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Rügen „Es ist viel liegen geblieben“
Vorpommern Rügen „Es ist viel liegen geblieben“
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19:13 09.05.2018
Der 57-jährige Dirk Niehaus stellt sich für die Grünen der Wahl zum Landrat. Quelle: Foto: Wenke Büssow-Krämer

Was hat Sie dazu bewogen, sich der Wahl zum Landrat zu stellen?

Dirk Niehaus: Es gibt viele wichtige Dinge im Landkreis, die unter die Räder gekommen sind. Das wären zum Beispiel die großen Themen Verkehrsverbund, Prävention, Kinder- und Jugendarbeit oder Schulen. Es geht weiter mit Tagesmüttern, die aufgeben, weil sie schlecht bezahlt werden und die Anforderungen nahezu so hoch sind, wie die an eine Kita. Hier sind massive Änderungen herbeizuführen.

Dann gibt es keinen Verbund mit der Bahn. Wenn wir im Nahverkehr attraktiver werden, was zum Beispiel die Taktung angeht, und bezahlbare Schülertickets, aber auch für Rentner und Sozialbedürftige ermöglichen, würde der auch mehr genutzt werden. Eine chaotische Verkehrssituation ist darauf zurückzuführen, dass Absprachen zwischen Land und Kreis fehlen. Auch die Bürgerinitiativen zeigen eine große Unzufriedenheit mit geplanten Baumaßnahmen. Die Wertschöpfung aus dem Tourismus fließt falsch und kommt nicht bei den Leuten hier an. Das sind die Probleme, denen ich mich stellen möchte.

Ursprünglich wurde Ludwig Wetenkamp als Kandidat von den Grünen aufgestellt, ist aber aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Da wirkt Ihre Kandidatur wie eine Notfallbesetzung. Warum waren Sie nicht die erste Wahl?

Im Vorfeld hatten wir einige Kandidaten, die sich das Amt vorstellen konnten und auch von den Mitgliedern des Kreisverbandes befürwortet wurden. Da geht es nicht um einen ersten oder zweiten Platz. Wir haben diskutiert und Ludwig Wetenkamp außerdem für gut vernetzt befunden. Da habe ich gerne zurückgezogen. Als er sich mit dieser Nachricht gemeldet hat, war klar, dass ich nachrücke. Aber es war nicht so, dass es ein Kopf- an-Kopf-Rennen gab. Wir gehen freundschaftlich miteinander um.

Rügen hat nach der Kreisgebietsreform an politischer Bedeutung verloren. Viele Rügener fühlen sich im neuen Landkreiskonstrukt nicht wohl. Was wollen Sie als Landrat dafür tun, dass es anders wird?

Zunächst gibt es Themen, die brach liegen. Da gehört zum Beispiel der Verkehrsverbund für den Rügener Raum dazu. Auch bei der Krankentransportversorgung haben wir eine Lücke. Da muss was passieren. Ich möchte auch die Vernetzung der vielen kleinen Gemeinden mit vielen Bürgermeistern verbessern. In einer regelmäßigen Runde mit ihnen möchte ich dann sehen, wo die Probleme sind und der Austausch verbessert werden kann. Ein Leitbild, das der Landkreis erarbeitet hat, ist gut, das muss nicht neu entwickelt werden. Aber die Umsetzung lässt bisher zu wünschen übrig. Das würde ich wieder aufgreifen. Aber auch für den Radwegenetzausbau für einen nachhaltigen Tourismus möchte ich mich stark machen.

Ein Thema, das auf Rügen Emotionen hervorruft, ist der Ausbau von Windkraftanlagen. Inzwischen haben sich mehrere Bürgerinitiativen gegründet, die sich dagegen stark machen. Wie stehen Sie dazu?

Als Grüner bin ich natürlich grundsätzlich ein klarer Befürworter von Windkraftanlagen. Ich bin da aber auch für klare Verhältnisse, was den Bau von Windkraftanlagen angeht, die ja zur Zeit ohne vollzogene Ausweisung als Windeignungsgebiete baurechtlich als privilegierte Maßnahmen gelten. Insofern ist es erstmal wichtig, die Eignungsgebiebte rechtswirksam ausweisen zu lassen. Nur dann gelten auch in diesem Zusammenhang Bürgerbeteiligungsgesetze, die großen Mehrwert für die Bürger bringen. Natürlich müssen sich die Maßnahmen in Natur, Umwelt und Ansicht der Gebiete einfügen. Wir brauchen Windkraft, aber nicht um jeden Preis.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Befürwortung und Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer einer GmbH, die sich auch mit regenerativen Energiesystemen beschäftigt?

Mit Windkraft habe ich dabei überhaupt nichts zu tun. Ich betreibe mit anderen Mitmenschen zusammen eine Solaranlage und bin im Vorstand eines gemeinnützigen Vereins auf der Insel, der sich mit erneuerbaren Energien beschäftigt, wie beispielsweise Alternativen für Gas in Haushalten. Auch mit energetischer Sanierung bin ich beschäftigt.

Was halten Sie davon, dass es auf Rügen Bestrebungen gibt, wieder ein eigenständiger Landkreis zu werden? Die FDP hat auf ihrem jüngsten Kreisparteitag ein Aktionspapier verabschiedet, wo dies gefordert wird.

Die Kreisgebietsreform hat sich für Rügen nachteilig ausgewirkt. Für die Bürger ist es schwieriger, Ämter zu erreichen, wenn etwas Spezielles gefragt ist. Zurückrudern sehe ich aber als schwierig an. Vielmehr müsste ein Strukturwandel vollzogen werden.

Haben Sie Erfahrungen in der Leitung eines Verwaltungsapparates, wie er in Stralsund vorzufinden ist?

Ich komme nicht aus der Verwaltung, habe aber viel Erfahrung in der Führung von Vereinen und Unternehmen als Geschäftsführer und natürlich auch viel politische Erfahrung. Seit den 80er-Jahren war ich als Gemeinderat, in Kreisausschüssen und als sachkundiger Bürger im Einsatz. In den Jahren habe ich die Zusammenhänge gut durchdrungen. Die Aufgabe des Landrates liegt ja nicht nur in der Verwaltungsspitze, sondern auch als Vermittler in der Politik.

Kennen Sie Problemschwerpunkte im Landkreis über Rügen hinaus? Welche sind das für Sie?

Die Finanzen sind immer ein Schwerpunkt und den Sozialbereich, der ja der größte Haushaltsposten ist, sehe ich da. Da setze ich ganz klar auf Prävention. Untersuchungen und Erfahrungen anderer Regionen haben gezeigt, dass Maßnahmen zur Verbesserung führen und damit auch zur Entlastung des Haushaltes. Ein Punkt ist auch der Breitbandausbau, der ja bereits gut angefangen wurde. Dann müssen wir auch moderner werden, vor allem was die Verkehrssituation und Energieversorgung angeht. Auf Schulen müssen Solaranlagen rauf. Das ist ein Potenzial, das viel mehr bespielt werden muss. Es gibt viel zu tun.

Rechnen Sie sich Chancen aus? Wen sehen Sie als größten Konkurrenten?

Ich rechne mir schon Chancen aus, absolut. Viele Menschen haben verstanden, dass wir den Umschwung brauchen, den sie mit den etablierten Parteien und deren Bewerbern nicht bekommen. Einen Favoriten sehe ich bisher nicht. Das ist sehr offen. Ich bin da entspannt.

Wie bewerten Sie die Arbeit des bisherigen Landrates?

Das ist unglaublich schwierig. Es ist ja nicht nur der Landrat schuld, wenn etwas schiefgelaufen ist. Es gibt ein erhebliches Verbesserungspotenzial. Es ist viel liegen geblieben und auch an den Bürgern vorbei agiert worden.

Welcher Typ Leiter sind Sie? Wie wollen Sie die Führung in der Kreisverwaltung anlegen?

Ich habe gelernt, im Team zu arbeiten, Verantwortung zu deligieren, aber auch zu erkennen, an wen Verantwortung übertragen werden kann. Auch eine gewisse Lebenserfahrung, die ich als ältester Kandidat mitbringe, ist sehr gut. Selbst wenn man noch nicht Bürgermeister war.

Wie und warum sind Sie auf Rügen gelandet?

Wir hatten schon zwei Jahre zuvor diesen wunderbaren Hof gekauft und geplant, früher oder später auf Rügen sesshaft zu werden. Als ich mich dann als Gründer aus einem großen Gemeinschaftsprojekt rausgezogen habe, sind wir früher als geplant auf die Insel gezogen. Und es war gut, nicht erst als Rentner herzukommen. So kann man hier noch was anpacken.

Interview:

Jens-Uwe Berndt

und Wenke Büssow-Krämer

Ein Leben lang Bio

Dirk Niehaus wurde am 30.12.1960 in Dortmund geboren und wuchs im Bergischen Land auf.

Nach der Ausbildung zum Biolandwirt, die er 1985 abschloss, ging er bereits 1988 in die Selbstständigkeit. Seit 1992 ist er Inhaber einer GmbH.

Den Schwerpunkt seiner Tätigkeit legt er in die Forschung und Entwicklung ökologischer Baustoffe, die Steuerung regenerativer Energiesysteme und die Begleitung von Wohn- und Schulbauprojekten. Von 2000 bis 2010 leitete er eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

Seit 2010 ist Dirk Niehaus auf der Insel, wo er bereits zwei Jahre zuvor eine Dreiseiten-Bauernhofanlage in Kluis erwarb. Bald darauf wurden auf dem zehn Hektar großen Grundstück Gemüse, Kartoffeln und Kräuter im Biobetrieb angebaut und Schafe und Geflügel gehalten. Gleich nebenan befindet sich eine große Solaranlage, für die er Mitbetreiber ist.

Seine politische Ausrichtung fand Dirk Niehaus früh. Schon seit den 80er-Jahren ist er den Grünen treu. In Kluis ist er als Gemeindevertreter lange aktiv.

OZ

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