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Rügen Großer Mangel in der Physiotherapie
Vorpommern Rügen Großer Mangel in der Physiotherapie
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06:43 15.06.2018
Physiotherapeutin Madlen Foth (l.) und Praxisinhaberin Nicola Dankert in einem der sieben Behandlungsräume in der Sassnitzer Praxis. Quelle: Dana Frohbös
Sassnitz

Sie lindern Schmerzen, lassen Lahme wieder gehen und verhindern sogar Operationen. Heilmittelerbringer wie Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen sind ein wichtiger Teil unseres Gesundheitssystems. Doch sie arbeiten am Limit. 

18 000 Euro für die Ausbildung

So auch Madlen Foth, die in einer Praxis in Sassnitz auf Rügen beschäftigt ist. Die 39-Jährige steht seit mehr als 20 Jahren mitten im Beruf und damit auch mitten in der Misere, wie sie selbst sagt. Damit geht es bereits in der Ausbildung los. Sie findet zu einem großen Teil schulisch statt und kostet monatlich bis zu 500 Euro - ein Gehalt wird während der drei Jahre nicht gezahlt. „Man muss dann Bafög oder einen Bildungskredit beantragen und startet nach der Ausbildung mit einem Schuldenberg in den Beruf“, sagt Praxisinhaberin Nicola Dankert. Die Einstiegsgehälter liegen bei etwa 1800 Euro brutto. Bis sich die Ausbildungskosten amortisieren, dauert es also lange. Und innerhalb der ersten Berufsjahre sind die Schulden kaum abzubezahlen, denn erforderliche Zusatzqualifikationen verschlingen weitere Tausende Euro - sind aber nötig, damit die Therapien gegenüber den Krankenkassen abgerechnet werden können. In der Ausbildung werden die Behandlungsmethoden lediglich angerissen.

„Als ich mit der Ausbildung fertig war, hatte ich das Gefühl, ich kann nichts“, sagt Madlen Foth und fordert: „Das gehört komplett überarbeitet.“ Nach staatlicher Prüfung sei der Berufseinsteiger in der Lage, nur 50 Prozent der verordneten Leistungen durchzuführen. „Die anderen 50 Prozent bestehen aus Zertifikatsleistungen, die man erst teuer erwerben muss“, sagt die Therapeutin.

Teure Fortbildungen

„Ich habe in meinem Berufsleben etwa 10000 Euro an Fortbildungskosten angehäuft und alles aus eigener Tasche bezahlt“, erzählt Madlen Foth. Die Fortbildung zum Thema Lymphdrainage kostet beispielsweise 1500 Euro, wird aber in der Abrechnung mit den Kassen schlechter bezahlt als die Krankengymnastik. „Es gibt zunehmend Therapeuten, die ihre Zertifikate wieder zurückgeben, weil sie sich diese Behandlung nicht mehr leisten können“, sagt Madlen Foth.

Therapeuten müssen Rezepte prüfen

Als größten Irrsinn beschreibt Madlen Foth die Prüfpflicht der Rezepte, die von den Ärzten ausgestellt werden. Ist dabei auch nur ein Kreuz falsch gesetzt, zahlt die Krankenkasse die Therapie nicht, auch wenn sie korrekt durchgeführt wurde. „Zur Rezeptänderung müssen wir die Patienten dann zurück zum Arzt schicken“, sagt Madlen Foth. Das sorge vor allem bei älteren Patienten und auch bei den Ärzten für Unmut. Geprüft werden bis zu 80 Rezepte täglich - ein enormer Aufwand, der unbezahlt bleibt.

20 Minuten pro Patient

Pro Behandlungseinheit ist eine Zeit von 20 Minuten vorgegeben. „Der Patient geht davon aus, dass es sich dabei um die Behandlungszeit handelt“, sagt Madlen Foth. Genauso muss aber die Vor- und Nachbereitung des Raumes in dieser Zeit erledigt sein, der Patient muss sich an- und ausziehen, der Befund und die Behandlung dokumentiert werden, teilweise ist Rücksprache mit dem Arzt erforderlich, ein Taxi muss oft bestellt und neue Termine vereinbart werden. „Unser Stresslevel ist den gesamten Tag über enorm hoch“, sagt die 39-Jährige. Besonders problematisch sei, dass die Patienten von all diesen Dingen gar nichts wissen.

Therapeuten sind machtlos

„Es sieht wirklich nicht gut aus zurzeit - eigentlich sieht es sogar sehr schlecht aus“, meint auch Tino Ehlert. Er arbeitet in einer Praxis in Grimmen und fühlt sich machtlos. „Eigentlich sollte eine Therapie ja zeitnah begonnen werden, aber die Wartezeit beträgt acht bis zehn Wochen und wir Therapeuten können nichts dagegen tun“, sagt er. Die Tage seien lang, denn die Behandlungszeit, die für jeden Patienten angesetzt ist, reiche nicht aus, wenn man sich angemessen mit ihnen auseinandersetzen will. „Da geht ruckzuck mal eine Viertelstunde flöten und die muss man dann am Ende des Tages ranhängen, unentgeltlich“, sagt Ehlert.

Arbeiten am Fließband

Das kennt auch eine Physiotherapeutin aus Ribnitz-Damgarten, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Ich habe heute von 7.50 bis 18.40 Uhr im 25-Minuten-Takt einen Patienten nach dem anderen behandelt, mit einer 25-minütigen Pause“, sagt die junge Frau. Nicht aus Geldgier, sagt sie, „sondern aus Notwendigkeit, weil ein Patient mit einem akuten Bandscheibenvorfall leider nicht sechs Wochen auf einen Termin warten kann.“ Ihren Job betreibt sie aus Leidenschaft - sonst hätte sie wohl längst aufgegeben. „Ich habe fünf gelernte Physiotherapeuten in meinem Freundeskreis und arbeite als Einzige noch in unserem Beruf“, sagt sie. Die aktuellen Zustände seien furchtbar. „In unserer Branche ist es üblich, für die Fortbildungen sogar Urlaub zu nehmen. Ich habe die ersten sechs Jahre nach der Ausbildung nichts anderes gemacht als eine Weiterbildung nach der anderen.“

Stellen bleiben unbesetzt

In der Sassnitzer Praxis von Nicola Dankert sind vier Physiotherapeutinnen angestellt, zusätzlich eine im Außendienst. Im vergangenen Jahr wurden gleich zwei schwanger und fielen aus, Ersatz war nicht zu bekommen. „Der Markt ist völlig erschöpft und freie Stellen braucht man gar nicht mehr zu melden“, sagt Nicola Dankert. Gute Physiotherapeuten, die frei verfügbar sind, gebe es nicht, sagt Madlen Foth. Also haben die beiden zu zweit weitergemacht. „Das war dann ein Jahr lang ein echtes Minusgeschäft“, sagt Nicola Dankert.

Bürokratie bremst Behandlungen

Neben verbesserten Verdienstmöglichkeiten wünscht Madlen Foth sich aber vor allem die Möglichkeit, effizienter arbeiten zu können. Statt den mühseligen Weg über den Arzt zu nehmen, wäre ein Direktzugang hilfreich - in vielen Ländern längst Standard. „Kommt ein Patient mit einer akuten Symptomatik, könnten wir diese in den meisten Fällen schnell behandeln“, sagt Madlen Foth, „aber der Betroffene muss erst zum Hausarzt, wird dann zum Facharzt weitergeschickt, eventuell folgt bildgebende Diagnostik.“ Dabei verliere der Patient wertvolle Zeit und aus einer akuten Problematik werde schnell eine chronische.

Krankenkassen setzen klare Grenzen

Die Versorgung der Patienten ist nicht nur gefährdet, sie ist zum Teil schon längst nicht mehr gewährleistet. „Gerade mussten wir wieder eine Anfrage für einen Hausbesuch ablehnen. Die Kapazitäten sind erschöpft“, sagt Madlen Foth. Und dabei sei der Beruf so vielfältig. „Für mich war immer ein Einklang von Körper, Geist und Seele wichtig - es sollte eine Gesundheitspflege sein“, sagt Nicola Dankert. Laut Rahmenverträgen mit den Krankenkassen müsse die Behandlung aber nur ausreichend sein, macht Madlen Foth deutlich, mehr sei gar nicht gewünscht.

Suche nach Alternativen

Und mehr wäre zurzeit auch nicht möglich. „Ich habe sehr massive Probleme, offene Stellen zu besetzen“, sagt der Physiotherapeut Torsten Görs. Der Stralsunder sucht seit vier Monaten dringend einen Therapeuten. „Wöchentlich gebe ich Inserate auf und nichts ist in Sicht. Dadurch komme auch ich in wirtschaftliche Schwierigkeiten“, sagt Görs. Er sei gezwungen, neue Geschäftsfelder zu erschließen.

„Ich habe mich letztes Jahr entschlossen, einen völlig von den Kassen unabhängigen Selbstzahlerbereich aufzubauen“, erzählt er.

Therapeuten sind Hände gebunden

Auch Cathrin Pasedag kennt all diese Probleme. „Die Stellenanzeige auf meiner Homepage ist zum Dauerbestand geworden“, sagt die Physio- und Ergotherapeutin aus Greifswald. Ihre Praxis ist von sieben Mitarbeitern auf aktuell drei geschrumpft. „Einige ziehen weg, andere wechseln in den öffentlichen Dienst“, sagt sie. Ihre Tage seien bis zu elf Stunden lang. „Und dann setze ich mich noch hin und mache mich an die Bürokratie.“

Eine Online-Petition zur Verbesserung des Berufes hat bereits über 150000 Unterschriften gesammelt: bit.ly/PhysioPetition

Offene Stellen für Physiotherapeuten bleiben 140 Tage lang unbesetzt

11 gemeldete arbeitslose Physiotherapeuten gibt es aktuell im Landkreis Vorpommern-Rügen - bei 26 gemeldeten offenen Stellen. In Mecklenburg-Vorpommern ist das Verhältnis mit 76 Arbeitslosen und 226 offenen Stellen sogar noch dramatischer. Bis eine offene Physiotherapeutenstelle neu besetzt werden kann, vergehen 140 Tage. Die durchschnittliche Zeit aller Berufe beträgt 85 Tage. Nachwuchs in diesem Bereich zu finden, ist ein großes Problem. „Die Zahl der jugendlichen Schulabgänger ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken“, sagt Dr. Jürgen Radloff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Stralsund. Dadurch habe sich auch die Zahl der Bewerber um einen Ausbildungsplatz immer weiter reduziert - in allen Branchen. „Bei der Physiotherapeuten-Ausbildung kommen allerdings noch zusätzliche Punkte hinzu“, sagt Radloff. Bei der schulischen Ausbildung wird keine Vergütung gezahlt, sondern es muss größtenteils Schulgeld bezahlt werden. „Das ist nicht gerade ein leichter Start ins Berufsleben“, sagt Radloff. Eine Lösung, so Radloff, könnten nur attraktivere Arbeitsbedingungen sein.

Dana Frohbös

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