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Rügen Geschichte(n) einer Halbinsel
Vorpommern Rügen Geschichte(n) einer Halbinsel
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00:00 12.12.2017
Ein um 1880 aufgenommenes Bild vom Gasthaus Stubbenkammer ziert den Einband des aktuellen Jasmunder Heimathefts. Quelle: Foto: Maik Trettin
Sassnitz

Die Katze war’s! Sie soll sich an einem Winterabend des Jahres 1671 in eine Kammer der Behausung des schwedisch-pommerschen Offiziers Nils Israel Eosander geschlichen haben. Der saß gerade über den Plänen des Schlosses Spyker, das dessen Besitzer Carl Gustav Wrangel umbauen ließ. Die auf dem Tisch ausgebreiteten Bauzeichnungen habe die eingesperrte Katze übel zugerichtet und ganz verdorben, klagte Eosander seinem Auftraggeber. Erst Monate später konnte er ihm die neuen Entwürfe schicken.

Ivo Asmus hat diese und andere Episoden über das Jasmunder Schloss zusammengetragen. Er ist in der Greifswalder Universitätsbibliothek der Fachmann für Handschriften und Pommern-Unterlagen – und einer der Autoren des Jasmunder Heimathefts. Von dieser Schriftenreihe, die das Sassnitzer Stadtarchiv herausgibt, ist jetzt die fünfte Ausgabe erschienen. Sie vereint – wie die vorherigen vier Hefte auch – Jasmunder Geschichte und Geschichten. Unter anderem die von Ivo Asmus über die Bauhistorie des Spykerschen Prunkbaus. „Da sind keine historischen Unterlagen aus der Zeit Wrangels mehr aufzufinden“, sagt Frank Biederstaedt, Leiter des Sassnitzer Stadtarchivs. Sein Greifswalder Kollege habe für den Beitrag im Jasmunder Heimatheft eigens im Stockholmer Reichsarchiv geforscht – und keine Spyker-Ansichten aus der genannten Epoche gefunden. So bleiben Aquarelle aus der Zeit um 1810, die offenbar von Johann Jacob Grümbke stammen und zwei Skizzen auf schwedischen Landeskarten um 1694 die ältesten überlieferten Bildnisse des Schlosses.

Fotos von einst und heute widmet das Stadtarchiv in der fünften Ausgabe des Heimathefts einem Gebäude, das zu verschwinden droht. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1991 zeigt das Gutshaus von Polkvitz in einem noch sanierungswürdigen Zustand. Dann stürzte der Westgiebel in sich zusammen und mittlerweile steht von dem einst wichtigsten Gebäude in dem kleinen Dorf bei Neddesitz nur noch der Ostgiebel.

Diese Mini-Fotoserie ist beispielhaft für die Gründe, die die Mitarbeiter des Sassnitzer Stadtarchivs 2013 dazu bewogen, das erste Jasmunder Heimatheft herauszubringen. Zu dem Zeitpunkt habe es auf der Insel nur noch das Rügen-Jahrbuch als vergleichbare Publikation gegeben. „Dabei gibt es so vieles zu berichten. Wenn wir das nicht aufschreiben, geht es für die Nachwelt verloren“, sagt Biederstaedt. Das müssten keine großen, historischen Abhandlungen sein. Auch kleine Geschichten, die den Alltag beschreiben, seien wertvoll und oft spannend zu lesen. „Und manchmal verbergen sich darin Antworten auf Fragen, die uns schon jahrelang beschäftigen.“

Wie etwa bei dem Beitrag von Karin Will. Die Sassnitzerin erzählt in ihrem Beitrag aus ihrer Schulzeit zwischen 1947 und 1955. Um eine Ferienreise in den Harz zu unternehmen, sammelten die Kinder Schrott, der in der Nachkriegszeit als Sekundärrohstoff von der Industrie dringend gebraucht wurde. Dabei entdeckten sie in einer Sandkuhle einen großen metallenen Vogel. Er war mit Erde und Laub bedeckt. Wie sich herausstellte, prangte er einst an der Sassnitzer Schulungsburg der NSDAP, dem späteren Krankenhaus. „Diese markante Skulptur ist auf allen Fotos von dem Gebäude aus dieser Zeit zu sehen“, sagt der Leiter des Stadtarchivs. „Bisher wussten wir aber nicht, wo sie abgeblieben ist.“ Zum Verbleib des Adlers kursierten in Sassnitz die abenteuerlichsten Geschichten. „Dank des Beitrags von Frau Will wissen wir nun, wo er gelandet ist – schlicht und einfach auf dem Schrott“, sagt Biederstaedt schmunzelnd.

Geklärt ist auch der Verbleib des Lenin-Waggons. Der Berliner Dieter Naumann erzählt die Geschichte der Gedenkstätte, die heute in Potsdam als Seminarraum für Führungskräfte der Deutschen Bahn genutzt wird.

Um das Schreiben an sich geht es bei Wilhelm Ritter. Er beschreibt seine Erlebnisse beim von Doris Weißflog geleiteten „Zirkel schreibender Arbeiter“ in Sassnitz, dessen Mitglied zeitweise auch der spätere Autor und Regisseur Holger Teschke war. Unterhaltsam erzählt er unter anderem von einem Auftritt im Bergener Kreiskulturhaus, den die Veranstalter anzukündigen vergaßen. Fast alle Stühle in den Zuschauerreihen blieben leer. Einziger Gast war die Reinemachefrau, die begeistert applaudierte.

Jasmunder Heimatheft Nr. 5,

ISBN 978-3-939680-43-7, Edition Pommern, zu erwerben in allen Sassnitzer Buchläden sowie bei der Touristinformation im Molenfußgebäude

Maik Trettin

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