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Rügen Diskussion im OZ-Forum: Kann „Stadt Rügen“ die Rettung sein?
Vorpommern Rügen Diskussion im OZ-Forum: Kann „Stadt Rügen“ die Rettung sein?
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17:31 02.06.2017
OZ-Chefredakteur Andreas Ebel bei der Eröffnung der Veranstaltung. Auf dem Podium: Frank-Bertolt Raith, Knut Schäfer und Konrad Wittkowski. Quelle: Uwe Driest
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Bergen

Bergen. „Eine andere Körperschaft, etwa eine Samtgemeinde oder eine Stadt, kann eine Lösung für Rügens unkontrollierte bauliche Entwicklung sein“. Diese provokante These stellte Knut Schäfer, Vorsitzender des Tourismusverbandes Rügen, auf dem aktuellen Forum der OSTSEE-ZEITUNG in Bergen auf. Mit der Fragestellung „Wohin geht die Reise? – Wird Rügen das nächste Sylt?“ hatte die OZ Leser und Experten ins MIZ geladen – und der Ansturm war riesig. Zusätzliche Stühle mussten bereitgestellt werden, im Veranstaltungsraum wurde der Platz bei über 80 Gästen knapp. Das Moderatorenteam aus Redaktionsleiter Jens- Uwe Berndt und OZ-Chefredakteur Andreas Ebel begrüßte als Gesprächspartner der Podiumsrunde nicht nur Matthias Ogilvie (Vizepräsident der IHK zu Rostock und Bürgermeister von Lohme), Immobilienentwickler Konrad Wittkowski aus Sassnitz und Stadtplaner Frank-Bertolt Raith, auch der ehemalige Umweltminister Frieder Jelen (CDU) und der Vorsitzende des Tourismusverbandes Rügen, Knut Schäfer, stellten sich den Fragen von Moderatoren und Publikum. Wie sehr die Entwicklung Rügens die Gemüter der OZ-Leser erhitzt, war schnell klar. „Ich bin auf Rügen geboren und muss sagen, mir wird Angst und bange, wenn ich über die Insel fahre. Überall wird gebaut. Hotels, Straßen, Ferienwohnungen. Es ist zuviel“, sagte Buchhändlerin Petra Dittrich aus Gingst unter Beifall. „Ich gebe der Insel noch zehn Jahre mit diesem Bauboom, dann sind die Touristen weg.“

Die weitere touristische Entwicklung der Insel Rügen war Thema bei Diskussionsveranstaltung der Ostsee-Zeitung. Eine andere Gebietskörperschaft könnte das unkontrollierte touristische Bauen in den Gemeinden stoppen, meinen die Experten.

Das sieht Lohmes Bürgermeister Matthias Ogilvie (CDU) anders. In dem Ort ist ein Wellness-Centrum mit 500 Betten und Ferienwohnungen geplant. In der Gemeinde hat sich eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben formiert, Bürgermeister Ogilvie unterstützt das Projekt. „Hoffentlich wird Rügen das nächste Sylt. Denn wir brauchen hochpreisige Angebote, ohne die wir die Arbeitskräfte auf der Insel nicht halten können“, stellte Ogilvie klar. Ein Raunen des Entsetzens ging durch den Saal, Ogilvie aber verteidigte seine Meinung. „Ich verstehe nicht, was alle immer über ,zuviel Tourismus’ reden. Ich sehe keine Staus auf der Insel. Und selbst wenn: Seien wir doch froh, dass wir sie haben. Dann sehen wir, wir werden nachgefragt.“ Doreen Busch aus Lohme sprang ihm bei.„Derzeit haben wir am Wochenende in Lohme keinen öffentlichen Nahverkehr und keinen Einzelhandel im Dorf“, beklagte sie. „Wenn wir die touristische Entwicklung in solchen Orten nicht fördern, lassen wir die Dörfer kaputtgehen.“

„Es geht nicht um die Schaffung von noch mehr Betten“, widersprach Knut Schäfer energisch. „Stattdessen muss die Auslastung gestärkt werden. Auch Arbeitsplätze gibt es genug. Derzeit hat die Tourismusbranche eher ein großes Problem damit, Arbeitskräfte zu finden.“ Zur Nachhaltigkeit gehört für Schäfer aber auch die Diskussion mit den Menschen vor Ort. „Die Projekte müssen in der Gemeinde offen diskutiert werden“, meinte er. „Und wenn die Bürger das Projekt nicht haben wollen, dann kann es eben auch nicht umgesetzt werden.“ In Binz habe das funktioniert. Die Planungen für den Bau des „Bücherturms“ wurden fallengelassen, nachdem sich die Bürger dagegen ausgeprochen hatten. Spontaner Applaus brandete auf, insbesondere Guido Hoenig lachte zustimmend. Er leitet die Bürgerinitiative „Bewahrt Lohme“, die sich gegen das Großprojekt ausspricht.

Koordinierte Insel-Planung für Tourismus gefordert

Ein Plädoyer für eine großräumigere Planung hielt der ehemalige Umweltminister Frieder Jelen, der auch den Ehrenvorsitz im Verein Insula Rugia innehat. „Derzeit entscheidet jede Gemeinde für sich, so sind in den vergangenen Jahren über 10 000 neue Betten auf Rügen entstanden. Es braucht aber eine tragfähige und nachhaltige Planung, sonst ist das Wachstum unkoordiniert. Eine Art übergeordentes Raumordnungsverfahren für Rügen könnte eine Lösung sein.“Die Gemeinden seien zu zersplittert, die Investoren nutzen das aus, um Bauprojekte durchzudrücken bestätigte Siegbert Geitz aus Gingst. „Auf Fehmarn ist man einen anderen Weg gegangen.“ Dort ist die Insel administrativ seit 2003 zu einer Stadt zusammengefasst, die Orte haben als Stadtteile ihre eigenen Stadtteilbürgermeister. „Es muss auf jeden Fall gemeinsam über eine Entwicklung entschieden werden“ unterstützte Knut Schäfer diese Idee. „Wir müssen weg von dem ,Würstchendenken’. Auf Rügen ist der Einzelne aus Baabe oder aus Binz oder aus Putbus. Erst mit dem Überqueren der Rügenbrücke Richtung Festland werden alle zu Rüganern und halten zusammen. Tourismus ist allerdings eine Gemeinschaftsaufgabe.“

Frank-Bertolt Raith, der als Architekt und Stadtplaner viele Bauplanungen der Region betreut, gab zu bedenken „Die Kommunen sind bei ihren Planungen autark“, sagte er. „Und das ist ja auch so gewünscht.“ Er sieht die touristische Entwicklung in vielen Orten noch nicht ausgereizt, die Verantwortung liege aber bei den Gemeinden. „Was wir machen können, um eine maßlose Entwicklung zu verhindern? Die Kommunen können über die Ausweisung von Wohngebieten gegensteuern und so Wohnraum für junge Familien sichern. Die Stadtplaner sind nur die ausführenden Unternehmen.“ Das sah man im Publikum wohl anders, leises Murren ging durch die Reihen.

„Wir drehen uns im Kreis“, meinte Prof. Hans Dieter Knapp „Es gab 2002 ein Regionales Entwicklungskonzept für die Insel Rügen, wo drinsteht, dass von weiteren großflächigen Hotelbauten abzusehen ist. Warum wird das immer wieder in Frage gestellt? Die Immobilien- und Bodenpreise schnellen weiter in die Höhe. Ist unsere Insel nicht zu schade, um sie zu verkaufen?“ Immobilienmakler Konrad Wittkowski nickte. „Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren bis zu 50 Prozent angestiegen“, sagte er. „Man sollte zunächst die Sanierung des Altbestands vornehmen, bevor man neue Projekte baut. Eine Entwicklung mit Augenmaß ist nötig“ Auf Nachfrage, ob es denn nicht um maximale Rendite gehe, stellte Wittkowski klar. „Es kann nicht immer um maximalen Gewinn gehen, wenn dabei die Insel kaputt geht.“ Fazit: Es besteht der Wunsch der Einwohner, stärker in Planungen einbezogen zu werden und mitzureden. Dem wird die OZ Rechnung tragen. Das nächste Forum zum Thema Windkraft ist bereits in Planung. „Wir wollen mit solchen Foren die Hintergründe erläutern und die Leser mit ihren eigenen Fragen zu Wort kommen lassen“, sagte Andreas Ebel.

Anne Friederike Ziebarth

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