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Rügen „Ich wollte es nie anders haben“
Vorpommern Rügen „Ich wollte es nie anders haben“
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18:36 15.02.2019
Rohrdachdecker Frank Willi Leinweber ist im Winter mit der Ernte des abgestorbenes Schilfes vor der Haustür in Moisselbritz beschäftigt. Quelle: Wenke Büssow-Krämer
Moisselbritz

Es war der Zufall, der Frank Willi Leinweber auf sein heutiges Gewerbe brachte. Erst 1986 kam er aus Mecklenburg nach Moisselbritz. „Ich wollte ans Wasser. Damals war ich aber noch in der Landwirtschaft beschäftigt“, sagt der 57-Jährige. Das Haus, das er hier im Ort übernahm war rohrgedeckt. So begann er dann noch zu DDR-Zeiten in den benachbarten Schilf zu gehen. „Wir haben hier einfach gemäht. Ich habe mich damit ausprobiert, um das Rohrdach meines eigenen Hauses zu erhalten.“

Zu diesem Zeitpunkt war selbst für ihn noch nicht absehbar, dass er eines Tages damit seinen Lebensunterhalt verdienen wird. Erst die Wendejahre wurden zum Wegweiser. „Man hörte, wie überall Hotelpläne an der Küste geschmiedet wurden. Um das hier bei uns vor der Tür zu verhindern, habe ich damals mit einem Kollegen die Schilfflächen gepachtet, um diesen Zustand zu sichern“, sagt Frank Willi Leinweber. Im Laufe der Jahre entwickelte sich seine Fertigkeit, die ihn dann zum Rohrdachdecker werden ließ.

„Fünf Rohrwerber sind wir wohl derzeit auf der Insel“, sagt Leinweber und spricht dabei von den Kollegen, die das Rohr selbst ernten. Darunter ist dann auch ein Unternehmen, das sich nur mit der Ernte beschäftigt und diese verkauft, aber nicht selbst Dächer deckt. „Ich ernte das hier nur für meine eigenen Arbeiten“, so Leinweber, der sich auch noch an die Zeiten erinnert, in denen allein in seiner Umgebung zehn Männer Schilf gemäht haben – wenn auch meist nur für den Eigenbedarf. Heute ist dafür eine Ausnahmegenehmigung notwendig.

Frühestens im November beginnt für ihn die Erntezeit. „Das Rohr muss abgestorben sein, was wir totreif nennen“, erklärt der Moisselbritzer. Erst dann lösen sich durch die Reibung dank des Windes die Blätter, was glattes Rohr zurücklässt. Mit seinen Fahrzeugen ist er im Winter stets in der Nähe seines Hauses, in den Verlandungsflächen am Großen Jasmunder Bodden unterwegs. Eine Winterpause ist für ihn nicht eingeplant. Mit dem fahrbaren Mähbinder – der das Rohr mäht und gleich bindet – ist er mit Glück schon vom Gutshaus aus zu entdecken. Eine Miniraupe ermöglicht einen schonenden Transport der Bunde und bringt seine Ernte dann auf den eigenen Hof am Ortsende.

Spätestens Ende Februar ist dieser Einsatz dann vorbei. Wenn die Brutzeit für das Federvieh beginnt, wäre die Gefahr der Zerstörung zu groß. „Außerdem muss dann auch noch genügend Altschilf für die Vögel da sein“, so Leinweber. Auch wenn er im Winter stets allein bei der Arbeit ist, hat der Einsatz auch seine Vorteile. „Es hat natürlich den Vorzug, da ich dann vor Ort arbeite und kurze Wege habe“, sagt Leinweber. Auch Frosttemperaturen können ihm die Lust an der Aufgabe scheinbar nicht vermiesen. „Ich bin damit zufrieden und wollte es nie anders haben.“

Für ihn beginnt dann die Zeit, in der das Rohr ausgearbeitet, gereinigt und gebündelt wird. Während er bis dahin allein arbeitet, hat er in den wärmeren Monaten zwei bis drei Kollegen für die Arbeit auf den Dächern der Insel an seiner Seite. Zwar verwendet er selbstverständlich seine eigene Ernte aus dem Winter am liebsten, doch reicht das bei weitem nicht. „Es wird viel importiert. Das Rohr kommt dann aus China, Ungarn, Rumänien, Ukraine, Polen oder auch Österreich“, erklärt Leinweber.

2014 hat es das Reetdachdecker-Handwerk in das deutsche Verzeichnis der Immateriellen Kulturerbe der Unesco geschafft. Ein Gewerbe, dass immerhin schon 4000 Jahre vor Christus entdeckt wurde. „Es ist ein angenehmer Baustoff mit Vorteilen auch für die Wärmedämmung. Arbeitet man dann mit einheimischem Rohr und sind die Wege zum Einsatzort nicht weit, ist es natürlich ein sehr ökologischer Baustoff“, so Leinweber. Das Ergebnis erfreut dann auch das Auge. „Natürlich ist es von Urlaubern in unserer Region da auch auf Ferienwohnungen gern gesehen und bringt einen wirtschaftlichen Vorteil für die Vermieter.“

Auch wenn er nicht zu den gebürtigen Rüganern zählt, macht seine Arbeit den sympatischen Frank Willi Leinweber zu einem der bekannteren Inselgesichter.

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Wenke Büssow-Krämer

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