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Ihre Familie hält zusammen

Prisvitz Ihre Familie hält zusammen

Renate Meyer lebt im einstigen Schnitterkaten an den Schienen / Sie hat fünf Enkel und einen Urenkel

Prisvitz. Im Bergener Dienstleistungskombinat blieb kein Wunsch offen. Haushaltsgeräte wurden repariert, Frisuren kreiert, Fotos entwickelt, kosmetische Behandlungen angeboten und im Trauerfall auch die Bestattung organisiert. Fast 30 Jahre werkelte Renate Meyer in dem Volkseigenen Betrieb und nach der Wende in der zur GmbH umgewandelten Elektroabteilung. „Die Arbeit ist mir nicht schwer gefallen“, sagt die 70-Jährige im Rückblick.

Renate heißt „die Wiedergeborene“, und so hat für die Prisvitzerin vor zehn Jahren mit der Rente ein neues Leben angefangen. „Ich muss nicht mehr hetzen und mache alles so, wie ich kann“, bringt sie ihre derzeitige Lebenssituation auf den Punkt. Natürlich ist es ruhiger geworden, seitdem ihr Mann im August 2013 gestorben ist und die Kinder längst ihrer Wege gehen. Zu tun gibt es aber immer noch genug: Jeden Morgen um 6.45 Uhr springt die agile Seniorin aus den Federn. Danach schaut sie nach der 16-jährigen Enkelin Rosalie, die im vorderen Teil des Hauses gemeinsam mit ihrer Mutter Kerstin und Renates Schwiegersohn lebt. Ist die Schülerin aus dem Haus, wird erstmal ordentlich gefrühstückt und ein bisschen Radio gehört. Nach einer Runde mit der zweijährigen Hündin Betty, die Kerstin aus dem Tierheim geholt hat, kocht Renate Meyer Mittagessen. Nachmittags treffen sich die vier zum Kaffee, und „dann ist der Tag auch schon gelaufen“.

Vor 66 Jahren, als Kleinkind, ist Renate auf die Insel gekommen, nachdem die Eltern aus der Tschechei vertrieben worden waren. Sie war das jüngste von sieben Kindern. Vater Otto übernahm in Buschvitz ein Gehöft und arbeitete zunächst als Einzelbauer, dann in der dortigen LPG. „Mutti war zu Hause“, versorgte die Kleinen. Bis zur sechsten Klasse ging Renate in Zittvitz bei dem Lehrerehepaar Basedow zu Schule, danach wechselte sie an die Polytechnische Oberschule in Bergen. Später hat sie sich in der LPG zum Kaufmann der Landwirtschaft ausbilden lassen. War es ihr Wunschberuf? Sie zuckt mit den Schultern: „Das haben damals die Eltern gesteuert.“

Das Glück begegnete ihr im Zug: Auf einer Betriebsreise nach Wismar lernte sie 1966 Werner kennen, der bei der Erdölförderung in Grimmen beschäftigt war. „Ich war 19, Werner 22.“ Und so kam, wie es kommen musste. Nach ihrer Rückkehr klingelte das Telefon, und man verabredete sich. Von Vorteil für die beiden war, dass Renates Vater Feuerwehrmann war und ein Telefon zu Hause hatte. Ein Jahr später wurde Tochter Kerstin geboren, und Werner zog auf die Insel. Wieder ein Jahr später läuteten in Bergen die Hochzeitsglocken. 1970 zog die junge Familie bei den Eltern aus und in eine Zwei-Raum-Wohnung in Prisvitz.

Zehn Jahre danach kauften sie den ehemaligen Schnitterkaten an den Schienen und richteten ihn nach und nach her. Denn mittlerweile war die Familie Meyer zu Viert: Sohn Robert hatte 1976 das Licht der Welt erblickt. Er lebt mit Frau und den Töchtern Annabelle und Amelie in Parchtitz und pendelt zwischen Rügen und seinem Arbeitsplatz bei Airbus in Hamburg ständig hin und her. Robert und Tochter Kerstin mit ihren drei Kindern Rico, Romy und Rosalie haben Renate zur fünffachen Oma gemacht. Und ein einjähriges Urenkelchen mit Namen Finn gehört auch zur Familie. Von den Enkeln ist nur Rosalie in der Nähe. Vorbei die Zeiten, als Renate mittwochs ihren „Oma-Tag“ hatte, an dem die Kinder bei ihr waren, gespielt und Kaffee getrunken wurde.

Vorbei auch das Leben mit Werner. „Im nächsten Jahr hätten wir Goldene Hochzeit gehabt“, stellt die Rentnerin traurig fest. Sie hatten eine gute Zeit gehabt, auch wenn es schlechte Phasen gab.

Dennoch fühlt sie sich alles andere als allein, zumal Kerstin und Familie nebenan wohnen. „Früher hat man geholfen, und heute helfen sie mir.“ Da ist es kein Problem, dass Renate nicht Auto fährt.

„Wo ich hin will, komme ich hin.“ Am Zusammenhalt der Familie, „da hat man so seine Freude“, resümiert sie. Und sie findet es schön, „dass ich das noch erleben kann“.

Susanna Gilbert

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