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Gezerre um Stätte für die letzte Ruhe

Boldevitz Gezerre um Stätte für die letzte Ruhe

Alexandra von Wersebe will ihre Urne in der Boldevitzer Kapelle bestatten lassen / Das Kirchengesetz spricht aber dagegen

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Dort finden Hochzeiten ebenso statt wie Trauerfeiern.“ Bürgermeister Wilfried Schuldt

Boldevitz. Über Generationen hat die Familie von Alexandra von Wersebe auf Rügen gelebt. Einst war Pansevitz deren Zuhause, seit vielen Jahren ist es das benachbarte Gut in Boldevitz. Hier will sie nie wieder weg, auch nicht nach ihrem Tod. In der Kapelle des Anwesens würden sie und ihr Mann gern eines Tages ihre letzte Ruhe finden. Doch daran ist noch lange nicht zu denken: Seit anderthalb Jahren versucht sie bei den Behörden, der Gemeinde und der Kirche eine Genehmigung zu erwirken, dass künftig zwei Urnen in einer Vertiefung im Boden der restaurierten Kapelle versenkt werden dürfen.

Kein Problem, fanden die Gemeindevertreter von Parchtitz, der Kommune, zu der Boldevitz gehört. Sie gaben ursprünglich einem Antrag der Familie zur Urnenbeisetzung in der Kapelle statt. „Wir haben da keine Einwände“, sagt Bürgermeister Wilfried Schuldt. Die Kapelle befinde sich zwar in Privateigentum, sei aber ein wichtiger kultureller Ort in der Gemeinde. „Dort finden Hochzeiten ebenso statt wie Trauerfeiern“, sagt er. Und nicht zuletzt hätten auch die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern die kleine Kapelle als Veranstaltungsort entdeckt und zögen so das Interesse der Öffentlichkeit auf diesen kleinen Flecken.

Doch Wilfried Schuldt hat Widerspruch gegen den gemeinsam gefassten Beschluss eingelegt — auf Anraten des für Parchtitz zuständigen Amtes in Bergen. Zwar können laut Gesetz über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen in MV Urnen mit der Asche von Verstorben sowohl auf Friedhöfen wie auch auf See und in Kirchen beigesetzt werden. „Die Kapelle in Boldevitz ist aber keine Kirche im Sinne des Kirchengesetzes“, sagt Benno Kondziella vom Bergener Ordnungsamt und verweist auf das „Kirchengesetz über die Widmung und Entwidmung von Kirchen“. Das wird in der Gingster Kirchengemeinde ähnlich gesehen: „Die Kapelle ist nicht im Besitz der Kirche.“ Also könne man darüber weder verfügen, noch auf dem Areal die Totenruhe sichern. Zuständigkeitshalber verwies man die Familie samt Ansinnen zurück an die Kommune beziehungsweise deren Amt.

Trotz der dortigen Rechtsauffassung sieht Alexandra von Wersebe gute Chancen, dass die Kapelle auch die letzte Ruhestätte der Familie wird: „Sonstige Beisetzungen von Urnen außerhalb von Friedhöfen kann die Gemeinde im Einzelfall zulassen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt und öffentliche Belange nicht entgegenstehen“, zitiert sie aus dem Friedhofsgesetz des Landes. Und nichts anderes hätten die Gemeindevertreter mit ihrem Beschluss dokumentiert. Im Ordnungsamt hält man dagegen: Ein „wichtiger Grund“ sei nicht der Wunsch der Familie nach einem solchen Begräbnisort auf privatem Grund und Boden, sagt Benno Kondziella. Der hatte sich mangels Erfahrungen — ein solcher Antrag war bislang noch nicht an das Amt gestellt worden — mit dem Juristen in Verbindung gesetzt, der die Kommentierung zum Friedhofsgesetz des Landes geschrieben hat. „Der Friedhofszwang trage nach wie vor dem Belang Rechnung, die Totenruhe zu respektieren“, heißt es unter Verweis auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Koblenz vom 4. Februar des Jahres 2010. „Deshalb könnten Urnen auch in anderen Bundesländern nicht beliebig auf Privatgrundstücken beigesetzt werden.“ Vor diesem rechtlichen Hintergrund habe der Bürgermeister Widerspruch einlegen müssen.

Nur wenige Kilometer weiter wurde in der jüngsten Vergangenheit die Asche von Verstorbenen auf Privatgelände beigesetzt. In Trent und in Schaprode hatten die Gemeinden entsprechenden Anträgen stattgegeben — auf Anraten des Amtes West-Rügen. „Für uns war ausschlaggebend, dass es in beiden Fällen schon Begräbnisstätten auf den jeweiligen privaten Flächen gab“, sagt der Leitende Verwaltungsbeamte Rainer Schultz. Dabei spielte es keine Rolle, dass die letzten Bestattungen zum Teil schon 70 Jahre zurückliegen.

Das Gezerre um die Erlaubnis im Fall Boldevitz ist für Alexandra von Wersebe unverständlich. Die Beisetzungen auf dem Anwesen seien schließlich nichts Neues. Seit über 100 Jahren hatte die damalige Gutsbesitzerfamilie ihre Toten im Boldevitzer Gutspark bestattet. Bis in die 70er Jahre stand dort das Mausoleum der Familie von der Lancken-Wakenitz, das 1838 errichtet worden war. Später diente es als Kohlenbunker und Partykeller. Die sterblichen Überreste hatte man zuvor im Park vergraben. Künftig soll es wieder eine würdige Ruhestätte für die verstorbenen Familienmitglieder der jetzigen Besitzer von Gut Boldevitz geben — in der Kapelle.

Über eine Lockerung des Friedhofszwangs war jüngst bundesweit mehrfach diskutiert worden. Immer mehr Menschen machen sich über andere Beisetzungsorte und -formen Gedanken, weiß auch Benno Kondziella.

Er rechnet damit, dass das Bestattungsgesetz demnächst modernisiert wird. Alexandra von Wersebe will sich bis dahin weiter für das Ansinnen der Familie einsetzen und den Bürgerbeauftragten des Landes um Hilfe bitten.

Über den Widerspruch des Bürgermeisters beraten die Gemeindevertreter in ihrer Sitzung im Mai, da die Versammlung am Mittwoch ausfallen musste. Grund: Bürgermeister Wilfried Schuldt musste unerwartet ins Krankenhaus.

Von Maik Trettin

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