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Herr der Ratten, Kanonen und Schwerter

Ralswiek Herr der Ratten, Kanonen und Schwerter

Der Rüganer Sven Geist ist seit zwölf Jahren Chef-Requisiteur bei den Störtebeker Festspielen

Ralswiek. Es gibt ein Mantra, das Sven Geist, Chef-Ausstatter bei den Störtebeker Festspielen, immer wieder abruft, wenn er seine Arbeit umschreibt: „Die Illusion muss einfach perfekt sein, weil unsere Gäste effektvolle Aufführungen erwarten!“

Mit einem Hang zur Perfektion und absoluter Detailversessenheit hat der 48-jährige gebürtige Bergener diesen hohen Anspruch an sich selbst verinnerlicht, und das lebt der Chef-Requisiteur bei den Störtebeker Festspielen an jedem Arbeitstag immer wieder neu.

Seit zwölf Jahren leitet der Vollblut-Theaterprofi, der sich persönlich keinen anderen Job mehr vorstellen kann, die Ausstattungsabteilung mit fünf Mitarbeitern. Im wahrsten Sinne des Wortes ganz klein – nämlich als Kleindarsteller – hat Geist vor genau 20 Jahren bei den Störtebeker Festspielen in Ralswiek angeheuert. Er fuhr damals noch zweigleisig, da sein einstiger Arbeitgeber zu jener Zeit noch nicht auf ihn verzichten wollte.

Doch irgendwann musste er sich entscheiden, ob ihm der Beruf als Lkw-Fahrer auch zukünftig noch erfüllen würde. Intendant Peter Hick hatte wohl schnell gemerkt, dass der damals erst 28 Jahre junge Mann goldene Handwerkerhände besaß und hatte ihm ein verlockendes Angebot gemacht: Für den Bühnenbau brauchte Hick immer geschickte Leute, die keine Mühen scheuten, seine anspruchsvollen Visionen umzusetzen. „Irgendwann im Jahre 2004 fragte der Chef mich dann, ob ich mir vorstellen könnte, die Requisitenabteilung zu leiten, und er gab mir 24 Stunden Bedenkzeit“, erinnert sich der Rüganer zurück. Die ausbedungene Bedenkzeit brauchte er gar nicht: Sven Geist sagte kurz entschlossen zu.

„Um eine perfekte Illusion zu verkaufen, muss man sich ständig ganz spezielle Sachen ausdenken“, erzählt der gelernte Facharbeiter für Transport und Lagerwesen, der sich im Mukraner Hafen zu DDR-Zeiten den Rücken kaputt gearbeitet hat. „Mit 25 hatte ich schon einen Bandscheibenvorfall, das kam unter anderem vom Schleppen der schweren Schweine- und Rinderhälften“, sagt Geist und runzelt dabei etwas die Stirn. Diese körperlich extrem schwere Arbeit konnte er danach nicht mehr ausüben und sattelte zum Lastwagenfahrer um.

Einen Vergleich zu Lastwagen zieht er übrigens immer dann, wenn er gefragt wird, wie groß denn der Requisiten-Fundus inzwischen sei: „Gut acht Sattelzüge bräuchten wir, um alles an einen anderen Ort zu bringen. Mittlerweile reichen unsere Lagerkapazitäten auf dem Theatergelände schon längst nicht mehr aus, so dass wir auf eine ehemalige Sägewerkshalle zurückgreifen müssen, um alles unterbringen zu können.“ Geist hat die Eigenschaft, nichts so einfach wegschmeißen zu können. Man könne ja jedes Utensil irgendwann noch einmal brauchen, findet er.

Was war denn das aufwändigste Bühnenausstattungsstück? Nach einiger Überlegung kommt Sven Geist drauf: „Vielleicht das riesige, sich selbst öffnende Buch für die Goldtempler-Episode.“ Damals konstruierte Geist die Elektromechanik für dieses sich wie von Geisterhand öffnende Buch und zimmerte aus Spanplatten die Hülle. Dieses Buch wurde ein optischer Bühnenkracher, der das Publikum begeisterte.

Bis auf die Kanonen, Schwerter, Tiernachbildungen oder wenige andere Stücke wird alles von den sechs Ausstattungsmitarbeitern von Hand selbst produziert. Die Lanzen für die Ritter oder bei Bühnenraufereien zerdroschene Tische müssen in aufwändiger Tätigkeit täglich neu gezimmert werden. Bereits vier Stunden vor dem Beginn der Vorführung sind die sechs Ausstatter vor Ort, um alle Vorbereitungen zu treffen, und für die Nachbereitung brauchen sie mindestens noch einmal eine volle Arbeitsstunde.

Für Sven Geist als vierfachen Opa ist es übrigens ein Leichtes, auch in der Freizeit mal schnell eine Überraschung für die Enkel zusammenzubauen. „Ein Enkel von mir wollte nach der Störti-Vorstellung unbedingt auch eine Ritterrüstung haben, die ich ihm einen Tag später geliefert habe“, erzählt der noch recht junge Großvater lachend.

Etwas ernster wird Geist, als er in seinem Werkstattbüro auf seine Pinnwand mit den vielen Fotos der Störtebeker-Darsteller zeigt: „Ich habe schon viele kommen und gehen sehen, weil jeder aus dem Schauspielensemble täglich in unserer Abteilung vorbeischaut – da kennt man sich persönlich“, sagt er. Und dann deutet er auf ein Bild von Thomas Kornack. Der hatte 2013 und 2014 bei den Inszenierungen für die humorvolle Note gesorgt. An dessen viel zu frühen Tod Ende 2014 hat Sven Geist noch heute zu knabbern. Kornack, in den Stücken nur „Kurzer“ genannt, war damals an einem Herzinfarkt verstorben.

Christian Rödel

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