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Rügen Die Plage mit „Fischräubern“ vor Rügen Inselfischer klagten vor 100 Jahren über Kegelrobben und Seehunde in Bodden und Ostsee
Vorpommern Rügen Die Plage mit „Fischräubern“ vor Rügen Inselfischer klagten vor 100 Jahren über Kegelrobben und Seehunde in Bodden und Ostsee
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11:55 07.03.2018

Die Schlagzeile von den 23 Robben, die kürzlich im Greifswalder Bodden auf mysteriöse Weise ums Leben kamen, sorgt für Unmut. Ein Verdacht fiel auf die einheimischen Fischer, die sich seit Generationen über die „Fischräuber“ in ihren Gewässern ärgern. Das erinnert an eine Zeit, in der man mit Abschussprämien die erfolgreiche Jagd auf diese Meerestiere belohnte.

Die Aufregung unter den Rügenfischern war vor mehr als 100 Jahren groß. Immer wieder, wenn beispielsweise die Wieker Fischer vom Eisangeln kamen, beklagten sie sich zu Hause über die tierischen „Räuber“, gegen die scheinbar keiner ankam: Seehunde und Kegelrobben. Eines Tages entschieden sie sich dazu, dies einem Redakteur des Rügenschen Kreis- und Anzeigeblattes zu erzählen, der prompt eine Meldung für die übrigen Leser des Kreises formulierte und zur Jagd auf die zwei Robbenarten mobil machte.

Dabei kannten die Inselbewohner das Problem schon seit Jahrzehnten, wie Ernst Boll 1858 in seinen Reise-Erinnerungen von Rügen berichtete. Während man die Seehunde den Sommer über an der Küste fast nicht zu Gesicht bekam, stellten sie sich zum Verdruss der Fischer im Frühling und Herbst ein, wenn die Heringszeit begann. Der Naturwissenschaftler erzählt von den Überraschungen, welche die Fischer morgens beim Einholen der Netze erlebten. Sie staunten nicht schlecht über den „Fang“ in ihren „Manzen“, den großen Netzen, in deren Maschen sich eigentlich ganze Heringe mit ihren Köpfen verfangen sollten. Aber nur die Fischköpfe blieben nach den „Raubzügen“ übrig, denn „während der Nacht sind Seehunde hinter den Netzen entlang geschwommen und haben alle Heringe, bis auf diesen in den Maschen steckenden Überrest verzehrt.“ Kein Wunder, dass der Ärger der Fischer wuchs, denn die Heringsreste konnten sie nur noch als Ackerdünger gebrauchen.

Jahre später, wie am 24. Januar 1901 in dem Anzeigenblatt gemeldet wurde, trieben die Seehunde den Fischern einen noch größeren Streich: Von ihren freien Stellen im Eis aus schwammen sie zu den Löchern, welche die Fischer zum Hechtangeln geschlagen hatten. Hier bedienten sie sich dann an den Fängen, die den Fischern nicht mehr vergönnt sein sollten. Griebens Natur- und Kunstführer für Rügen (1925) ergriff sogar Partei und ließ mit einem schmunzelnden Auge die Beraubten zu Wort kommen: „Einige Hunde, die dann wie zum Hohn ihre blanken Köpfe und blöden Augen in einiger Entfernung vom Boot auftauchen lassen, haben die Netze einfach abgelesen.“

Für viele wurde es damals zur Selbstverständlichkeit, dass man die scheinbaren Störenfriede jagte. Von Mönchgut wissen wir, dass die gefürchteten und mit allerlei abergläubischen Ritualen verbundenen Seehunde sogar in großen Bügelreusen gefangen wurden. Bald löste das Gewehr die Riesenreuse ab. Ende der 1890-er Jahre finden wir in den Tageszeitungen häufig Nachrichten von erlegten Seehunden an der Küste Rügens, Jubelrufe der Fischer eingeschlossen. Jeden Abschuss verbuchte der Schütze als einen Erfolg für die Fischerzunft. Immerhin lebten um 1901 über 690 Insulaner von der See- und Küstenfischerei.

Trotzdem finden wir in der Rügenliteratur einen Nachweis, der das Gegenteil dieser Hetzjagd belegt. Da ist die Rede von Robben, die um 1911 im Schlossteich von Putbus ausgesetzt worden sind. Ein Fischhändler hatte die stattlichen Exemplare vorher aufgekauft und für ein Weiterleben derselben im Park der kleinen Fürstenresidenz gesorgt. Trotzdem ging die Robbenpopulation nach 1900 stark zurück. Lebten damals noch gut 100000 Exemplare in einheimischen Gewässern, waren es in den 1980er Jahren nur noch 2000 Tiere.

Wie sich die Zeiten ändern, spürt man gut 100 Jahre nach diesen Ereignissen vor der Küste unserer Insel. Während damals sich die Mehrheit der Bevölkerung in vollem Recht sah, Jagd auf die „Fischräuber“ zu machen, siedeln sich heute unter fürsorglicher Kontrolle von Wissenschaftlern und Naturschützern im Greifswalder Bodden wieder Kegelrobben an. Das stößt nicht nur auf Zustimmung, denn bei den Fischern von heute ist nicht weniger Abneigung gegen diese Tiere zu erwarten als von ihren Vorgängern des 19. Jahrhunderts.

André Farin

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