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Jette: „Sport hilft mir, nie aufzugeben“

Göhren Jette: „Sport hilft mir, nie aufzugeben“

Frühere Artistin sitzt im Rollstuhl und unterstützt die Akrobaten / Um mobil zu sein, braucht sie ein Handbike

Göhren. Der letzte Ton der Musik ist verklungen, die Akrobatik-Kür ist beendet. Stella, Nele und Shirley gehen von der Matte ab – Shirley betont grazil vorneweg, ihre Partnerinnen dahinter ein wenig behäbig. „Es ist ein bisschen wie zwischen Ballett und Bauer“, schmunzelt Jette Ewert. „Ihr müsst noch homogener werden.“ Jette ist seit April neu im Trainerteam der Sportakrobaten vom TSV Empor Göhren. Ihre Erfahrung als ausgebildete Artistin ist gefragt und geschätzt. Aber im Gegensatz zu den anderen Trainern und Übungsleitern hat die 29-Jährige keinen Trainingsanzug und keine Gymnastikschuhe an. Sie läuft auch nicht beim Rondat und Flickflack mit den Sportlern mit oder steht unterstützend zur Seite. Jette sitzt im Rollstuhl.

OZ-Bild

Frühere Artistin sitzt im Rollstuhl und unterstützt die Akrobaten / Um mobil zu sein, braucht sie ein Handbike

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Jeder Betrag hilft

8500 Euro kostet das Handbike. Unter dem Motto „Jette will mobil sein“ sammelt Jette Ewert Geld dafür. Über 1000 Euro sind schon zusammengekommen.

Spendenaufruf: https://www.leechti.com/c/projekt-von-henriette-19977148

„Sie gibt Hilfestellung, wo sie kann und Ratschläge. Die Kinder haben großen Respekt vor ihr“, sagt Petra Westphal. Die Trainerin, die seit 40 Jahren mit der Göhrener Sportakrobatik verbunden ist, kennt Jette seit ihrer Kindheit: „Sie war sehr ehrgeizig, diszipliniert und richtig gut.“ Mit acht Jahren war das zierliche Mädchen zum Verein gekommen. Und schnell erfolgreich. Als Paar und mit der Dreiergruppe holte sie viel Edelmetall, war 2001 Landesmeisterin. „Ich habe schon immer gerne geturnt, auch mit meinem Papa, der mal Kunstturner war“, erinnert sich die Mariendorferin, die drei Geschwister hat.

Mit 14 bewarb sie sich bei der renommierten Artistenschule in Berlin. Die Rüganerin bestand auf Anhieb den Eignungstest. In der 9. Klasse wechselte sie die Schulbank und zog ins Internat. Fortan hieß es jeden Tag: Training, Schule, Training. Vier Jahre später durfte sie sich nach bestandener Abschlussprüfung „Staatlich geprüfte Artistin“ nennen und trat als Künstlerin auf. Mit ihrer charmant-komischen Gleichgewichtsartistik auf einer freistehenden Leiter begeisterte sie das Publikum. Doch das Künstlerleben befriedigte sie auf Dauer nicht. Auch der Zirkus war tabu, weil sie nicht mit Tieren arbeiten wollte. Sie ging als Animateurin in Hotels auf Kreta und in der Türkei. „Es hat mir großen Spaß gemacht, mit Kindern zu arbeiten“, sagt Jette, die mit 21 Jahren eine weitere, dreijährige Ausbildung absolvierte zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Nach ihrer Zeit im Grips Theater Berlin heuerte sie als Bühnentechnikerin auf dem Kreuzfahrtschiff „Aida“ an. Dort war sie mit für die Shows, das Equipment und die Artisten zuständig. Eine schöne Zeit. Das wäre wohl noch Jahre so weitergegangen. Doch schlagartig änderte sich alles.

„Ich bin morgens aufgewacht und meine ganze rechte Seite war taub. Ich dachte: Was ist das denn jetzt?“, erinnert sich Jette an diesen Schicksalsmorgen. Sie merkte, dass ihr Arm und ihr Bein nicht nur eingeschlafen waren. „Alles war wie Pudding.“ Ihr erster halbwegs klarer Gedanke war, dass es ein Schlaganfall sein könnte. „Ich hatte starke Kopfschmerzen und es wurde nichts besser.“ Es sollte noch schlimmer werden. Im isländischen Reykjavík wurde in einem Krankenhaus ein Schlaganfall ausgeschlossen. „Aber ein CT haben wir nie gesehen, das gab es nicht“, so Jette. In Hamburg ausgeschifft begann das Martyrium von einem Arzt zum anderen. Schließlich die Diagnose: Chorea minor. Bewegungsstörungen als Folgeerkrankung nach einem Infekt mit Bakterien oder Viren. „Mein Bewegungszentrum wurde angenagt“, sagt Jette. „Ich war öfter auf dem Schiff erkältet wegen der Klimaanlage, aber nicht richtig krank.“ Damals war sie 25 Jahre alt und konnte noch halbwegs laufen. Doch ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Niemand wusste wieso. „Die Ärzte teilen nicht alle die Diagnose. Mir wurde sogar auch gesagt, es sei die Psyche. Aber mit solchen Auswirkungen?“, fragt Jette ungläubig.

Die Kraft wich auch aus dem linken Bein. Ihre rechte Hand bekam eine Kontraktur. Muskeln und Sehnen sind zur Steife verkrampft, sie kann nur den Daumen und Zeigefinger bewegen. „Und mein Rumpf ist instabil. Ich kann mich nicht alleine anziehen, waschen oder aus dem Bett oder Rollstuhl bewegen“, erzählt die junge Frau, die verschiedene Medikamente nehmen muss und die täglich Kopfschmerzen plagen. Morgens und abends hilft der Pflegedienst, zwei Mal in der Woche bekommt sie Physiotherapie und zwei Mal Ergotherapie. Aber sie ist jetzt bei ihren Eltern, die das Erdgeschoss ihres Hauses rollstuhltauglich umbauten und jeden Tag für sie da sind. Bis das möglich war, lebte Jette zwei Jahre in einem Berliner Pflegeheim.

„Viele finden es erstaunlich, dass ich den Lebensmut nicht verloren habe. Ich hoffe immer auf Besserung und versuche, nie den Kopf in den Sand zu stecken und mich zu motivieren“, sagt die junge Frau mit der kurzen Schüttelfrisur. Der Sport habe ihr geholfen, die Zähne zusammenzubeißen, nie aufzugeben und zu kämpfen.

Zwei Mal in der Woche ist sie jetzt immer beim Akrobaten-Training in Göhren. Wenn es klappt. Ihre Eltern müssen sie zwischen ihrer Arbeit in der Gastronomie hin- und herfahren. Der Versuch, dafür einen Behinderten-Fahrdienst zu bekommen, blieb ohne Erfolg. „Ich möchte selbstständig und mobil sein mit einem Handbike, mit dem ich bis nach Göhren fahren kann zum Training oder auch zum Einkaufen.

Ich habe im April eine Probefahrt gemacht. Das war ein tolles Gefühl", weiß Jette. Doch ein Handbike mit Spezialgriff für ihre rechte Hand, das an den Rollstuhl rangesteckt und mit einem Motor betrieben wird, kostet rund 8500 Euro. Die 29-Jährige ist berufsunfähig und lebt von einer kleinen Rente und Sozialhilfe.

„Meine Krankenkasse hat die Bezahlung abgelehnt, weil es kein Hilfsmittel sei“, erklärt Jette. Auch das Geld für ihr spezielles Pflegebett sei noch offen. Deshalb hat sie jetzt einen Spendenaufruf im Internet gestartet.

Als sie Jette im Januar angesprochen hatte, ob sie nicht Lust hätte, bei den Akrobaten mitzuhelfen, sei sie unsicher und kraftlos gewesen. „Jetzt kommt sie richtig aus sich heraus“, freut sich Trainerin Petra Westphal. „Es ist eine große Bereicherung, wenn jemand, der so viel Ahnung hat, wieder dabei ist“, wertschätzt sie und schaut rüber zu Leni auf der Matte. Die junge Akrobatin versucht gerade, sich langsam in den Spagat zu drücken. Es fehlen noch einige Zentimeter. Fast will sie aufgeben. Aber jetzt müht sie sich weiter. Jette hat sich mit ihrem Rolli neben Leni gestellt und schaut ihr erwartungsvoll zu. Ansporn ohne ein einziges Wort.

Gerit Herold

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