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Ein brasilianischer Sonnenschein aus Lauterbach

Lauterbach Ein brasilianischer Sonnenschein aus Lauterbach

Joci Elbersen stammt aus Südamerika, ihre Kinder sind auf Rügen geboren / Die Mutter will den Kindern das Beste aus beiden Kulturen mit auf den Weg geben

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Auf ihre Ohrringe ist die kleine Anabella (3) stolz, Mama Joci hat ihre auch schon seit der Geburt.

Quelle: Gaia Born

Lauterbach. Die zierliche Anabella (3) stürmt in die Wohnung in Lauterbach und schwatzt los. Ihre Mama Joci hört ihr zu — und übersetzt dann: „Heute war es im Kindergarten aufregend, sie haben einen Geburtstag gefeiert!“ Anabella ist erst drei Jahre alt — und spricht bereits drei Sprachen.

Joci Elbersen erklärt: „Ich bin in Rolandia in Südbrasilien geboren und spreche Portugiesisch mit meinen Kindern. Mein Mann Martijn kommt aus den Niederlanden und spricht Niederländisch. Und im Kindergarten oder bei der Tagesmutter sprechen Anabella und Daniel natürlich Deutsch.“ Auch die 32-Jährige spricht sehr gut Deutsch und bildet sich am Goethe-Institut in Stralsund immer noch weiter.

Sie lebt seit neun Jahren auf Rügen, auch ihre Kinder sind hier in Bergen zur Welt gekommen.

Doch so ganz ohne brasilianische Bräuche geht es für die zierliche Joci nicht: „In Brasilien tragen die Babys, wenn sie aus dem Krankenhaus kommen, rote Kleidung. Das soll sie schützen. Ich glaube da nicht so richtig dran, aber schaden kann es ja auch nicht, oder?“ Und so waren sowohl Anabella als auch Brüderchen Daniel (1) rot gekleidet, als sie aus dem Sana-Krankenhaus kamen. Anders als viele Brasilianerinnen hat Joci sich aber für eine natürliche Geburt ihrer Kinder entschieden. „In Brasilien kommen rund 93 Prozent aller Babys per Kaiserschnitt auf die Welt. Die Ärzte dort sind schon gar nicht mehr auf natürliche Geburten eingerichtet“, schüttelt sie den Kopf. Es sind die Angst vor den Schmerzen und die bessere Planbarkeit, die den Kaiserschnitt so populär gemacht haben.

Und noch etwas anderes ist in Brasilien ganz normal: „Die Mädchen bekommen schon kurz nach der Geburt Ohrringe gestochen. So kriegen sie es gar nicht groß mit.“ Auch Anabella trägt ihre Ohrringe mit Stolz und tritt damit das Erbe ihrer brasilianischen Verwandtschaft an: „Für Frauen in Brasilien gehört das Herausputzen einfach mit dazu. Sie legen großen Wert auf ihr Aussehen und gehen wöchentlich zum Friseur und ins Nagelstudio. Allerdings ist das dort auch nicht so teuer wie hier,“ sagt Mama Joci. Auch das Baby muss in Brasilien schön sein. „Ich putze Anabella und Daniel hier höchstens mal zum Fotoshooting raus. Sie sollen es bequem haben“, meint sie pragmatisch und lächelt über die brasilianischen Eltern, die ihrem Kind teure Adidas-Schühchen kaufen, bevor es überhaupt laufen kann.

„Naja, die ganze Kultur ist halt anders“, meint Joci. „Dort haben die Kinder auch nicht so viel Routine. Abends gehen sie spät ins Bett, denn bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad fällt es oft schwer, einzuschlafen. Im Sommer ist das hier ja auch so.“ Ihre Kinder gehen aber früh ins Bett und stehen früh auf. Joci versucht, das Beste aus beiden Kulturen für sich zu vereinen: „Ich bin zum Beispiel froh, dass ich nach der Geburt meiner Kinder eine Hebamme hatte. Sie hat mir die Angst vor dem Stillen genommen.“ Denn in Brasilien wird das Wissen von den Großeltern und

Eltern weitergegeben, sie verunsichern die Mütter oft und meinen, sie hätten zu wenig Milch.„Dabei ist das Quatsch. Aber zum Arzt gehen die Mütter nur, wenn die Kinder wirklich krank sind, und nicht, um eine Frage zu stellen“, erzählt Joci.

Deshalb füttern viele Mütter ihrem Kind schon früh zu und gewöhnen es mit Obstbreien an feste Nahrung. „Daneben bekommen sie aber noch lange die Flasche, zum Teil bis sie sechs sind. Die Zahnärzte in Brasilien haben keinen leichten Job“, bedauert die patente Mama. Eine Sache gibt es, die Joci eher wundert. „Brasilien hat eine sehr offene, kommunikative Kultur. Man sollte also meinen, dass das Familienbett dort üblich wäre.“ Stimmt aber nicht, in Brasilien schlafen die Kinder schon früh allein. „Bei meinen Freunden hier in Deutschland schlafen die Eltern und Kinder oft gemeinsam in einem Bett. Das hätte ich mir eigentlich genau anders herum vorgestellt.“

Anabella hat in der Zwischenzeit mit einer Freundin gespielt und dabei Deutsch gesprochen. Jetzt fragt sie ihre Mutter etwas auf Portugiesisch. „Manchmal kommen wir schon durcheinander“, lacht Joci.

„Denn es ist ja nicht nur die Übersetzung, jede Sprache hat ihre Eigenheit. Wenn ich auf Portugiesisch sage ,vem aqui‘, also ,komm her‘, ist das ganz normal. Wenn Anabella aber ihren Vater so auf Niederländisch ruft, klingt das unhöflich.“

Dabei ist Höflichkeit in der brasilianischen Kultur sehr wichtig, sie findet nur einen anderen Ausdruck. „Ich musste mich erst mal an die Direktheit der Deutschen gewöhnen. In Brasilien würde nie jemand sagen ,Du siehst aber heute schlecht aus‘“, berichtet Joci. „Vielleicht käme dann eher die Frage, ob man schlecht geschlafen hat.“ Die junge Mutter lächelt. Sie und ihre Familie haben sich gut mit diesen kulturellen Unterschieden arrangiert. Es hat eben Vorteile, in zwei Welten zu leben.

Deutsche Wurzeln in Brasilien

Die Gemeinde Rolândia , aus der Joci stammt, wurde von 400 Familien aus Bremen gegründet. Der Ort liegt im Dschungel Brasiliens, rund 200 Kilometer westlich von São Paulo.

1957 spendeten Bremer Kaffee-Kaufleute eine Statue des Bremer Rolands, er gab der Gemeinde ihren Namen. Noch heute werden dort zum Teil deutsche Bräuche gepflegt, auch wenn kaum noch jemand Deutsch spricht.

Von Gaia Born

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