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Edeltraud Krenz zog acht Kinder groß

Landow Edeltraud Krenz zog acht Kinder groß

Die gesamte Familie lebt auf Rügen / Bei der Seniorin geht es manchmal zu wie im Taubenschlag

Landow. Bauern fackeln nicht lange: Schon bei der zweiten Begegnung hatte der Landower Heinz Krenz das hübsche Flüchtlingsmädchen Edeltraud zum Tanz im „Dörp“ in Dreschvitz eingeladen. „Er war so ein schöner Mann“, schwärmt die 79-Jährige noch heute. „Sowas kannst du mit der Stecknadel im Heuhaufen suchen.“ 1956 wurden Edeltraud und Heinz ein Paar, zwei Jahre später wurden sie vom Brautvater, denn der war Standesbeamter, getraut.

Die frischgebackene Ehefrau zog von Rambin auf den Hof in Landow zu Mann und Schwiegermutter. Für ihren Job in der LPG Dreschvitz hatte sie bald keine Zeit mehr, denn jedes Jahr wurde die Familie größer. Vom Jahr der Hochzeit bis 1964 brachte Edeltraud acht Kinder – fünf Mädchen und drei Jungen – zur Welt.

„Alle Kinder wohnen auf Rügen“, freut sich Edeltraud. Und alle halten zusammen. Ein Sohn lebt bei ihr im Haus, im Gebäude gegenüber wohnt eine Tochter mit ihrer Familie. Mittlerweile gehören auch 15 Enkel und 12 Urenkel zur Krenz-Dynastie, so dass es bei der resoluten Rentnerin zugeht wie im Taubenschlag.

Die Kinder helfen, wo sie können, auch bei der Kartoffelernte, beim Einkaufen und bei dem, was sonst noch anfällt. Sie waren ihr auch eine große Stütze bei der Pflege des kranken Mannes, der eines Tages vom Hochsitz gestürzt war und drei Jahre lang dahinsiechte, bis er im Jahre 2005 starb.

Jeden Morgen kommt Tochter Christine nach der Frühschicht als Gärtnerin aus Unrow zum Frühstück ins Elternhaus in Landow. Und sonntags, so hat es sich eingebürgert, trifft sich der gesamte Clan zu Kaffee und Kuchen beim Familienoberhaupt.

Denn das ist sie, die Edeltraud. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Mit starkem Willen, Disziplin und Sparsamkeit hat sie ihre Kinder großgezogen. Sie selbst war als Achtjährige von Treptow an der Rega im heutigen Polen nach Rügen geflüchtet. Die Schrecken dieser Zeit hat sie nie vergessen. Edeltrauds Mutter musste vier Töchter durchbringen, die kleinsten waren zwei Jahre und gerade einmal sechs Monate alt. „Wir haben richtig gehungert und uns von Sauerampfer aus den Wäldern ernährt“, erinnert sich die alte Dame. „Und in Stralsund haben wir wochenlang in der Marienkirche kampiert, bis uns die Frau des Rambiner Bürgermeisters aufgenommen hat.“ Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen hat Edeltraud Krenz Mitgefühl für jene Menschen, die heute aus Krieg und Lebensgefahr fliehen: „Solche müssen wir aufnehmen“, meint sie.

Tochter Christine, eine begeisterte Motorradfahrerin, blickt wie ihre Geschwister gern auf ihre Jugendjahre zurück. „Eine bessere Kindheit ging nicht“, meint sie. Dabei war das Leben nicht immer nur Zuckerschlecken. „Bei uns hieß es ,Erst sparen, dann kaufen!’“, erinnert sich die heute 53-Jährige. „Wir mussten alle ran.“ Selbst am Sonntag hatte die ganze Familie pünktlich um 8 Uhr am Frühstückstisch zu sitzen. „Wer zur Disko kann, der kann auch arbeiten“, hieß es.

Auf dem Hof gab es immer etwas zu tun: Kartoffeln mussten gesammelt und Rüben gehackt werden. Außerdem waren etliche Tiere zu versorgen – Kühe, Sauen, Pferde, Schafe, Gänse und Hühner. Bis 1960 waren die Krenzens Einzelbauern, dann ging der Hof in die LPG über. Damals bekam die Familie erst nach Protest wenigstens zwei Kühe zurück, um die Kinder mit frischer Milch zu versorgen. Nach der Wende startete sie als Neueinsteiger mit 20 Hektar Land noch einmal durch.

Auch heute noch versorgt Mutter Edeltraud 80 Hühner, deren Eier sie wie die Erzeugnisse von ihrem Acker in einem Verkaufsstand vor dem Haus anbietet. „Außerdem landen hier ständig Katzen, die irgendjemand ausgesetzt hat“, lacht sie und springt schon wieder auf, um nach ihrem Garten zu sehen. „Ich bin die einzige im Dorf, die noch einen richtigen hat.“ Ihre Blumenbeete sind vorbildlich gepflegt, die Pflanzen auf dem Acker akkurat gesetzt. Langeweile? „Och nee – die kenn’ ich nicht", sagt die quirlige Seniorin und zupft eine verlorene Unkrautpflanze aus dem Boden.

Susanna Gilbert

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