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„Eine Schande, ein Skandal!“

Groß Schoritz „Eine Schande, ein Skandal!“

Die Entscheidung der Uni Greifswald, den Namen von Ernst Moritz Arndt abzulegen, befeuert die Diskussion in der Rügener Arndt-Gesellschaft zusätzlich

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Hier befindet sich der Sitz der Arndt-Gesellschaft: im Geburtshaus des Schriftstellers in Groß Schoritz.

Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

Groß Schoritz. „Endlich haben sie es geschafft und jubeln und schreien Hurra“, sagt Walter Schulz (79) verbittert. „Die Greifswalder Strategen geben keine Ruhe und wollen unseren Ernst Moritz Arndt nun endgültig vom Sockel stoßen, sodass er für immer aus dem Gedächtnis des Volkes verschwinden soll.“ So bewertet das langjährige Mitglied der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft die Entscheidung der Greifswalder Universität, sich vom ehemaligen Namenspatron zu trennen. Schulz war einst Lehrer in Garz und hatte im Jahr 2000 gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Karl Ewald Tietz, die Schrift „Ernst Moritz Arndt im Widerstreit der Meinungen: Materialien zu neueren Diskussionen“ verfasst. Nach Tietz’ Tod im November 2011 zog sich Schulz aus dem Vorstand der Gesellschaft zurück, und im vergangenen Jahr wechselte er aus gesundheitlichen Gründen nach Stralsund.

Weil Arndt „im Volk hier bis heute tief verwurzelt ist, ist man sehr enttäuscht, verletzt und wütend über die neuerliche Entscheidung von nur 24 Senatoren“. Die hätten geschafft, „was vor hundert Jahren nicht, im Dritten Reich nicht oder schon gar nicht zu DDR-Zeiten“ gelungen sei. „Eine Schande, ein Skandal!“, schimpft Schulz.

Das Ansinnen, Arndt zu entthronen, hätten die totalitären Regime auch gar nicht verfolgt, halten Arndt-Kritiker dem entgegen. In der DDR habe Arndt als Mann des einfachen Volkes gelten sollen. Um ihn als sympathischen Menschen auszuweisen, habe der Staat zahlreiche Aussagen zu Antisemitismus und Rassismus unterschlagen. Umgekehrt habe er aus eben diesen Gründen den Nazis als „Vorkämpfer des Dritten Reichs“ gegolten. Sein 1803 entstandenes Werk „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ habe Arndt vor allem geschrieben, um das Wohlwollen des schwedischen Königs zu erlangen und wieder aufgegeben, als er 1815 in preußische Dienste eintrat.

Das alles sei im historischen Kontext zu sehen, wehrt Walter Schulz ab. Er erwartet vom amtierenden Vorstand der Arndt-Gesellschaft, stärker dagegenzuhalten. Die Kritiker von Ernst Moritz Arndt fänden heute „vermutlich nicht so starke Gegner, wie es damals die Arndt-Gesellschaft unter Leitung von Professor Tietz, mit Maria Pakulla und anderen Mitstreitern an seiner Seite, war“.

Die Aberkennung des Namens der Greifswalder Universität ist dem aktuellen Vorstand der Arndt-Gesellschaft zwar nicht gleichgültig, bringt ihn aber auch nicht aus dem Gleichgewicht. „Wir finden die Entscheidung nicht so dramatisch, dass wir eine Initiative starten würden“, sagt Vorstandsmitglied Michael Erben. Es stehe allerdings zu befürchten, dass damit auch die Diskussion um Ernst Moritz Arndt nicht mehr stattfände. Das wäre bedauerlich, weil die positiven Aktivitäten von Arndt, der nicht zuletzt ein großer Kämpfer für die Pressefreiheit gewesen sei, die negativen bei Weitem überwiegen. „Völlig unsinnig ist es, Arndt Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen“, findet auch Erben. Vielmehr habe dieser größte Verdienste um die Einheit des bis dahin in zahlreiche Fürstentümer zergliederten Nationalstaates erworben. Die hätten ihn als ältesten Teilnehmer zum Ehrenmitglied der Nationalversammlung von 1848 gemacht. „Das war damals derselbe Gedanke, den wir Deutsche heute der Einheit Europas widmen“, so Erben. Auch der Aspekt des Antisemitismus sei zwar mitnichten zu verharmlosen, aber im Kontext vorherrschenden Zeitgeists zu beurteilen, sagen Erben und Schulz unisono.

Antisemitismus sei beispielsweise auch Martin Luther vorzuwerfen. „Aber deshalb wurde das Luther-Jahr doch nicht abgesagt“, so Walter Schulz. Was für Luther gelte, „das wünsche ich mir auch für unseren Namenspatron“. Und zwar schon bald, denn im kommenden Jahr wird dessen 250. Geburtstag begangen.

Ernst Moritz Arndt

Ernst Moritz Arndt wurde am 26. 12. 1769 in Groß Schoritz geboren und starb 1860 in Bonn.

Der Schriftsteller, Historiker und Freiheitskämpfer galt als einer der bedeutendsten Lyriker der Epoche der Befreiungskriege.

1813 definierte Arndt in dem Gedicht „Des Deutschen Vaterland“, die Grenzen eines Nationalstaats: „So weit die deutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt.“

Als im Mai 2017 eine vertonte Version des Gedichts im Arndt-Geburtshaus aufgeführt wurde, kam es zu einem Anschlag mit einer ätzenden Flüssigkeit. Motiv und Täter blieben unklar.

Das Arndt-Museum in Garz besteht seit 1937.

Die Arndt-Gesellschaft gründete sich 1991 und hat heute bundesweit gut hundert Mitglieder.

Auf der Insel Rügen trägt das einzige Gymnasium der Insel seinen Namen, ein Turm in Bergen ist nach ihm benannt sowie Straßen in mehreren Orten.

Uwe Driest

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