Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Seit 700 Jahren in Familienbesitz
Vorpommern Rügen Seit 700 Jahren in Familienbesitz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:17 24.11.2018
Die Insel Öhe ist nach Jahrhunderten noch immer in Familienbesitz. Quelle: Uwe Driest
Schaprode

"Als sich kürzlich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährte, überkam mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit", sagt Mathias Schilling. Da dachte er an seinen Großvater, der in beiden Weltkriegen als Lazarettarzt verpflichtet worden war und dessen Werk er heute weiterführt. Aber schon lange vor dem Großvater gehörte die Insel Öhe der Familie Schilling. Ziemlich genau seit 700 Jahren befindet sich das kleine Eiland trotz aller Widrigkeiten und politischer Wirren in Familienbesitz. Und auch, dass es dem 37-jährigen Mathias Schilling und seiner Frau Nicolle nach der Rückkehr der Familie aus Schleswig-Holstein gelingen würde, das Werk der Vorfahren fortzuführen, war keineswegs selbstverständlich.

Schillings Vater hatte zu DDR-Zeiten ebenfalls Arzt werden wollen und flüchtete in den Westen, als ihm das Medizinstudium verweigert wurde. Öhe wurde von der LPG bewirtschaftet und lediglich auf fünf Hektar führte Großmutter Wera Schiller die eigene Landwirtschaft fort. Sie habe Nobelpreisträger Günter Grass mit einem Betretungsverbot belegt, nachdem er im "Butt" schrieb, Inselherrin Wera habe Schafskäse in Schaprode verkauft und sei mit einem "Büddelchen" auf ihre Insel zurückgekehrt. Auch andere Schriftsteller entdeckten die kleine Insel und ließen es in ihren Werken vorkommen. So habe Hans Fallada die Insel in seinem auf Rügen spielenden Lieblingsbuch "Wir hatten mal ein Kind" erwähnt und der schlesische Schriftsteller Fedor Sommer rückte Öhe in seinem 1914 erschienenen Roman "Ein wunderliches Eiland" sogar in den Mittelpunkt. Darin setzt ein junger Assessor von der "Leuchtturminsel" Hiddensee auf die "verbotene" Insel Öhe über, um den wilden Gerüchten über das "wunderliche Eiland" vor Rügen auf den Grund zu gehen.

Die Schaprode vorgelagerte Insel Öhe ist etwa 75 Hektar groß und kaum einen Steinwurf vom Hafen der Gemeinde entfernt. Heute gehört die kleine Insel zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaften. Gegen die Strömung wehrt sich der im Norden gelegene "Steinort". Im Süden entstand der markante Nehrungshaken "Schafshorn". Die Sicht vom "Fuchsberg", der mit nur wenigen Metern höchsten Erhebung am Westufer seiner Insel hat es Mathias Schilling besonders angetan. "Hier habe ich einen Rundblick Ummanz über Darß und Gellen bis nach Hiddensee." Von dort dürften schon Slawen nach ankommenden Schiffen Ausschau gehalten haben, bis Rügen 1169 in das Bistum Roskilde einging. Im 16. Jahrhundert gehörte die Insel zwischenzeitlich dem Kloster Hiddensee. Noch heute zeugen Reste ehemaliger Wallanlagen von der kriegerischen Kolonialvergangenheit und am Ende des Zweiten Weltkriegs errichteten die Russen auf der vorgeschobenen Insel einen Flak-Stützpunkt.

Die kleine Insel Öhe ist seit 700 Jahren in Familienbesitz

Der Name des Eilands kommt vom mittelnorddeutschen Wort "Oie", was so viel wie "feuchte Wiese" bedeutet. Belegt ist Gottlieb von der Öhe, der kinderlos blieb und daher die Insel an einen Sohn seiner Schwester, einer verheirateten Schilling, vererbte. Legende sind die Schwestern Ida und Laurette, die bis zu Idas Tod 1921 gemeinsam über die Insel wachten. Wenn sie meinten, die Fischer näherten sich ihren Gewässern allzu sehr, griffen sie auch schon mal zur Flinte. Einmal habe sie einer der Fischer angezeigt, erzählt Schilling. Als Ida vor Gericht behauptete, nur auf Dohlen geschossen zu haben, brummte ihr der Richter ein Ordnungsgeld wegen Jagens ohne Jagdschein auf. Streit gab es auch immer wieder wegen des Seils der Zugfähre, die Öhe mit Schaprode verband und dabei die Querung von Booten verhinderte. Im Krieg war das dann gewollt und um feindlichen Schiffen die Durchfahrt zu erschweren, wurde die alte, hölzerne Prahmfähre versenkt. "Heute liegt unsere Kette auf dem Grund und hebt sich nur im Einsatz", erklärt Schilling. Sind keine Tiere zu befördern, setzt er mit Ruder- oder Motorboot über. Der Rügener Heimatforscher Johann Jacob Grümbke hatte die Insel vor zweihundert Jahre beschrieben als "waldlosen Ort, an dem nie ein Strauch wachsen wird". "Da hat er aber die Rechnung ohne meine Urgroßtanten Ida und Laurette gemacht", sagt Mathias Schilling. Die Schwestern pflanzten zahlreiche Bäume und legten sogar eine Allee an, die zum alten Gutshaus führt.

Die Familie baute das Anwesen nach der Wende wieder auf. "Ich habe meine Kindheit auf der heutigen B 105 verbracht", sagt Mathias Schilling heute. Das inzwischen sanierte Gutshaus bewohnen seine Eltern, wenn sie aus Schleswig zu Besuch kommen. Für sich und ihre beiden kleinen Töchter bauten Mathias und Nicolle Schilling ein daneben gelegenes altes Gebäude aus. Die junge Familie züchtet Rinder und Schafe und betreibt heute Restaurants und Hofläden auf Hiddensee und in Schaprode. Nebenbei gründete Mathias Schilling die Marke „Hiddenseer Kutterfisch“ und für sein Engagement, ein Netzwerk für die Vermarktung regionaler Produkte aufzubauen, erhielt er im September auf der Grünen Woche einen Preis in der Kategorie „Food-Startups“. Der Unternehmerverband Vorpommern möchte ihn am 24. November in Bansin sogar zum Unternehmer des Jahres küren. „Mathias Schilling engagiert sich seit den 90er-Jahren in einer besonders strukturschwachen Region und hat immer wieder neue kreative Ideen, die er zum Erfolg führt. Er ist Gastwirt und Landwirt, im besten Sinne Unternehmer. Und er setzt sich dafür ein, dass die Jungen dableiben“, heißt es in der Begründung der Jury. Mathias Schilling möchte die Geschichte der Region erzählen und alte Handelswege wieder beleben. Dafür verbindet er Fischer, Schäfer und Händler. "Aber", sagt er, "ich bin nur der Ast, nicht der Baum".

Uwe Driest

Krisensitzung an der Baustelle bei Gingst: Ein großes Ziel ist erreicht worden: Anlieger mit Fahrzeugen, die weniger als 3,5 Tonnen wiegen, dürfen den abgesperrten Bereich passieren.

24.11.2018
Rügen Gesicht der Insel - Frohnatur liebt Musik

Silke Martens ist eine Frohnatur, die dieses Jahr mit ihrer Mutter beim Konzert von Michael Wendler in Sagard so richtig in Fahrt kam.

23.11.2018

Bürgerfahrten zu Abgeordneten des Bundestages gibt es in der Regel drei pro Jahr. Claudia Müller bekam 2018 eine zusätzliche vierte per Los zugesprochen. Die Fahrten organisiert das Bundespresseamt.

23.11.2018