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„Ich war immer mein eigener Herr“

Zirsevitz „Ich war immer mein eigener Herr“

Seit 64 Jahren fährt Peter Wickboldt zum Fischen auf die Bodden

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Peter Wickboldt und seine Frau Lotti.

Quelle: Foto: Susanna Gilbert

Zirsevitz. Der Krieg hat sich unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Peter Wickboldt war acht Jahre alt, als eine Granate nicht weit von seinem Heimatort Zirsevitz einschlug, als er sah, wie ein US-Kampfflugzeug vom Himmel trudelte und schließlich die Russen über die Felder und dann durchs Dorf marschierten. Die hatten ihre Kommandatur im Dumsevitzer Herrenhaus.

„In der Schule haben wir nichts mehr gelernt“, erinnert sich der 80-Jährige an die letzten Kriegswochen. Der Lehrer hatte einen Karabiner in der Ecke stehen und die Trillerpfeife stets parat. Die größeren Kinder hatten einen Graben vor dem Gebäude gezogen, und dann wurde für den Ernstfall geübt. Der Bruder hatte einmal von französischen Kriegsgefangenen Schokolade bekommen, und die Mädchen waren gerannt, um den amerikanischen Piloten mit der goldenen Uhr zu bestaunen, der sich aus dem abgeschossenen Flieger gerettet hatte und mitten im Feld gelandet war.

Peter Wickboldt hatte früh erwachsen werden müssen. Oft half der Bauernsohn bei den Fischern von Zittvitz und Buschvitz aus. Als er 1952 mit der Schule fertig war, kaufte er die Fischerei eines alten Mannes. Mit gerade einmal 16 Jahren war er selbstständiger Fischer und stolzer Besitzer von Gerätschaften, Netzen und dem Boot „Michel“. „Das hat ewig gehalten“, sagt der rüstige Senior. Später baute er sich seine Boote selbst. Auch seinem Sohn hat er zur Jugendweihe ein eigenes kleines Boot gebaut. Mit der Wende war Schluss mit den Eigenbauten. Aus Gründen der Sicherheit musste er später einen kleinen Kutter in Dänemark bestellen.

Peter war ein junger Mann von 24 Jahren, als ihm seine Lotti in der Fischerei-Produktionsgenossenschaft in Lietzow über den Weg lief. „Wer zuerst geblinzelt hat, das wissen wir nicht mehr“, sagt ein Paar, das auch noch 56 Jahre später einträchtig durchs Leben geht. 1962, nach der Hochzeit, zog die Sagarderin Lotti ins Haus am Bodden, das schon Peters Großeltern um 1900 gekauft hatten. Zwei Söhne wurden geboren: Holger ist wie sein Vater Fischer geworden. Der jüngere Mirko ist bei der Gemeinde Ralswiek angestellt.

Fünf Enkel und ein Urenkelchen, der fünf Monate alte Jesse, komplettieren die Familie.

Zufrieden blickt Peter Wickboldt auf 64 Jahre Arbeit zurück. „Ich habe mein Leben lang selbstständig gearbeitet.“ Auch wenn es oft ein hartes Brot war: „Früher wurde im Sommer nachts gefischt“, denn die Zugnetze waren aus Baumwolle und mussten tagsüber zum Trocknen ausgelegt werden. Ab September ging es dann am Tage aufs Wasser. In der kalten Jahreszeit stand Eisfischen auf dem Programm. In regelmäßigen Abständen wurden Löcher ins Eis gebohrt und darunter Fangnetze gezogen. Das war nicht ungefährlich. „Da muss man genau wissen, wo man hin kann.“ Der Fischer erinnert sich noch genau, wie eine Fischerstochter eingebrochen und ertrunken ist.

Die beiden Jasmunder Bodden waren seine Fanggebiete, sind es noch heute, wenn er ab und zu, vor allem im Winter, seinem Sohn hilft. „Vom Kleinen Jasmunder Bodden allein kann man sich nicht ernähren“, weiß der erfahrene Fischersmann. In dem kleineren Bodden gibt es hauptsächlich Zander, im großen Aal und Barsch. Früher wurde der Fang nach Lietzow geliefert, heute geht er nach Bergen.

Zwei bis drei Mal in der Woche kommt bei den Wickboldts Fisch auf den Tisch. „Mein Mann hat noch nie einen Arzt gebraucht“, stellt Frau Lotti stolz fest. Sie weiß, wie gesund die Nahrung aus dem Wasser ist. „Die meisten Fischer werden älter als andere.“

Die 80-Jährige hat lange Jahre nicht nur in der Fischerei, sondern auch in einer Molkerei und in Haushalten gearbeitet. Sie ist zufrieden mit dem überschaubaren Leben im kleinen Dorf. Ab und zu waren die beiden unterwegs, in Dresden und in Hamburg, aber das hat ihnen nicht besonders gefallen: „Da möchte ich auch nicht sein.“ Sie waren „etwas enttäuscht“ von der Anonymität in den Städten. „Und dass vor den Fenstern keine Gardinen hängen – ich möchte das nicht“, sagt Lotti. Das Paar, das nie woanders hin wollte, weiß genau: „Wir sterben hier.“

Susanna Gilbert

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