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Rügen OZ-Leser können Gewaltopfern auf Rügen helfen
Vorpommern Rügen OZ-Leser können Gewaltopfern auf Rügen helfen
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13:42 05.12.2018
Der Weiße Ring muss sich auf Rügen immer wieder mit Kindesmissbrauch befassen. Quelle: dpa-Zentralbild
Putbus

Manchmal ist es nur schwer zu ertragen, von den Schicksalen zu hören, mit denen sich Martin Stemmler und seine Mitstreiter von der Außenstelle des Weißen Rings in Putbus auseinandersetzen müssen. Und die Tatsache, dass sich all diese Dinge tatsächlich auf Rügen zugetragen haben, macht den Umgang damit nicht gerade leichter.

Da ist die Geschichte einer Achtjährigen, die sich von Tag zu Tag immer mehr zurückzog, ohne sich der Mutter anzuvertrauen. Die ließ voll Sorge ihre Tochter nicht mehr aus den Augen und erwischte schließlich ihren Lebensgefährten dabei, wie der sich an das kleine Mädchen heranmachte. Oder das Drama um einen kleinen Jungen, der das zufällige Opfer eines Kindesmissbräuchlers wurde, nachdem dieser nach einer verbüßten Haftstrafe in einen Wohnblock zog, in dem viele Familien mit Kindern lebten. Und dann die 62-Jährige, die sich erst jüngst Hilfe suchte, obwohl sie seit ihrem 20. Lebensjahr in ihrer Ehe ein beispielloses Martyrium erleben musste, an dem sie körperlich und seelisch beinahe zerbrochen wär.

Hier können Sie spenden

Mit unserer diesjährigen Weihnachtsaktion wollen wir den Weißen Ring unterstützen, der auf Rügen Opfern von Missbrauch und Gewalt hilft. Überweisungsträger liegen zwar erst ab nächsten Wochenende bei, Sie haben aber die Möglichkeit Online zu überweisen oder das Geld bar bei der OZ im Service-Center oder in der Redaktion in eine Spendenbox zu stecken.

Überweisung: Weißer Ring

IBA: DE73 1307 0000 0126 6626 00

BIC: DEUTDEBRXXX

Zweck: Spende OZ-Weihnachtsaktion

Extrem hohe Dunkelziffer

Die Zahlen aus 2018 schockieren. Laut Martin Stemmler kamen zwischen November 2017 und Oktober 2018 bei der Polizei auf Rügen 85 Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige. Die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking wurde 87mal um Hilfe gebeten. 102 Kinder leben in diesen Familien. Und die Liste der Fälle, um die sich der Weiße Ring seit dem 1. Januar dieses Jahres kümmert, mit Betreuung, Beratung und Geld hilft, liest sich wie aus einem Schreckenskabinett: Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Körperverletzung, Stalking, Freiheitsberaubung, sexuelle Gewalt, schwere Körperverletzung usw. „Die Dunkelziffern liegen weit über dem, was zur Anzeige kommt“, sagt Stemmler. „So scheint der sexuelle Missbrauch von Kindern auf dem Lande durch Väter oder männliche Verwandte eine übliche Praxis gewesen zu sein. Da hieß es dann bei 10- bis 14-jährigen Mädchen, du bist jetzt soweit und ich zeige dir, wie das Leben geht.“ Die Übergriffe würden dann durch die Täter bei den Opfern so mit Angst besetzt, dass diese es nicht wagten, sich zu offenbaren. „Und wenn sie dann in die Zwanziger kommen, bemerken sie, dass sie nicht beziehungsfähig sind.“ Und Stemmler setzt noch einen drauf: „Offenbar ist diese Missbrauchpraxis zum Teil auch heute noch Gang und Gäbe.“

Extrem schlimm sind häufig Fälle von häuslicher Gewalt, wegen der sich meist Frauen voller Verzweiflung an den Weißen Ring wenden. „Wenn sie irgendwie melden, suchen wir innerhalb von 24 Stunden Kontakt zu den Opfern“, sagt Martin Stemmler. „Dann kommt es meist sehr schnell zu einem Treffen. Und wir befassen uns nur mit der Wahrheit, also der Wahrnehmung des Opfers. Wir sind keine Polizisten.“ Die Tat müsse lediglich strafrechtliche Relevanz haben. Das bedeute nicht, dass die Handlung des Täters vor Gericht erwiesen sein sollte. Ja, es müsse nicht einmal eine Anzeige bei der Polizei vorliegen. „Wir solidarisieren uns mit dem Opfer und verstehen uns auch als Lotse, der zu anderen Hilfsvereinen vermitteln kann.“

Beratung, Therapie und Geld

Die Möglichkeiten der Unterstützung durch den Weißen Ring sind vielfältig. Stemmler: „Wir verschaffen den Opfern wenn nötig Zugang zu einem Rechtsanwalt, vergeben Beratungsschecks. Wir vermitteln zu Traumatherapien und leisten ganz konkrete materielle Hilfe.“ Müssen Frauen mit ihren Kindern unverzüglich aus dem Kreislauf häuslicher Gewalt fliehen, werden Umzüge und neue Möbel finanziert. Missbrauchte Kinder bekommen Ferienaufenthalte spendiert. Und über allem steht das Ziel, zu erreichen, „dass der Betroffene auf der richtigen Infobasis und ohne Angst vor Kosten die für sich richtige Entscheidung treffen kann und daraus Kraft und Lebensmut schöpft“.

Täglich mit den Abgründen menschlicher Charaktere konfrontiert, bleibt Martin Stemmler trotzdem sachlich und auf das Anliegen seines Vereins fokussiert. Sein Vorteil: Er bringt Erfahrungen mit. „Ich war Pastor und Seelsorger“, sagt er. „Und im Pfarrhaus habe ich sehr viele Nöte schon als Kind mitbekommen, wenn die Menschen zu uns kamen.“ Darüber hinaus werde man als Mitarbeiter des Weißen Rings speziell qualifiziert. Wer sich für die Opferhilfe interessiere, nehme an Opfergesprächen teil, bekomme einen Grundkurs, werde in Psychotraumatologie und Rechtsfragen geschult. Mehrere Seminare würden folgen. „Jeder kann dafür geeignet sein“, sagt Stemmler. „Außer Menschen, die selbst einmal Opfer von Gewalt geworden sind.“

Jens-Uwe Berndt

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