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Eine echte „Deern“ hinter der Kanzel

Putbus Eine echte „Deern“ hinter der Kanzel

Mit Marie-Luise Marlow übernimmt eine junge Pastorin die Kirchengemeinden von Putbus

Putbus. Einen beinahe fliegenden Wechsel gab es an den zurückliegenden beiden Wochenenden in der Pfarrstelle der drei Kirchengemeinden von Putbus. Die neue Pastorin Marie-Luise Marlow löste Pastor Jochen Müller-Busse ab, dessen einjährige Vertretungszeit endete. Pröpstin Helga Ruch, welche die Nachfolgerin am vergangenen Sonntag einführte, zitierte aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse und könnte damit zugleich den scheidenden Pastor angesprochen haben: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen /

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

„Wer bin ich, dass ich ab heute für gleich drei Gemeinden zuständig sein soll?“, fragte die junge Pastorin in ihrem ersten Gottesdienst ihrer ersten Pfarrstelle. Gott berufe nicht die Befähigten, sondern befähige die Berufenen, lautete die beruhigende Antwort. Das anschließende Abendmahl im beheizten Gemeinderaum der Schlosskirche musste wegen des großen Interesses wissensdurstiger Gemeindemitglieder an „Christi Blut“ in drei Etappen absolviert werden.

Neu sind auch die je sechs Mitglieder der drei Gemeinderäte, die erst im November vergangenen Jahres gewählt wurden. Und weil die neue Pastorin „besonders im Kinder- und Jugendbereich ausgebildet ist“, hofft Gemeinderat Martin Hurtienne darauf, „dass wir vielleicht auch wieder eine Konfirmandengruppe gründen können“. Als erste Amtshandlung hatte der Gemeinderat einen „Spendenaufruf an Unternehmen und Selbstständige zur Hilfe bei der Erhaltung der Kirchen Putbus, Kasnevitz und Vilmnitz“ ausgesandt. Aus Spenden auch der zusammen 750 Mitglieder der drei Kirchengemeinden kamen bisher immerhin Eigenmittel zusammen, um Fördergelder für bauliche Maßnahmen und den kirchlichen Kindergarten einzuwerben. Mittlerweile aber bröckelt der Putz an den Pfeilern der Schlosskirche.

Die 1984 geborene Marie-Luise Marlow ging keinen geradlinigen Weg zu ihrer heutigen Berufung. „Aufgewachsen bin ich in Dierhagen-Strand direkt hinterm Deich“, erzählt sie. Vater in einem technischen und Mutter in einem kaufmännischen Bereich tätig, gehörten keiner Kirche an. „Schon als Kind habe ich mich aber für Religionen interessiert und mir eine Kinderbibel gewünscht“, erzählt Marie-Luise Marlow. Als 19-Jährige ging sie für acht Monate als Au-pair-Mädchen nach Irland, begann danach ein Lehramts-Studium für Deutsch und Religion, um sich ein Jahr darauf der Theologie zuzuwenden. „Da dachte ich aber noch immer nicht daran, Pastorin zu werden, sondern vielleicht Religionspädagogin.“ Statt des erwarteten Erleuchtungs- sollte sie dann ein Schlüsselerlebnis haben. Das sei der Besuch einer Vorlesung von Christof Hardmeier gewesen“, erinnert sie sich. Der Professor für das Alte Testament in Greifswald habe es verstanden, „Wissenschaft und Religion zu vereinbaren, indem er aktuelle Bezüge herstellte“. Da habe sie gedacht: „Das kann ich auch!“ So ließ sie sich 2006 taufen. Seither reiste sie dreimal für mehrere Monate nach Südamerika, arbeitete in sozialen Projekten und lernte die „Theologie der Befreiung“ des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez kennen. Während ihres Vikariats in Gristow-Neuenkirchen kam Töchterchen Mathilda zur Welt, das die blonden Locken von Vater Martin, einem angehenden Krankenpfleger, hat. In Putbus tritt Marie-Luise Marlow ihr Amt als „Pastorin zur Anstellung“ an. Nach drei Jahren müsste sie sich erneut bewerben, wenn sie bleiben möchte.

„Danach sieht es jetzt sehr aus“, freut sich die junge Mutter auf die neue Aufgabe. Die Familie lebt im Vilmnitzer Pfarrhaus und erwartet Mitte Juni wieder Zuwachs. Daher geht die frischgebackene Pastorin ab Mai in Mutterschutz und dann Elternzeit. „In der Phase werde ich zwar keine Gottesdienste abhalten, aber dennoch für die Gemeinde da sein, wenn es brennt“, sagt sie. Danach könne sie sich vorstellen, mit Stadt, Vereinen und Tourismus ein kulturelles Angebot zu erarbeiten. Erst ein mal müsse aber wieder Normalität in den Alltag ihrer drei Gemeinden einkehren.

Uwe Driest

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