Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Forscher: In Vorpommern wird zu viel gebaut
Vorpommern Rügen Forscher: In Vorpommern wird zu viel gebaut
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 27.06.2017
Das Wohn- und Geschäftshaus vor dem Rostocker Tor in Ribnitz-Damgarten steht kurz vor der Fertigstellung. Hier ein Bild aus der Bauphase. Das Kölner Institut für Wirtschaft kritisiert, dass in Vorpommern-Rügen mehr Wohnungen geschaffen werden, als langfrsitig benötigt werden. Quelle: Foto: Robert Niemeyer

Im Landkreis Vorpommern-Rügen entstehen viele neue Wohnungen – doch was sonst Anlass für eine Positivschlagzeile wäre, bereitet den Forschern einer neuen Studie Sorgen. Laut dem Kölner Institut für Wirtschaft (IW) werden in Vorpommern nämlich zu viele neue Wohnungen gebaut. In den vergangenen Jahren seien in unserem Landkreis fast fünf Mal mehr Wohnungen errichtet worden, als nach den Bevölkerungsprognosen wirklich gebraucht werden.

Neue Studie besagt, dass mehr Gebäude entstehen, als angesichts sinkender Einwohnerzahlen nötig wären / In der Region gibt es Zweifel an dem Ergebnis

Gründe hierfür sind laut den Forschern niedrige Zinsen bei der Immobilienfinanzierung und Bürgermeister, die durch großzügige Ausweisung von Bauland neue Einwohner anzuziehen versuchen. Da die Einwohnerzahlen im ländlichen Raum aber zurückgehen, führe das in Zukunft zu Leerständen und verödeten Ortszentren. Thomas Molkentin, CDU-Bürgermeister von Tribsees und Aufsichtsratschef der Wohnungsbaugesellschaft Richtenberg, teilt die Bedenken der Forscher. Wenn es um die Neuausweisung von Baugebieten gehe, schlagen zwei Herzen in seiner Brust, sagt Molkentin. „Wenn wir keines ausweisen, ziehen die Leute woanders hin. Und wenn wir eines ausweisen, ziehen sie nicht in die Altstadt.“ In Tribsees hat man deswegen mit dem neuen Gebiet an der Nordmauerstraße einen Kompromiss gefunden: in der Innenstadt gelegen, aber mit freiem Blick auf die Trebel.

Die IW-Wissenschaftler fordern allerdings Neubau nur bei Abbau von Leerstand: Wer neu bauen möchte, müsse im Gegenzug Leerstand abbauen. Die Wohnungsbaugesellschaft Richtenberg, die im ganzen Stralsunder Umland tätig ist, tut genau das, indem sie vielerorts Wohnblöcke aus der DDR-Zeit vom Markt nimmt. In den nächsten fünf Jahren trifft es ein Gebäude an der Hauptstraße von Drechow. „Es gibt niemanden, der da einziehen würde. Bei uns bauen junge Leute, die Platz brauchen und die einen guten Job etwa in Stralsund oder Rostock haben“, sagt Molkentin.

In den Städten läuft es übrigens genau andersrum – dort sieht das IW ein Wohnungsbaudefizit. In Rostock etwa sei der Baubedarf nur zu 88 Prozent gedeckt. Für Stralsund gibt es keine eigenen Zahlen, da es keine kreisfreie Stadt mehr ist. Die Entwicklung dürfte hier in abgeschwächter Form aber ähnlich wie in Rostock sein.

Doch es gibt auch viel Unverständnis aus der Region für die Wohnungsbau-Studie. „Wir weisen neue Wohngebiete erst bei steigender Nachfrage aus“, sagt Grimmens stellvertretender Bürgermeister Roland Wildgans. Die Wohnungen in Grimmens Innenstadt seien sehr gut belegt. Mit den wenigen neuen Wohngebieten, die man als Stadt plane, „wollen wir nur die Nachfrage decken und verhindern, dass außerhalb gebaut wird.“ Ähnlich sieht es Bergens Bürgermeisterin Anja Ratzke (parteilos). Es drohe nirgendwo Leerstand in der Stadt. „Wir sehen vielmehr einen deutlichen Bedarf an Bauplätzen gerade für junge Familien, so dass wir derzeit erwägen, nach Abstimmung mit dem Stadtparlament, weitere Bebauungspläne aufzulegen“, sagt Ratzke. Bergen verfüge über die beste Infrastruktur aller Gemeinden auf der Insel und könne von der Entwicklung der Bäderorte profitieren, die zunehmend Probleme haben, bezahlbaren Wohnraum für die im Ort Beschäftigten vorzuhalten. Ähnliches Bild in Ribnitz-Damgarten: „Der Wohnungsmarkt ist derzeit stabil. Es herrscht weder Wohnungsmangel noch ein Überangebot“, sagt Christian Janssen, Geschäftsführer der Gebäudewirtschaft Ribnitz-Damgarten, die rund 2200 eigene Wohnungen und rund 1000 Wohnungen für Dritte verwaltet.

Auch von Institutionen, die der Baubranche nahestehen, gibt es Kritik am Ergebnis der Wissenschaftler. Ronald Rast von der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau sagt: „Wer auf dem Land bauen will, hat seine Gründe dafür. Er will dort wohnen und schafft sich mit dem Bau eines Ein- oder Zweifamilienhaus auch eine attraktive Altersvorsorge. Im Übrigen sind Neubauten in der Regel solide finanziert. Es wird also nicht ins Blaue hinein gebaut.“

Mehr Wohnungen als nötig

Der Bedarf an Wohnungen im Landkreis Vorpommern-Rügen ist laut dem Kölner Institut für Wirtschaft zu 473 Prozent gedeckt. Es wird also fast fünf Mal mehr gebaut als nötig. In Vorpommern-Greifswald sind es demnach sogar 529 Prozent. Rostock dagegen ist laut der Studie unterversorgt. Dort ist der Bedarf nur zu 88 Prozent gedeckt. In Berlin sind es sogar nur 40 Prozent.

Alexander Müller

Mehr zum Thema

Auf dem jahrelang brachliegenden Areal hinter dem Tierpark in Grimmen (Vorpommern-Rügen) könnten acht bis zehn Wohnungen entstehen.

22.06.2017

Das Gelände nahe am weltberühmten Münster von Bad Doberan Historisches soll für Besucher noch attraktiver werden. Dafür nimmt die Stadt viel Geld in die Hand.

23.06.2017

Nach Betreiberwechsel führt Gemeinde nun erneut selbst Regie und hat eine neue Leiterin eingestellt

23.06.2017

Für den Grundstücksverkauf zum Bau eines Ersatzneubaus gab es im Binzer Gemeinderat keine Mehrheit / Die Heimbewohner befürchten Standortverlust

27.06.2017
Stralsund Tribsees/Bergen/Grimmen/Ribnitz-Damgarten - Forscher: In Vorpommern wird zu viel gebaut

In Vorpommern-Rügen entstehen viele neue Wohnungen - zu viele, wenn es nach dem Kölner Institut für Wirtschaft geht. In den vergangenen Jahren sind laut den Forschern in unserem Landkreis fast fünf mal mehr Wohnungen errichtet worden, als nach den Bevölkerungsprognosen wirklich gebraucht werden.

27.06.2017

Das Stralsunder Straßenbauamt erarbeitet eine Machbarkeitsstudie. Durch eine technische Lösung soll das Angeln ermöglicht und gleichzeitig das weite Auswerfen unterbunden werden. Ob es dazu kommt, entscheidet die Landesregierung.

27.06.2017
Anzeige