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Historie ist spannender als ein Krimi

Historie ist spannender als ein Krimi

Anna-Theresa Hick entscheidet als Drehbuchautorin über Wohl und Wehe des Piraten Klaus Störtebeker

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Anna-Theresa Hick mit ihrem schlafenden Töchterchen Charlie vor der Kulisse der Störtebeker Festspiele in Ralswiek. Im Hintergrund ist das Wappen des Hochmeisters des Deutschen Ordens zu sehen, der eine große Rolle im diesjährigen Stück „Auf Leben und Tod“ spielt.

Quelle: Balázs Kiss

Ralswiek Auf der Bühne der Störtebeker Festspiele wird jeden Abend gekämpft, geliebt und gestorben. Mehr als 350000 Zuschauer im Jahr verfolgen die spannenden Geschichten um den Freibeuter Klaus Störtebeker und seinen Freund Goedeke Michels. Auf welchen Pfaden die Helden wandeln, entscheidet Anna-Theresa Hick. Die 34-jährige Geschäftsführerin der Störtebeker Festspiele hat bereits im vergangenen Jahr maßgebliche Teile des Drehbuchs geschrieben, das diesjährige Stück „Auf Leben und Tod“ stammt aus ihrer Feder. Mit der OSTSEE-ZEITUNG sprach sie über ihr Leben in einer Theaterfamilie, FKK-Strände und wieso die Geschichte immer noch die besten Krimis schreibt.

Heute:

Anna-Theresa Hick

Geschäftsführerin/ Drehbuchautorin

Störtebeker-Serie

Hinter den Kulissen

Ihr Vater Peter Hick war bereits vor Beginn der Störtebeker Festspiele 1993 als Stuntman und Intendant eine Berühmtheit, zum Beispiel bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Ihre Mutter ist Schauspielerin. Inwieweit hat das Thema Theater auch ihre Kindheit bestimmt?

Anna-Theresa Hick: Es war schon prägend. Und wunderschön. Es gibt sogar Babyfotos, die mich auf dem Arm meiner Mutter zeigen, als sie gerade über die Hinterbühne in Bad Segeberg reitet. Ich bin mit Schauspielern, Künstlern und Stuntleuten aufgewachsen. Wir haben damals in Hitzhusen (Schleswig-Holstein) gewohnt. Meine Eltern hatten immer ein sehr offenes Haus, es waren häufig Freunde zu Besuch. Dann saßen alle zum Essen zusammen. Ich erinnere mich noch an die großen Töpfe, in denen die Muscheln gegart wurden, wenn es mal wieder ein großes Fest gab. Fast ein bisschen wie beim perfekten Dinner. Nur in echt.

Haben Sie als Kind auch auf der Bühne gestanden?

Anna-Theresa Hick: Ja, ich habe kleine Statistenrollen gespielt, unter anderem war ich ein Trappermädchen. Dafür bekam ich extra ein kleines blau- gelbes Kostüm genäht, daran erinnere ich mich noch gut. Allerdings hätte ich lieber ein Indianermädchen gespielt. Die fand ich einfach cooler. Pierre Brice, der damals den Winnetou gespielt hat, war sowieso großartig. Er hat immer eine unglaubliche Ruhe und Würde ausgestrahlt. Und: Er war der erste Mann, der mich geküsst hat. Nicht richtig, natürlich. Nur auf die Wange. Aber ich fand es toll.

Die Familie ist wenig später nach Rügen gezogen, ihr Vater begründete hier 1993 die Störtebeker Festspiele. An was erinnern Sie sich besonders intensiv?

Anna-Theresa Hick: Für mich als Kind war das zunächst alles ein großes Abenteuer. Erst als ich mein leeres Kinderzimmer gesehen habe, wusste ich, es wird ernst. Dann habe ich mich auf Rügen aber sehr schnell eingelebt. Vieles war neu: Essen in der Schule zum Beispiel. Und das Meer war immer da, toll! Vorher kannte ich ja nur die Nordsee. Faszinierend fand ich auch die FKK-Strände. Mit dem Begriff Freikörperkultur konnte ich zwar nichts anfangen und die Erklärungen der Erwachsenen waren auch eher unbeholfen, aber es erschien mir alles sehr logisch. Man muss keine nassen Badesachen anbehalten, trocknet schneller, der ganze Körper genießt die Sonne.

Waren Sie selbst am FKK-Strand?

Anna-Theresa Hick: Nein, meine Mutter hatte Vorbehalte. Sehr häufig sind wir außerdem gar nicht dazu gekommen, an den Strand zu fahren. Denn im Sommer stand für meine Eltern in der Festivalzeit nun mal Arbeit an. Das hat mich aber nicht gestört, für mich war das Störtebeker-Areal ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Inklusive Basteln mit den Requisiteuren und Heuhaufenklettern mit anderen Kindern. Barfuß, versteht sich, denn die Pferde sollten ja sauberes Heu fressen. Das war uns wichtig.

Trotzdem haben Sie keine Schauspielkarriere angestrebt?

Anna-Theresa Hick: Nein, ich habe gemerkt, dass es andere Menschen gibt, die dieses Ziel viel mehr erreichen wollen. Und das ist für den Erfolg entscheidend. Ich habe später an der Design-Akademie Management und Marketingkommunikation studiert. Vorher allerdings habe ich noch einige Semester Geschichte an der TU Berlin belegt.

Also eine ganz andere berufliche Richtung. Warum das?

Anna-Theresa Hick: Weil ich Geschichte unglaublich spannend finde und einen Bogen zu Störtebeker schlagen wollte. Leider war der Studiengang dann komplett überlaufen. Ich weiß noch, wie ich in der Vorlesung auf einer Art Metallkante direkt unter der Tafel saß – weil sonst einfach kein Platz mehr frei war. Ich habe das Studium dann abgebrochen. In dem Historiker Dr. Matthias Puhle haben wir aber einen Experten gefunden, der uns als Berater in Fragen zur Geschichte Störtebekers zur Seite steht. Sein Buch „Die Vitalienbrüder“ ist eine Art Bibel für mich und liegt beim Drehbuch-Schreiben immer parat.

Welche Bedeutung hat für Sie als Drehbuchautorin die Geschichte für ein Störtebeker-Stück?

Anna-Theresa Hick: Die Historie liefert immer noch die besten Krimis. Ich finde es ganz wichtig, dass wir glaubhaft bleiben und uns an den historischen Fakten orientieren. Wir sind ja schließlich keine Märchenerzähler. Dieser Anspruch macht die Vorbereitung aufwändig. Zunächst muss man schauen, welche Situationen es rund um die Freibeuter gab und welche Figuren in Frage kommen.

Das geht bis ins Detail, also bis zur Darstellung der korrekten Wappen und Trachten der Zeit. In Vorbereitung auf die neue Saison habe ich mich zum Beispiel mit der Geschichte der Friesen im Mittelalter beschäftigt. Die haben nämlich bei ihren Auseinandersetzungen auf der Nordsee die Vitalienbrüder als Söldner angeheuert.

Ist das ein Hinweis auf das neue Stück?

Anna-Theresa Hick: Fakt ist, dass 2017 wieder ein Störtebeker-Zyklus endet, die Reise also zwangsläufig auf dem Hamburger Grasbrook endet, wo Klaus Störtebeker geköpft wird. Das Drehbuch ist aber noch in Arbeit, nach Ende der Vorstellungen geht es richtig los. Die Arbeit erfolgt immer in enger Kooperation mit meinem Vater, der aufgrund seiner Erfahrung einfach ein unglaublich guter Partner ist. Wir bekommen uns zwar manchmal auch in die Haare, gerade wenn es um Fragen der Genauigkeit geht, aber wir lernen auch viel voneinander. Er ist für die schönen Bilder zuständig, ich für den Text – ein gutes Team.

Aber zur Zeit beansprucht doch ein anderes, ganz besonderes Familienmitglied ihre Aufmerksamkeit, oder?

Anna-Theresa Hick: Ja. Ich bin seit sechs Jahren mit Balázs Kiss (Anmerkung: Kampf-Choreograf der Störtebeker Festspiele) zusammen. Am 1. Juli ist unsere Tochter Charlie Amal auf die Welt gekommen. Ich hatte großes Glück mit der Geburt: Mittags saß ich noch auf der Terrasse, abends war ich schon Mama. Es ist wundervoll zu sehen, wie Charlie gerade beginnt, ihren eigenen Charakter zu entwickeln. Natürlich trete ich beruflich kürzer, bin nicht mehr jeden Tag auf dem Störtebeker-Gelände. Das Drehbuch schreibe ich am Computer Zuhause. Dadurch, dass wir mit meinen Eltern in einem Haus wohnen, ist die Zusammenarbeit unkompliziert.

Störtebeker Festspiele in Ralswiek

1959 fanden die ersten „Rügenfestspiele“ der DDR auf der Naturbühne Ralswiek statt. Die Veranstaltungen erfolgten allerdings unregelmäßig.

1993 übernahm Intendant Peter Hick die Freilichtbühne und eröffnete unter dem Namen Störtebeker Festspiele eine Veranstaltungsreihe mit jährlich neuem Programm.

350000 Menschen sehen die Abenteuer von Klaus Störtebeker jedes Jahr, 150 Mitwirkende sind beim Störtebeker-Stück „Auf Leben und Tod“ dabei.

Vorstellungen finden noch bis 3. September montags bis sonnabends um 20 Uhr statt. Karten gibt es ab 12 Euro/Kinder 10 Euro im Servicecenter der OSTSEE-ZEITUNG am Markt in Bergen oder unter www.stoertebeker. de

Anne Ziebarth

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