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Ein Bayer will die Welt erobern

Quatzendorf Ein Bayer will die Welt erobern

Nico Gruber gründete mit 17 Jahren sein erstes Unternehmen. Heute stellt er modernste Instant-Farben her

Quatzendorf. So, wie einst die Dreikronenkreide Weltruf erlangte und die geleimte Wandfarbe „GW 12“ eine ganze Republik zusammenhielt, schickt sich Nico Gruber an, die Welt erneut von Quatzendorf aus zu erobern. Zumindest die Welt der Farben. „Ich habe mit 17 Jahren in Bayern meinen ersten Betrieb gegründet“, erzählt Gruber. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er 2000 eine Fabrik für „Farbe aus nachhaltiger ökologischer Produktion“ in Löcknitz. „Weil wir an manchen Tagen bis zu 100 Tonnen Kreide nach Löcknitz gefahren haben, sahen wir uns nach einem Standort um.“

Der war 2008 gefunden und gemeinsam mit seiner brasilianischen Ehefrau Michelli, die Außenwirtschaft studierte, siedelte er nach Rügen über. So sind die drei Töchter im Alter von acht Monaten bis sieben Jahren bereits auf Rügen geboren. Noch wohnt die junge Familie in einem Gebäudeteil der Fabrik, „aber wir sanieren derzeit einen in der Nähe gelegenen Dreiseitenhof“.

Unfassbar viel Müll sei zu beräumen gewesen, bevor die ursprüngliche Gestalt wieder zu erahnen gewesen sei. „Ein Teil wurde früher als Schrottplatz genutzt und stellenweise war das Gelände mannshoch zugewuchert“, beschreibt Gruber die Herkulesaufgabe, die hinter ihm liegt. Auch war der Schornstein des Kreidefarbenwerks, der einst stolze 48 Meter in die Höhe ragte, baufällig. „Die Behörden hätten ihn am liebsten ganz entfernt, aber wir möchten die historische Ansicht erhalten und kappten ihn deshalb auf 20 Meter“, erzählt Gruber. „Auf Rügen müssen für meinen Geschmack überhaupt zu viele alte Gebäude und auch Bäume zugunsten von Fertigteilbauten weichen“, bedauert er.

Die Fabrik von Quatzendorf möchte er „in altem Glanz erstrahlen lassen und als gläserne Produktion der Öffentlichkeit zugänglich machen“. Einige der alten Maschinen sind an das Kreidemuseum Gummanz ausgeliehen. Die könnten zurückkehren, wenn eines Tages ein weiterer Standort für die museologische Darstellung der Kreidewirtschaft auf Jasmund entsteht.

Einer, der bis jetzt drei in der Produktion Beschäftigten, ist Heinz Kolbe. Der fing schon 1984 in dem Werk an, in dem auch sein Schwiegervater arbeitete und kennt den Betrieb besser als jeder Andere. „Zu DDR-Zeiten waren wir 57 Beschäftigte, die in bis zu vier Schichten arbeiteten“, weiß er noch. Darunter auch studentische Saisonkräfte oder Vietnamesen vom Militär in Prora. Einen Speisesaal hat es gegeben und Unterkünfte für die Arbeiter. Sogar eine Sporthalle, in der Box-Legende Leo Weichbrodt, der als Heizer im Werk arbeitete, trainierte.

Nach der Wende führte bis 1998 der Hamburger Bauingenieur Friedrich-Wilhelm Hagen die Geschäfte der Kreide-Farbenwerk Rügen GmbH, die mit einer Lizenz für chemisch-pharmazeutische Produkte Farbe, Kleister und Kleber herstellte. Die „GW 12“ hätten sie tonnenweise auch an den Kölner Wissenschaftsjournalisten Jean Pütz geliefert, erinnert sich Kolbe. Mittlerweile bestünden Verträge mit Obi, Hagebau oder Hoco-Möbel.

Wie einst Firmengründer Johannes Heinrich Quistorp sieht sich auch Gruber einer ökologischen Produktion in sozialer Verantwortung verpflichtet. Die Firmenstrategie wechselte er weg vom Mengenabsatz und hin zur Produktion neuer und qualitativ hochwertiger Produkte. „Die Paintbox beispielsweise ist eine patentierte Verpackungsform, die acht Prozent weniger Kunststoff enthält und hundert Prozent transportsicher ist“, erklärt Gruber. Diese Erfindung habe ihm den Versand über Amazon ermöglicht.

Im nächsten Schritt entwickelte Gruber eine Instant-Farbe für höchste Ansprüche. „Die wird als Pulver geliefert und ist nach dem Zusatz von Wasser auf den Schlag verwendbar“, so Gruber. „Weil die Farbe kein Wasser enthält, kommt sie ohne Biozide aus. Das senkt nicht nur Versandkosten, sondern bedeutet eine Produktion auf höchstem ökologischen Standard“, betont Gruber. Dafür ließ er den Prototyp einer Mühle entwickeln, welche die Titan-Weiß-Pigmente bis in den Nano-Bereich mahlt.

In der Nachbarschaft ist noch nicht viel bekannt über seine Vorhaben, "aber wenn Nachbarn kommen und fragen, was wir hier machen, führe ich sie gern über das Gelände, wenn die Zeit es erlaubt", verspricht Gruber.

Uwe Driest

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