Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Jasmunder Lügenbaron ließ es Feuer regnen
Vorpommern Rügen Jasmunder Lügenbaron ließ es Feuer regnen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:54 07.03.2018
Eine Postkarte aus der Stubbenkammer mit dem Motiv des Feuerregenfelsens. Quelle: Archiv Frank Biederstaedt
Sassnitz

Wer im Deutschland des 19. Jahrhunderts etwas auf sich hielt, reiste im Sommer auf die bei Künstlern und Intellektuellen so beliebte Insel Rügen. Ein Ausflug in die romantische Landschaft Jasmunds gehörte für die Sommerfrischler dabei zum Pflichtprogramm. „Die Stubbenkammer war damals Dreh- und Angelpunkt des Tourismus auf Rügen“, erklärt der Sassnitzer Stadtarchivar Frank Biederstaedt. „Die Küstenlandschaft mit den schon damals berühmten Kreidefelsen und der Buchenwald zählten zu den Hauptattraktionen Rügens.“  Doch die touristische Infrastruktur Jasmunds steckte damals noch in den Kinderschuhen. „1801 stand ein kleines Ausflugshäuschen namens ,Köhlerhütte’ in der Stubbenkammer“, erzählt Frank Biederstaedt. „Später ließ der preußische Staat ein erstes Ausflugslokal 1818/19 errichten, 1835 entstand das Gasthaus im Schweizer Stil, dass an den Gastwirt Friedrich Behrendt verpachtet wurde. Und der hatte es faustdick hinter den Ohren.“

Sagenhaftes über Behrendts Spezial-Seehunde

Schenkt man den überlieferten Reiseberichten aus dem 19. Jahrhundert Glauben, konnte der umtriebige Wirt Lügen, dass sich die Balken biegen. „Besonders gern gab Behrendt vor seinen oftmals städtischen Besuchern die Erzählungen über seine dressierten Seehunde zum Besten“, erzählt Biederstaedt. „Die Seehunde, die er angeblich in einem Stall am Ufer des Königsstuhls hielt, würden ihm die Fische ins Netz treiben und die Ruderboote nach der Fahrt an Land ziehen.“Eine wundervolle Anekdote über das Rügener Original hat der Ortschronist Wolfgang Rudolph in seinem Buch „Die Insel Rügen“ festgehalten. Behrendt habe vor Besuchern wieder einmal mit seinen zahmen Seehunden angegeben, als er in einem Besucher seinen Meister fand. „Ganz nett, lieber Herr Behrendt, aber was sagen Sie dazu: Ich habe zu Hause ein paar kleine, dressierte (...) Lachse, die nach Taschentüchern tauchen und sie apportieren“, erzählte der Gast. „Jeden Morgen klopfen sie ans Küchenfenster um sich ihre Frühstücksbrötchen zu ergattern.“ Natürlich lachte nun die gesamte Gesellschaft und der Gastwirt wollte den Namen seines redegewandten Besuchers wissen. „Ich heiße Fritz Reuter“, sagte dieser kurz. Nun gab es ein großes Hallo. Man ließ den berühmten mecklenburgischen Heimatdichter hochleben, es wurde gezecht und gefeiert. Am nächsten Tag schnappte sich Behrendt voller Freude das Gästebuch, um die Eintragung des geschätzten Gastes zu Rahmen und an die Wand zu hängen. Doch was musste der Wirt lesen? Von wegen Prominenz! „Fritz Reuter, Versicherungsagent aus Rostock“, stand dort geschrieben. „Dunnerschlag. De Kierl kunn läägen!“, soll der beeindruckte Friedrich Behrendt gerufen haben.

Behrendt bietet seinen Gästen „Feuerregenfelsen“

In Reiseberichten des 19. Jahrhunderts wird unter anderem auch eine touristische „Erfindung“ des einfallsreichen Gastwirtes gepriesen, die es als Motiv sogar auf Postkarten geschafft hat: Die Feuerregenfelsen. Behrendt ließ Reiser am Rand der Kreidefelsen aufschichten. Wenn die Dunkelheit hereingebrochen war, wurden diese entzündet und glitten schließlich nach und nach die Felsen herab. Eine Beschreibung aus dem Buch „Wanderungen an der Ostsee“ von Wilhelm Cornelius lässt den Eindruck erahnen, den das Spektakel auf die Zuschauer ausübte. „(...) uns gerade gegenüber, jenseits einer mächtigen tiefen Schlucht, ergoss sich von der halbsenkrechten Kreidewand plötzlich ein ungeheuerer Feuerstrom, der die Schlucht, den Wald, die weißen Kreidewände, den Meeresstrand, unsere nächste Umgebung, kurzum Alles, in eine so wunderbar schöne überraschende Beleuchtung setzte, dass es rein unmöglich ist, durch Worte den Eindruck zu schildern, welchen dieses Zauberstück auf uns machte“, heißt es in dem 1841 erschienenen Buch. „Es war, als ob ein Lavastrom des Vesuvs sich plötzlich nach Stubbenkammer verirrt habe.“

Platzhirsch kann die Preise kräftig anziehen

Doch nicht alle Besucher ergingen sich in Lobeshymnen. Immer wieder ist die horrende Preispolitik Thema in Reisebeschreibungen. „Ich habe an den theuersten Orten Englands, Frankreichs und der Schweiz gewohnt und gelebt“, betont Gustav Rasch in seinem ,Ein Ausflug nach Rügen’. „Der Gasthof zu Stubbenkammer übertrifft aber die Gasthöfe zu Windsor-Castle und in Camouny sowie die Restaurants in Saint Cloud und Sait Denis bei weitem“, schimpft er. „Ich zahlte für jede Portion Thee, der nicht vorzüglich war, einen halben Thaler (...) für Logis berechnete der dortige Gastwirt Behrendt für eine Nacht 1 1/3 Thaler.“ Das einzige Mittel sei es, die Rechnung anzufechten, stellte Rasch fest. Trotz solch drastischer Schilderungen war Behrendts Haus beliebt. „Über Wohnung und Verpflegung ist nichts Nachteiliges zu sagen“, räumt dann auch Rasch ein. Ein Portrait ist von dem Rügener Original Behrendt leider nicht überliefert. „Es gibt eine Fotografie, die etwa 1879/80 entstanden sein dürfte, auf der ein Mann vor dem Gasthof posiert“, so Biederstaedt. „Es könnte sich um den Pächter Behrendt handeln. Aber ganz sicher kann man das nicht sagen.“ So bleibt immer noch ein Rest Geheimnis um den Gastwirt Behrendt, der übrigens auch wundervoll fluchen konnte. Als sich Gäste nach einem sehr frühen Ausflug einen Kaffee verlangten, platzte ihm der Kragen. „Diese verfluchte Zucht mit dem Sonnenaufgang muss mir ganz und gar aufhören!“ donnerte er. Ein Satz mit Wirkung? Zwar schauen sich die Touristen auch heute noch gerne den Sonnenaufgang in der Stubbenkammer an, das Nationalparkzentrum, in das der Gasthof heute integriert ist, öffnet allerdings auch im Sommer erst um 9 Uhr morgens.

Ziebarth Anne Friederike

Mehr zum Thema

Gesetzeskritiker werfen der Warschauer Regierung vor, mit der Regelung von Polen begangene Verbrechen an Juden vertuschen zu wollen.

01.03.2018

Arne Schoor aus Rostock

03.03.2018

Das aktuelle Kalenderblatt für den 4. März 2018

04.03.2018
Rügen Premiere für internationalen Tanzwettbewerb auf Rügen - Hip Hop, 550 Luftballons und ganz viel Pink

Hunderte Amateure aus Deutschland und Polen treffen sich am 28. April in Sassnitz zum I.V.E.-Ostsee-Dance-Cup, der Premiere der laut Organisatoren größten Tanzveranstaltung auf diesem Gebiet in Mecklenburg-Vorpommern.

07.03.2018

Die Rügener Grünkohltafel zugunsten des Fördervereins Theater Putbus erbrachte 1000 Euro an Spenden.

07.03.2018

Innenminister Lorenz Caffier stellt der Stadt Putbus 25000 Euro aus dem Strategiefonds der Regierung zur Verfügung

07.03.2018