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Rügen Immer öfter klingelt das Kinder-Notruf-Telefon
Vorpommern Rügen Immer öfter klingelt das Kinder-Notruf-Telefon
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00:00 23.08.2014
Stralsund

Die Bilanz 2014 in Vorpommern-Rügen ist erschreckend: Bis gestern sind beim Jugendamt 448 Meldungen zum Verdacht einer Kindeswohlgefährdung eingegangen. Dahinter verbergen sich 744 Mädchen und Jungen mit ihren Schicksalen. Der Vergleich mit 2013 macht die Dramatik deutlich: Im gesamten letzten Jahr gab es 551 Fälle mit 888 betroffenen Kindern.

Die Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes im Kreis gehen jeder einzelnen Meldung nach. Ob sie — wie in 15 Prozent der Fälle — anonym im Jugendamt ankommt oder wie häufig per Notruf der Polizei. Doch auch Ärzte, Familienmitglieder oder Nachbarn greifen zum Hörer oder gehen persönlich ins Amt, um ihre Sorgen vorzutragen.

Schrillt das Kinder-Notruf-Telefon, wissen die Mitarbeiter im Jugendamt nie, was sie erwartet. Im schlimmsten Fall kommen sie in eine Familie, in der Gewalt auf der Tagesordnung steht. „Sehr oft sehen wir auch verwahrloste Wohnungen, Kinder, die vernachlässigt werden. Häufig sind gerade alleinerziehende Elternteile total überfordert“, sagt Sybille Buch, zuständige Fachgebietsleiterin im Kreis. In 23 Jahren hat sie wie viele ihrer Kollegen schon einiges erlebt. Und auch ihr gehen die Einsätze nahe, bei denen ein Kind aus der Familie genommen werden muss. Inobhutnahme heißt das im Verwaltungsdeutsch. 2013 waren das knapp 20 Prozent der 888 betroffenen Kinder. Und auch in diesem Jahr wird deutlich, dass fast jedes vierte Kind der angezeigten Fälle in Gefahr ist.

Die Statistik ist schonungslos: 67 Prozent der Mädchen und Jungen werden vernachlässigt. 17 Prozent zeigen Anzeichen von körperlicher Misshandlung. Zwei Prozent der Kinder sind Opfer von sexueller Gewalt. Zwölf Prozent werden psychisch unter Druck gesetzt. Und wie wird diesen Kindern geholfen? „Die kleinen Murkelchen geben wir in eine Bereitschaftspflegefamilie. Die Größeren werden entweder in Wohngruppen oder im Kinder- und Jugendnotdienst betreut“, erklärt Sybille Buch aus dem Jugendamt. Die 14 Plätze für die schnelle Unterbringung kosten den Kreis 250 000 Euro, 118 000 Euro stehen für die 22 Bereitschaftspflegeplätze zur Verfügung.

Doch zum Glück stellt sich nicht jeder Hinweis als schlimme Kindeswohlgefährdung heraus. „Aber fast zwei Drittel der Familien brauchen trotzdem Hilfe, und die bekommen sie von uns“, schätzt Sybille Buch ein. Da könne zum Beispiel ein Familienhelfer Mutter, Vater und Kinder begleiten und helfen, eine Krisensituation in den Griff zu bekommen.

Zwölf Prozent der Meldungen stellen sich als Fehlalarm heraus. „Dennoch gilt für uns: Lieber einmal mehr hinschauen, als irgendwann zu spät kommen. Wir bringen unsere fachliche Arbeit immer auf den neuesten Stand, bilden uns weiter, versuchen alles, um den Familien rechtzeitig zu helfen“, betont die Fachgebietsleiterin, wohlwissend, dass es eine 100-prozentige Sicherheit nicht gibt. Und genau deshalb müssen alle immer wieder genau hinschauen.

Hilfe rund um die Uhr

337 Meldungen zur Kindeswohlgefährdung gab es 2013 in Stralsund, 141 in Nordvorpommern und 73 auf der Insel Rügen.
39Mitarbeiter zählt der sozialpädagogische Dienst des Kreises, der rund um die Uhr im Einsatz ist.
265Mal meldete die Polizei die Gefahr, 152 Mal kam der Notruf anonym oder über die Kinderschutzhotline herein.
Wer Hilfe braucht, sollte sich bei der Polizei melden, die das Jugendamt informiert.
Kinderschutzhotline: ☎ 0800 / 1 41 40 07



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