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Rügen Dieter Holtz zieht sich aus Politik zurück
Vorpommern Rügen Dieter Holtz zieht sich aus Politik zurück
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06:21 13.02.2019
Dieter Holtz (Die Linke) wird sich weder in der Kommunal- noch in der Kreispolitik weiter engagieren Quelle: Maik Trettin
Sassnitz

Dieter Holtz war über Jahrzehnte das „linke Gesicht“ der Kommunal- und Kreispolitik. Jetzt zieht sich der langjährige Sassnitzer Bürgermeister komplett aus den politischen Gremien vor Ort zurück – und bezeichnet seinen Schritt auch als eine „Generalabrechnung mit dem Großkreis“.

 Sie gelten – wie Kristine Kasten von der SPD - als politisches Urgestein im Kreis, vertreten die Interessen der Insulaner dort seit 1990. Als Rentner hätten Sie doch erst recht Zeit, politisch aktiv zu sein, sowohl in der Stadtvertretung als auch im Kreistag . . .

Dieter Holtz: Ich habe mich aus mehreren Gründen dagegen entschieden. Zum einen ist da das Alter: Am Ende der Wahlperiode wäre ich 75. „Das Politbüro wird hereingetragen“, hieß es früher in einem Witz. So möchte ich mein politisches Wirken nicht beenden.

Sie waren bis Ende 2015 der Bürgermeister von Sassnitz. In die Stadtpolitik würden Sie sich nicht einmischen, hatten Sie zu Ihrem Abschied angekündigt. Aber scheinbar haben Sie auch im Kreistag einen Gang zurückgeschaltet?

Das ist richtig. Ich gehöre dem Gremium ja seit den freien Wahlen 1990 an und war, wie ich denke, immer einer derer, die sich aktiv einbringen und etwas bewegen wollten. Doch in diesem Kreistag hat das offenbar keinen Zweck. Ich habe mich zuletzt auch gar nicht mehr zu Wort gemeldet.

Was ist denn jetzt anders?

Die Arbeit, so wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Seit wir den Großkreis haben, geht es nur noch um politische Macht. Dieses ganze Gebilde ähnelt eher einem Regierungsbezirk, der parteipolitisch geführt wird. Was wir an der „großen Politik“ kritisieren, dass es zunehmend um Machterhalt, um Koalitionsfragen und -treue geht als um die Sachthemen, das erleben wir auch in diesem Kreistag. Die CDU/SPD-Koalition lähmt die Arbeit. Diese Ignoranz, insbesondere der Linken gegenüber, frustriert mich.

Ist das ein Unterschied zum Rügener Kreistag?

Ein großer. Natürlich wurde auch dort immer wieder versucht, Parteipolitik zu machen. Aber letztlich haben sich in den meisten Fällen die Verfechter der Sach-Argumente durchsetzen können. Wir haben uns auf der Insel oft die „Machfrage“ beiseite gelassen, sachlich diskutiert und über alle Parteigrenzen hinweg eine Lösung gefunden. Ich erinnere mich an viele Gespräche, die die Spitzenvertreter der unterschiedlichen politischen Kräfte am Rande der Sitzungen oder in deren Vorbereitungen führten, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wenn man aber aus Parteidisziplin Sachargumente weder hören geschweige denn ihnen folgen will, muss ich meine Kraft nicht dafür verschwenden. Ich habe meine Generalabrechnung mit diesem Großkreis gemacht und mich gegen eine erneute Kandidatur entschieden.

 Ein Freund dieses Gebildes sind Sie doch aber auch früher nicht gewesen.

Nein, daraus habe ich auch keinen Hehl gemacht. Gemeinsam mit Kerstin Kassner haben wir gegen die Kreisgebietsreform geklagt. Auch wenn die Richter das damals anders sahen – es ist genau das eingetreten, was wir seinerzeit schon befürchtet hatten. Es gibt nun mal kaum eine Kommunikation mit den Festlandsgemeinden. Worüber sollten wir auch – zum Beispiel mit Süderholz – reden? Über eine Fähre? Die Süderholzer haben ihrerseits auch keine gedankliche und sachliche Verbindung mit Rügen. Diese Struktur kann nicht funktionieren, schon gar nicht mit einer Stadt wie Stralsund, die so viel größer ist als alle anderen Kommunen im Kreis.

 Was die Kommunikation mit den Einwohnern angeht, verweist der Landkreis doch immer auf die „Außenstellen“ der Verwaltung, wo jeder sein Anliegen vortragen könne. Funktioniert das?

Die Bürgernähe auf Kreisebene gibt es schlichtweg nicht. Wie auch, bei diesen Entfernungen? Es lässt sich nicht alles per E-Mail oder Post erledigen, vieles muss auch von Angesicht zu Angesicht besprochen werden. Aber die weiten Wege sind nicht nur bei der ehrenamtlichen politischen Arbeit ein Hindernis. Die weiten Wege müssen auch viele Mitarbeiter dienstlich zurücklegen. Oft können sie so gerade mal einen Termin am Tag wahrnehmen. Dass man so kein Personal und damit auch keine Kosten einsparen kann, wie von den Befürwortern der Kreisgebietsreform immer behauptet wurde, leuchtet ein. Schon gar nicht, wenn man keine Aufgaben abgibt.

Welche könnten das Ihrer Meinung nach sein?

Der Großkreis zieht sich immer mehr inhaltliche Dinge auf den Tisch, die eigentlich Sache der Gemeinden wären. Die Kommunalstrukturen werden dadurch geschwächt.

 Haben Sie dafür ein Beispiel?

Nehmen Sie doch einmal die Zuschüsse für Vereine: Warum müssen die beim Kreis beantragt werden? Der sollte den Kommunen das Geld geben oder weniger Kreisumlage abverlangen; die könnten es dann an ihre Vereine vor Ort verteilen.

 Die Kommunalpolitik war jahrelang ihr „Schlachtfeld“ . . .

. . . na ja: Schlachtfeld? Ich habe eigentlich immer versucht, die Wogen zu glätten und bin lieber zu gutmütig als bösartig.

 Aber nach dem Ende der DDR linke Politik zu machen, war und ist hierzulande sicher nicht leicht. „Vom Regen in die Traufe“, kommentierte eine große deutsche Tageszeitung bitterböse Ihre Wahl 1994 zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister der damaligen PDS in der Bundesrepublik.

Wir waren seinerzeit die stärkste politische Kraft in der Stadtvertretung. Die Menschen haben es honoriert, dass wir an bestimmten Idealen festgehalten haben. Viele „150-prozentige“ Genossen haben sich 1989/90 um 180 Grad gedreht und waren dann von der Bildfläche verschwunden. (Lacht) Die 80-Prozentigen sind geblieben.

 Sie auch. Sie waren Mitarbeiter bei der damaligen Volkskammer- und späteren Landtagsmitarbeiterin Kerstin Kassner und engagierten sich weiter politisch. Warum? Sie hätten sich doch auch ins Private zurückziehen können?

Ich wollte etwas für die Leute aus einfachen Verhältnissen tun. Das hat mit meiner Lebensgeschichte zu tun. Mein Vater war einfacher Arbeiter auf der Wolgaster Werft, meine Mutter hat in einer Arztpraxis sauber gemacht. Und doch konnten ich und meine beiden Geschwister das Abitur machen und studieren. Heutzutage wäre das so gut wie unmöglich bei diesem sozialen Hintergrund.

Was bedeutet für Sie heute linke Politik auf lokaler Ebene?

In erster Linie die Sicherung von Erwerbsquellen für Menschen, die keine Produktionsmittel besitzen und dafür zu sorgen, dass kleine Gewerbetreibende ihr Potenzial behalten.

 Warum hängt Ihnen noch heute der Name „Fürstenschreck“ an?

Das hat mit den Restitutionsansprüchen zu tun, die Franz zu Putbus nach der Deutschen Einheit geltend machte. Unsere Partei hatte vehement für die Anerkennung der Bodenreform gekämpft. Gerade auf Rügen wurden viele Menschen gedrängt und förmlich erpresst, dem „Fürsten“, also Franz zu Putbus, ihre Grundstücke abzukaufen. Ich habe viele von ihnen beraten und immer wieder gesagt: „Behalten sie ihr Eigentum, warten sie einfach ab.“ Dass diese Sichtweise richtig war, haben ja später die Gerichte bestätigt.

 Sie galten als Teil des vierblättrigen, linken Glückskleeblatts auf Rügen. Bleibt davon nach dem Tod Gerhard Bohms und Dieter Schäfers und Ihrem Rückzug nur noch Kerstin Kassner übrig?

Ich fürchte ja. Ich habe meinen „Dienst“ sehr lange getan, ich muss und will nicht einfach aus Parteiräson weiter machen. Rund 30 Jahre lang habe ich meine Haut zu Markte getragen. Viele Probleme gehen mir sehr nahe. Ich habe deswegen so manche Nacht wach gelegen. Das will ich nicht mehr. Ich möchte meine Ruhe haben und mich mit freundlichen, angenehmen Menschen umgeben, mit denen ich zusammen sein will – mit meiner Familie und meinen Freunden.

Würden Sie unter diesen Umständen jungen Menschen empfehlen, sich politisch zu engagieren?

Auf jeden Fall. Die Jüngeren müssen das Zepter in die Hand nehmen, dafür kämpfen, dass es anders, dass es besser wird.

Und wie?

Den Weg muss jeder für sich finden, auch den politischen. Wichtig ist, sich umfassende Kenntnisse auf verschiedenen Gebieten anzueignen, um Zusammenhänge verstehen und einordnen zu können für eine sozial gerechte und gewaltfreie, friedliche Zukunft.

Werden Sie die politische Bühne ganz verlassen oder ab und an noch in der Öffentlichkeit zu sehen sein?

Ich bin immer unterwegs, das ist mittlerweile vielen bekannt. Ich komme überall und gern mit den Menschen ins Gespräch, ob hier zu Hause in Sassnitz oder anderswo. Ich werde auch noch weiter in verschiedenen Gremien mitarbeiten, aber nicht mehr in einer Wahlfunktion.

 Befürchten Sie, dass man Sie nicht mehr wählen würde?

Das hoffe ich doch nicht. In der Vergangenheit haben mir sehr viele Menschen ihr Vertrauen geschenkt und das auch mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel deutlich gemacht. Es gibt aber ganz sicher auch einige, die sich über meine Entscheidung freuen. „Herr Holtz, jetzt haben Sie nichts mehr zu sagen!“, meinte jemand triumphierend zu mir, nachdem ich nicht mehr Bürgermeister in Sassnitz war.

 Was haben Sie geantwortet?

„Zu sagen habe ich noch genug, aber keine Gestaltungsmacht mehr.“

Maik Trettin

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