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Rügen „Ich schaute Willy Brandt in die Augen“
Vorpommern Rügen „Ich schaute Willy Brandt in die Augen“
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00:00 10.02.2018
Rosemarie Elsholz mit einem Familienfoto. Damals wohnte ihre Famile im Garlitz Erben Haus in Sassnitz. Quelle: Foto: Christine Zillmer
Sassnitz

Rosemarie Elsholz ist in ihren 92 Lebensjahren schon vielen Menschen begegnet. Eine der intensivsten Erinnerungen hängt allerdings an einer bestimmten Person.

„Ich habe direkt in die Augen von Willy Brandt geschaut“, berichtet sie stolz. Am Tag des Mauerfalls war sie in Berlin. „Meine Tochter und ich gingen vom Bahnhof Richtung Grenze. Menschenmengen strömten auseinander und verteilten sich in alle Himmelsrichtungen. Zwischen den vielen Leuten traf ich Schulter an Schulter auf einen Mann mit schwarzem langem Ledermantel“, erinnert sich Elsholz.

„Das war Willi Brandt. Wir haben uns Schulter an Schulter stehend angelächelt und dabei begeistert zugenickt.“

Als Tochter eines Zahnarztes wurde Rosemarie 1925 in Stettin geboren. Die Familie zog im Winter 1925/26 nach Sassnitz. Der Vater eröffnete seine Praxis im damaligen Garlitz Erben Haus in der Hauptstraße. Dann zog der Zahnarzt Bartelt mit seiner Familie in den ersten Stock der Villa Monopol in der Hermann-Bebert-Straße/ Ecke Seestraße. Rosemarie wuchs behütet auf, die Mutter kümmerte sich zu Hause um die Kinder. „Als ich sechs Jahre alt war, holte mich mein Spielfreund und Nachbarsjunge Rudi ab. Er sagte, dass am Sassnitzer Bahnhof etwas los sei und ich solle mitkommen.“ Die Kinder liefen hin und sahen eine Traube von Männern der Sturmabteilung (SA) der NSDAP dort stehen. „Das war meine erste Erfahrung mit Gewalt. Ich sah, wie die Männer einen Sassnitzer Juden traktierten. Was mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht“, erinnert sich Elsholz mit Schaudern.

Auch die Technik beim Fegen will gelernt sein

Nach der Schule lernte Rosemarie mit sechzehn die Hauswirtschaft. Im sogenannten Pflichtjahr wurde sie einer Familie mit drei kleinen Jungen zugeteilt und unterstützte im Alltag. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich den Besen immer verkehrt hielt. Ich fegte Richtung meiner Füße, ich hatte ja keine Ahnung. Wir hatten immer eine Hausdame, die das für uns erledigte“, erzählt Elsholz lachend. Die Frau mit ihren Kindern behandelte Rosemarie in dem Pflichtjahr sehr gut. Viele polnische Mädchen, die nicht freiwillig in anderen Familien helfen sollten, wurden oft geschlagen.

Mit siebzehn zog Rosemarie Elsholz für zwei Jahre nach Stettin, ihr Vater hatte ihr zu einer Ausbildung als Kindergärtnerin geraten. Dieser Beruf würde gebraucht und seine Tochter von den Munitionsfabriken fern halten. Rosemarie besuchte eine Fachschule im heutigen Polen. Kurz vorm Examen wurden die Schülerinnen abkommandiert zum „Schippen“. Die Jugendlichen sollten an der Grenze Gräben ausheben, um das Überqueren feindlicher Panzer zu verhindern. In Born in einem ehemaligen Gefangenenlager für Offiziere machten sich die Mädchen allerdings so nützlich in der Küche, dass sie gar nicht zum „Schippen“ kamen. Kartoffel schnippelnd arbeitete Rosemarie am Herd für über 1000 Lagerarbeiter. Mit 19 schaffte sie dann den Abschluss zur Kindergärtnerin und ging zurück nach Sassnitz, um dort in ihrem Beruf zu arbeiten.

Einen Bombenangriff überlebte die Familie nur durch Glück

Acht Wochen vor Kriegsende ereilte die Sassnitzer ein heftiger Bombenangriff der Alliierten. In dieser Nacht im März 1945 zerbarsten durch Fliegerbomben die Türen und Scheiben des Elternhauses von Rosemarie. „Wir überlebten diesen Angriff“, erzählt sie. Dann flohen die Nazis und die Russen wurden erwartet. Es war nichts mehr so wie zuvor. „Wann kommen denn jetzt die Russen“, fragte sich die Familie. Irgendwann schlich ein Soldat die Seestraße entlang. „Die wussten ja auch nicht, was auf sie zukommt, also waren alle vorsichtig.“ Die Zeit der Besetzung durch die russische Armee verlief weitestgehend friedlich. Rosemarie holte Brennholz aus dem Wald und besorgte mit ihrem Handwagen Lebensmittel für die Familie. Ihr Vater setzte den russischen Offizieren Goldkronen ein.

Die Liebe ließ nicht mehr lange auf sich warten. Günter Elsholz, ehemaliger Pilot der Wehrmacht, fand Gefallen an der Tochter des Zahnarztes. Er lud sie zum Tanz ein und machte ihr den Hof.

„Günter biss sich lange die Zähne an mir aus und musste mich erobern.“

1952 heiratete sie ihren Mann und gründete eine Familie. 1953 und 1954 wurden ihre Töchter geboren. „Mein Mann arbeitete als Leiter in einem großen Rügener Betrieb. Wir waren sehr glücklich. Vor 19 Jahren starb er.“ Ihre Geschichten hat die Seniorin auch für die Nachwelt festgehalten. Zur Erinnerung schrieb sie ein kleines Büchlein. „Für die Familie“, sagt sie.

Christine Zillmer

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