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Rügen „Die Scherben lagen einfach so herum“
Vorpommern Rügen „Die Scherben lagen einfach so herum“
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00:01 29.04.2016
Peter Herfert in den Schwarzen Bergen. Quelle: Fotos: Susanna Gilbert

An einem kalten, windigen Morgen im Februar 1962 durchstreiften die Prähistoriker Peter Herfert und Achim Leube den Wald östlich des Dorfes Ralswiek. Sie suchten jene Hügelgräber, die bereits Friedrich Hagenow in seiner Rügenkarte von 1829 verzeichnet hatte, die dann aber in Vergessenheit geraten waren. Die beiden Historiker mussten nicht lange suchen.

... zwischen düster- braunen Bergen ging das anmutige Ralswyk auf, wie ein goldener Morgentraum vor die schwärmende Seele tritt.“(Reisebericht, Mitte 18. Jahrhundert)

Zwischen den Bäumen der „Schwarzen Berge“ reihte sich eine Bodenerhebung an die andere. 454 Hügel wurden später gezählt, die größten ragten zwei Meter empor, die kleinsten nahmen sich mit 25 Zentimeter dagegen bescheiden aus.

„Uns war schnell klar: Das ist etwas Großes“, erinnert sich der heute 80 Jahre alte Herfert. Die beiden Wissenschaftler hatten eines der größten frühgeschichtlichen Hügelgräberfelder Deutschlands wiederentdeckt. Doch damit nicht genug: Wo es Gräber gibt, dachte sich Herfert, muss auch eine Siedlung sein. Und tatsächlich: Als er ins Dorf ging, „lagen 1000 Jahre alte Scherben einfach so herum.“

Herferts Entdeckung markierte den Beginn jahrzehntelanger Ausgrabungen, die Erstaunliches zu Tage förderten: Auf einem rund 9000 Quadratmeter großen Areal in Ralswiek wurden von 1963 bis 1990 etliche tausend Artefakte gefunden.

Sie belegten, dass hier einmal seit dem beginnenden 9. bis weit ins 12. Jahrhundert einer der bedeutendsten Seehandelsplätze des südlichen Ostseeraumes gelegen hatte. Eine derart wichtige frühgeschichtliche Siedlung zu finden, „das passiert nicht jedem“, sagt der heute in Bergen lebende Herfert. Neben seinen Ausgrabungen war der gebürtige Dessauer seit 1970 auch Direktor des Kulturhistorischen Museums in Stralsund, aus dieser Position sei er 1985 „wegen Nichterfüllung von Parteibeschlüssen“ abberufen worden.

Schmuckperlen und Schreibgriffel, Fibeln, Handschuhe aus gewebter Schafwolle, Keramik und Knochen wurden in Ralswiek ausgegraben. Ein Reisigkörbchen, gefüllt mit persischen Drachmen und arabischen Dirhams, wurde unter dem Fußboden neben der Herdstelle eines Hauses geborgen. Die Entdeckung von vier gut erhaltenen slawischen Booten war eine weitere Sensation. Die bis zu 15 Meter langen Boote eigneten sich wegen ihres geringen Tiefgangs bestens sowohl für die flachen Bodden- als auch für die Küstengewässer. „Diese Boote brauchten keinen Hafen“, sagt Herfert. „Sie wurden einfach an den Strand gezogen.“ Auch Specksteinschalen aus Norwegen und in Schweden hergestellte Henkelgefäße offenbarten den Wissenschaftlern die umfangreichen Handelsbeziehungen zu den Umschlagplätzen der Wikinger.

Daher kann das frühgeschichtliche Ralswiek als eine Keimzelle der späteren Hansestädte betrachtet werden.

Entdeckt wurden aber nicht nur die Überreste von Wohnhäusern, sondern auch von Brunnen und Werkstätten. So haben Handwerker in Ralswiek einst Kämme aus Geweihen hergestellt oder Wikinger-Schmuck geschmolzen und in spezielle Formen gegossen. „Ralswiek“, so betont Herfert, „war die erste frühstädtische Siedlung Rügens.“

Denn hier siedelten nicht mehr nur Familienverbände, sondern hier lebten und arbeiteten Sippen mit fremden Freien und Unfreien zusammen. Für diese These sprechen die vielen nichtslawischen Funde und die Tatsache, dass sich unter den Grabbeigaben in den Hügelgräbern nur ein slawisches Schmuckstück befand. Wahrscheinlich war Ralswiek von den Ranen gegründet worden, doch bewohnt wurde der Ort keineswegs nur von Slawen.

Besonders rätselhaft sind die offensichtlich von Menschenhand zertrümmerten Knochenreste von rund 70 Individuen, die man an mehreren Stellen gefunden hat. Für Herfert sowie den Medizinhistoriker Herbert Ullrich von der Berliner Charité weisen die Funde auf die Bedeutung Ralswieks als Kult- und Opferplatz hin.

Die Leichenzerstückelungen seien ein Ausdruck besonderer Totenriten, wie sie seit der Altsteinzeit bis ins Mittelalter praktiziert wurden.

Von Susanna Gilbert

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