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Rügen Er hat den Wandel des Ortes miterlebt
Vorpommern Rügen Er hat den Wandel des Ortes miterlebt
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00:05 25.11.2016
Helmut Knaak mit seinem Esel Hans: Den hatte er zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen. FOTOS: SUSANNA GILBERT

. Esel Hans guckt gelangweilt durch die Gegend. Angepflockt auf der Wiese verbringt er seine Tage. Manchmal reißt er sich los, dann muss sein Besitzer Helmut Knaak die Beine in die Hand nehmen. „Hans ist ein Hengst“, sagt er schmunzelnd, „deshalb guckt er sich ab und zu nach einer Frau um.“ Die ganze Familie hatte dem Mursewieker zum 60. Geburtstag einen Herzenswunsch erfüllt und das Grautier geschenkt. Das war vor 20 Jahren. Mittlerweile hat Helmut schon das Fest zu seinem 80. gefeiert. Dabei waren natürlich seine fünf Töchter mit ihren Ehemännern, elf Enkel und 21 Urenkel.

Eine unbeschwerte Kindheit hatte es für Helmut nicht gegeben. Vater Wilhelm, der den Hof der Familie 1939 übernommen hatte, wurde im selben Jahr an die Front geschickt. 1944 war er in englische Gefangenschaft geraten, aus der er erst vier Jahre später zurück kehrte. 1951 starb der Vater, und der 15-jährige Sohn musste allein Mutter und Schwester ernähren.

Frau Gisela, eine gebürtige Buschvitzerin, lernte er 1958 kennen. Beide arbeiteten damals in der Landwirtschaft beim VEG Ummanz, und als Helmut einmal krank war, besuchte ihn die fünf Jahre Jüngere mit einem Blumenstrauß. „Hellmut, du wirst bald 23, und bist immer noch nicht verheiratet“, hatten Bekannte moniert. Deshalb fackelte er nicht lange und führte seine Gisela ein gutes Jahr nach der ersten Begegnung zum Traualtar. Die fünf Töchter Heidi, Petra, Helga, Annette und Sylvia folgten schnell hintereinander. „Damals gab es ja noch kein Fernsehen“, meint Gisela augenzwinkernd.

„Helmut war ein guter Vater“, bescheinigt sie, obwohl er es sicher nicht immer leicht hatte in seinem Sechs-Mädel-Haus. Es herrschten klare Ansagen in der Familie Knaak: „Ihr dürft in die Disko, wenn Ihr eure Arbeit gemacht habt“, hatte er gesagt, und die Töchter hielten sich daran. Bis auf Helga, die heute in Thüringen lebt, sind alle Kinder auf der Insel geblieben.

Während die junge Gisela, eine gelernte Köchin, zunächst die Kinder groß zog, sich um Haushalt und das eigene Vieh kümmerte, arbeitete der frisch gebackene Familienvater zunächst in der Tierzucht, dann ab 1979 in der Getreidezucht Ummanz. Dort blieb er bis 1993. „Arbeitslosengeld, und so was alles habe ich nicht gehabt“, sagt er.

Frau Gisela, die bis zur Rente noch in der Küche des Erlebnisbauernhofs Kliewe tätig war, fragte sich zunächst mit Bangen, „was dann sein wird, wenn der Mann in Rente geht“. Ihre Befürchtungen waren unbegründet. Gemäß seines Mottos „Wer in ein Loch fällt, ist selber schuld“, krempelte der Senior die Ärmel hoch und sanierte ein Nebengebäude seines 1851 erbauten Hofes. Dort richteten die Knaaks zwei komfortable Ferienwohnungen ein.

Heute vermieten sie nicht mehr. Alles im Leben hat seine Zeit. 57 Jahre gehen die Knaaks nun schon gemeinsam durch dick und dünn. Schön, wenn einer nach so langer Zeit sagen kann: „Ich möchte das Leben mit ihr nicht missen.“ Sie haben nie Geld verschwendet. Wenn es aber etwas zu feiern gibt, wie die Goldene Hochzeit vor sieben Jahren, dann lassen sie es auch mal krachen. Über 100 Gäste waren eingeladen.

Helmut, der mit den älteren Mursewiekern aufgewachsen ist, sieht in den Leuten im Dorf eine große Familie: „Wir kennen uns von klein auf.“ Seit acht Jahrzehnten hat er den Wandel des Ortes miterlebt, kann sich noch gut erinnern, wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Mursewiek war lange ein Fischerdorf, an die zehn Büdnerstellen, also Anwesen von Kleinbauern, und fünf Höfe gab es mal. Bis in die 1960-er Jahre arbeiteten hier ein Stellmacher, ein Tischler, ein Schmied und ein Schuster. Auch an einen Kaufmannsladen erinnern sich die Knaaks.

Dünnste Besiedelung in Deutschland

100 Menschen wohnen heute in dem kleinen Dorf im Westen Rügens. Über Jahrhunderte lebten Fischer, Bauern und Büdner in dem Ummanz gegenüber liegenden Ort.Die Halbinsel Lieschow mit Mursewiek zählt heute noch zu den Regionen Deutschlands mit der dünnsten Besiedlung: Auf 4500 Hektar kommen hier gerade einmal 600 Einwohner.

Etwa 900000 Deutsche tragen den Namen des Dorfes als Famliennamen. Ob sie alle aus Mursewiek stammen, ist fraglich.

Nächste Woche sind wir in Venzvitz.

Susanna Gilbert

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