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Rügen Gregor Gysi: „Die Jugend ist europäisch“
Vorpommern Rügen Gregor Gysi: „Die Jugend ist europäisch“
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13:59 04.05.2018
In der Pause erfüllte Gregor Gysi Autogrammwünsche. Quelle: Herold Gerit
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Binz/Rügen

„Das ist wirklich sehr interessant“. Gregor Gysi waren beim Spaziergang entlang der Binzer Strandpromenade besonders die Schilder vor den Villen aufgefallen, die darüber informieren, wie die Häuser zu DDR-Zeiten genutzt wurden und wie jetzt – er meinte die Freiluft-Ausstellung mit Aufnahmen der Gebäude aus den 80er und 90er Jahren des Binzer Fotografen Lutz Grünke. „Damals gab es FDGB-Heime, Erholungsheime und viele Wohnungen. Heute nur noch Appartements und Ferienwohnungen, Appartements und Ferienwohnungen. Naja, aber sie sehen jetzt restaurierter aus“, begann der prominente Politiker die Lesetalkrunde zu seiner Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ im Binzer „Löwenherz“.

Als Kind auf Hiddensee

Dass die Galionsfigur der Linken das Publikum anzieht, zeigte der restlos ausverkaufte, 130 Plätze fassende Theatersaal. Ob er schon einmal in Binz war, wollte der Berliner Radiomoderator Jürgen Rummel wissen, der den Gast auf der Bühne interviewte. Doch Gysi war sich unsicher. „Ich glaube nicht.“ Dafür aber öfter als Kind auf Hiddensee und gerade am Vortag mit seinen Anwaltskollegen zum Betriebsausflug. Dass dort fast keine Autos fahren, die fantastische Luft und auch die Restaurants liebt der Berliner. „Es ist ein ungeheures Privileg, am Meer zu leben“, schwärmte der 70-Jährige. Auch wenn es für ihn als Hektiker aus der Großstadt immer schwer sei, mit der ungewohnten Langsamkeit zurechtzukommen. „Hier ticken die Uhren einfach anders“, frotzelte Gysi.

Uni in Trier soll Namen Karl Marx tragen

Gewohnt spitzzüngig, selbstironisch und unterhaltsam plauderte Gysi über zwei Stunden lang – unterbrochen von einer Pause, in der er Autogramm- und Fotowünsche erfüllte – über sein Leben als Politiker, Anwalt, Moderator, Autor und Privatmann. Natürlich wurde Gysi, seit 2016 auch Präsident der Europäischen Linken, immer wieder politisch. Das US-Präsident Trump zurück zum National-Egoismus wolle und ebenso einige europäische Länder, sei eine Katastrophe. Mit der Rückbesinnung auf die Nationalstaaten werde auch der Krieg nach Europa zurückkehren, warnte Gysi. Die Jugend sei hingegen europäisch. „Wir müssen Europa gestalten, reformieren, aber retten.“ Ebenso mahnte er den Umgang mit Russland an. „Ich bin auch kritisch zu Putin, aber das ist abenteuerlich falsch“, so Gysi und erntete Applaus. Dann gab es noch Hiebe Richtung Deutschland, zum Beispiel dass es den größten Niedriglohnsektor in Europa habe. „Auch wenn die Arbeitslosenquote niedriger wurde, ist das Problem nicht gelöst, wenn aus einem Job drei gemacht wurden.“ Auch mokierte sich der Bundestagsabgeordnete über das verklemmte Verhältnis der „kleinkarierten“ Deutschen zu Karl Marx. „Ich möchte ein normales Verhältnis, er ist einer der größten Söhne Deutschlands.“ Dass der „geniale Denker“ im Staatssozialismus missbraucht wurde, dafür könne dieser nichts. Von diesem Missbrauch und von der Verbannung aus Deutschland müsse Marx befreit werden, plädierte Gysi dafür, dass die Uni in seiner Geburtstadt Trier seinen Namen tragen sollte. „Ich werde es vorschlagen, deswegen kann der Rektor mich nicht leiden.“

Dass die Mehrheit ihn heute akzeptiere, sei sein sechstes Leben. Nach Kindheit, Studienzeit, Anwaltzeit in der DDR und politischem Umbruch sei sein 5. Leben mit Anfeindungen sehr schwer und anstrengend gewesen. Dabei habe er eine neue, preußische Eigenschaft an sich entdeckt. „Ich kann sehr stur sein.“ Mit spitzbübischer Freude durchlief er gedanklich die Vorstellung, dass er als Alterspräsident den neugewählten Bundestag in der konstituierenden Sitzung eröffnet. Nicht nur, dass die CDU-Bundestagsfraktion für ihn aufstehen müsse, sondern weil er die Sitzung laut Geschäftsordnung bis zur Wahl des Bundespräsidenten leitet und eine Eröffnungsrede halten kann. „Da kann ich reden, so lange ich will“, lachte sich Gysi ins Fäustchen.

Pumpwerk wurde für einen Tag zur Moschee

Amüsant auch seine Ausflüge in seine Familiengeschichte, in der Adlige und „ursprünglich“ Kapitalisten vorkommen oder die Anekdote mit Gaddafi, als Gysis Vater Staatssekretär für Kirchenfragen war. Libyens Staatspräsident bemängelte bei einem Staatsbesuch fehlende Gebetsräume für Botschaftsangestellte, die eine Moschee in Westberlin aufsuchen mussten. Er überwies Geld für den Bau, was aber bis zum nächsten Besuch Jahre später vergessen wurde. In einer Nacht- und Nebelaktion holte man aus dem Potsdamer Pumpwerk, das so ähnlich aussah, die Maschinen raus und brachte Teppiche rein. Damit die richtig liegen, wurde noch schnell ein Islamwissenschaftler hinzugezogen. Doch Gaddafi flog wieder ab, ohne nach der Moschee zu fragen. Das Pumpwerk wurde wieder Pumpwerk.

Sein siebtes Leben sei das Alter, kündigte Gysi noch an. „Aber wann das beginnt, weiß ich noch nicht.“

Herold Gerit

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