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Gewalt in Familien nimmt drastisch zu: 2016 schon 342 Notrufe

Stralsund Gewalt in Familien nimmt drastisch zu: 2016 schon 342 Notrufe

583 Kinder brauchten im ersten Quartal Hilfe des Jugendamtes / Oft werden besonders die Kleinen vernachlässigt, aber auch körperliche und psychische Misshandlungen

Stralsund. Was sich in Vorpommern-Rügen hinter verschlossenen Türen so mancher Wohnung abspielt, ist schockierend: Allein im ersten Quartal dieses Jahres klingelte beim Jugendamt schon 342-mal das Kinder-Notruf-Telefon. Dahinter verbergen sich die Schicksale von 583 Mädchen und Jungen. Zum Vergleich: Im gesamten letzten Jahr gab es 825 Meldungen mit 1172 betroffenen Kindern.

Von den 2016 bisher registrierten Notrufen kamen 266 von der Polizei, die oft von Nachbarn alarmiert werden. Doch auch Kitas, Hausbewohner, Verwandte und Ärzte greifen zum Hörer, wenn sie sich Sorgen machen. „Wir hatten da jetzt einen Fall auf Rügen. Da läuteten bei einer Kita-Erzieherin die Alarmglocken, weil das Kind am Schlüsselbein verletzt war. Der Rechtsmediziner hat dann eindeutig eine Misshandlung festgestellt“, so Sybille Buch, zuständige Fachgebietsleiterin gegenüber der OZ.

Häufige Ursache für den Einsatz des sozialpädagogischen Dienstes ist die Vernachlässigung von Kindern. „Erst letzte Woche mussten wir in der Ribnitzer Region vier Geschwister aus einer Familie nehmen.“ Der zuständige Jugendhilfe-Teamleiter für Nordvorpommern, Jens Donner, kennt die Familie: „Wir begleiten das Paar mit seinen vier Kindern schon länger. Doch keine Hilfe hat bisher richtig gefruchtet. Jetzt war Gefahr im Verzug.“

Die körperlichen und seelischen Misshandlungen nehmen auch drastisch zu, machen die Hälfte der Fälle aus. „Tendenz steigend. Wir beobachten in den Familien immer mehr Gewalt“, erklärte Sybille Buch.

Erst gestern hat sich ein Kind im Altkreis Stralsund der Schulsozialarbeiterin anvertraut, weil es zu Hause geschlagen wurde. Nachdem sich der Verdacht bestätigte, wurde das Mädchen in Sicherheit gebracht.

Fakt ist: Von den 342 Verdachtsmeldungen haben sich 164 bestätigt (die geschilderten Beispiele nicht eingerechnet). 116-mal war ein Kind oder Jugendlicher in akuter Gefahr. Und auch die latente Gefährdung wird vom Jugendamt unter die Lupe genommen. Man sei Wächter und helfende Hand, betonte die Fachgebietsleiterin vor den Abgeordneten. „Sind die Kinder in Sicherheit, ist es für uns oberstes Gebot, die Eltern mit einzubeziehen. Nur wenn sie mitziehen, hat man die Chance zu helfen. Das heißt aber auch, dass sich so eine Familienhilfe hinzieht.“ Und deshalb bearbeitet ein Sozialarbeiter bis zu 70 Fälle gleichzeitig. „Wir haben ja nicht nur die Kindeswohlgefährdung, um die wir uns kümmern, sondern eben alle Familien, die ambulante Hilfe in Anspruch nehmen. Und auch hier gilt: Tendenz steigend“, sagte Sybille Buch.

„Man kann nur den Hut ziehen vor der Arbeit Ihrer Abteilung. In so einer Notsituation zu entscheiden, was für das Kind das Beste ist, bedeutet großen Druck, große Verantwortung. Bitte übermitteln Sie Ihren Kollegen unsere Hochachtung“, sagte Anett Kindler von den Grünen. Und Ute Bartel (SPD) forderte, dass man diesen Schock-Zahlen mit mehr präventiven Betreuungsangeboten für Kinder und Jugendliche begegnen muss.

Ballungszentrum Stralsund trauriger Spitzenreiter

168 -mal klingelte in Stralsund seit 1. Januar das KinderNotruf-Telefon. Auf Rügen gingen 93, in Nordvorpommern 81 Meldungen ein. Von den insgesamt 342 Verdachtsanrufen haben sich 164 als Gefährdung herausgestellt: 91 in Stralsund, 24 auf Rügen, 59 von Ribnitz bis Grimmen.

460 Meldungen gab es 2012, 825 im letzten Jahr. Damit hat sich die Zahl der Anrufe verdoppelt.

39 Mitarbeiter zählt der sozialpädagogische Dienst, der auch die Bereitschaft für den Kinder-Notruf abdeckt.

14 000 Kinder und Jugendliche leben im Kreis. 164 waren von Januar bis März in Not. das ist jedes 100. Kind.

Ines Sommer

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