eingetragen war das damals sehr kleine Dorf in dem Steuerregister unter dem Namen Samtensze. Der Begriff kommt aus dem Slavischen und heißt im übertragenen Sinne „einsam“. Aus heutiger Sicht eine durchaus interessante Konstellation, war Samtens doch mindestens bis zur Eröffnung der „Rügen-Autobahn“ als „Durchgangszimmer“ und Tor zur Insel in der jüngsten Vergangenheit alles andere als einsam.

Mittlerweile ist es in der Ortschaft zumindest wieder etwas ruhiger geworden, seit sich die Hauptverkehrsströme über die neue Bundesstraße 96 ziehen.

Der Dozent und Samtens

Die Ersterwähnung von Samtens in einem Steuerregister wurde nahezu willkürlich auf das Jahr 1318 datiert. Das mittelalterliche Dokument soll nämlich in der Zeit von 1306 bis 1326 erstellt worden sein.

Der Historiker Mario Müller blickt zwar mit Skepsis auf die Jahreszahl, arbeitete aber gemeinsam mit seinem Schwiegervater, dem ehemaligen Samtenser Schuldirektor Horst Tetzlaff, an dem Buch „700 Jahre Samtens“. Es stellt die erste Chronik des Ortes dar.

Müller ist Dozent an der Universität in Hildesheim. Auf Rügen machte sich der 41-Jährige einen Namen, indem er historische Vorträge hielt.

Dazu gehört eine Analyse zum Bergener Tuch, dass sich jetzt im Stadtmuseum befindet. Auch über Wizlaw, den letzten slawischen Fürsten von Rügen, referierte er. Dabei konzentrierte er sich besonders auf die angebliche Fähigkeit des Herrschers im Minnesang.

Der Mitherausgeber des Buches studierte mittelalterliche Geschichte. In diesem bereich promovierte er auch.

Jens-Uwe Berndt

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