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Rügen Kitz-Kindergarten macht fit für Wildnis
Vorpommern Rügen Kitz-Kindergarten macht fit für Wildnis
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00:00 09.07.2016

Als Gudrun Thiess das Gartentor zu ihrem Grundstück in Brandshagen öffnet, ist die 60-Jährige sofort umringt von ihren Tieren. Neben zwei Pommerschen Landschafen, zwei Hunden und einer Katze kommen auch drei eher ungewöhnliche Hausgäste auf die Frau zugestürmt: Bert, Ali Baba und Rudi sind drei Rehkitze, allesamt in diesem Frühjahr geboren und allesamt Waisenkinder. In ihrer rund 4000 Quadratmeter großen „Arche Brandshagen“ zieht die Tierfreundin, die in Altefähr wohnt, die drei männlichen Rehkitze auf, um sie später auszuwildern.

Das Grundstück ist für die Vorbereitung auf das spätere Leben der Tiere in der Natur perfekt geeignet. Dichter Baumbestand prägt das hügelige Gelände, ein alter Obstgarten ist angelegt, sogar ein kleiner Bach durchzieht das Gebiet.

Ganz ohne Scheu fressen die Kitze ihre Schüsseln zum Frühstück leer. Neben Milch gibt es für die im Mai geborenen Jungtiere als zweiten Gang auch Obst und Gemüse und Bio-Müsli. „Wenn ich jetzt nicht hier wäre, würden sich die Tiere nicht so zutraulich verhalten, sondern sich verstecken“, sagt Gudrun Thiess. „Zu Beginn sind sie stark auf ihre Bezugsperson fixiert.“

In der späteren Entwicklung der Tiere würde sich diese Nähe von selbst reduzieren, der Wildtiercharakter komme durch. „Viele Menschen meinen, ein von Hand aufgezogenes Reh ließe sich nicht auswildern. Das stimmt nicht“, sagt die Reh-Expertin. Ihr Rehbock Fritzi sei das beste Beispiel für die gelungene Rückführung. „Er hat sich jeden Tag etwas weiter von unserem Garten entfernt, blieb auch immer länger weg. Zunächst tageweise, dann über Wochen, und irgendwann kam er nicht mehr wieder.“

Paul war vor fünf Jahren ihr erstes handaufgezogenes Reh, seitdem ist sie offizielle Pflegestelle der Wildtierhilfe MV, die sich um die Vermittlung von pflegebedürftigen Tieren kümmert. „Ich bin mehr durch Zufall dazu gekommen, Wildtieren zu helfen. Paul lag eines Tages bei uns im Garten“, erzählt die Bankkauffrau. „Nachdem die Mutter auch am Abend nicht zurückgekommen ist, habe ich das Tier mit ins Haus genommen und begonnen, es zu füttern. Später ist es dann in einen offenen Verschlag im Garten umgezogen.“

Das Verschwinden des Muttertieres, der Ricke, kann verschiedene Ursachen haben, die meisten sind Opfer des Straßenverkehrs geworden. Die Ricke streift nämlich zur Nahrungsaufnahme in einem Radius von bis zu zwei Kilometern umher, während das Kitz „abgelegt“ wird, das heißt versteckt auf dem Boden kauert und auf die Rückkehr der Mutter wartet. Auch die Landwirtschaft kann eine Gefahr für Rehe darstellen. Bei der Mahd von Wiesen werden häufig Kitze verletzt. Da sie in diesem Alter über keinen Fluchtreflex verfügen, sondern sich zur Tarnung instinktiv ducken, geraten die Tiere dann unter die Schneidewerkzeuge und erleiden schreckliche Verletzungen. Durch den Mähbetrieb kann auch die Mutter vertrieben werden, so dass sie nicht mehr zu ihrem Nachwuchs zurückkommt.

So war es auch im Falle von Ernie und Bert, den zwei Findelkitzen von Hans-Peter Lux. Der 63-jährige ist Jagdpächter in Dumsevitz auf Rügen. Ein aufmerksamer Landwirt hatte ihn angerufen, beim Mähen hatte er zwei frischgeborene Rehkitze gefunden. „Ich bin dann hingefahren, habe noch auf die Mutter gewartet. Aber die blieb verschwunden“, erinnert er sich.

Ist die Mutter einmal weg, läuft für das Rehkitz die Uhr ab. Nicht nur für Fuchs, Marderhund oder Greifvogel sind die kleinen Kitze eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan, auch die ständige Nahrungsversorgung ist überlebenswichtig. In der Natur säugt die Mutter ihr Kleines etwa alle 120 Minuten. „Ab 12 Stunden ohne Nahrung wird es kritisch“, erzählt Thiess. Das bedeutet für die Pflegemama in den ersten Wochen einen Vollzeitjob. „Zu Beginn füttere ich alle zwei Stunden, später werden die Abstände größer.“ Als Muttermilch-Ersatz dient Ziegenmilch, erwärmt auf 39 Grad Celsius. „Badewannentemperatur“, meint Thiess. Drei Kitze aufzuziehen ist nicht nur ein zeitlich sehr aufwändig, auch die finanzielle Belastung ist hoch. „Jedes Kitz trinkt bis zu zwei Liter Milch am Tag, die Böckchen müssen kastriert werden, sonst darf man sie nicht auswildern“, berichtet Thiess. „Das kostet.“ Deshalb ist sie glücklich, mit Gabriele und Hans-Peter Lux zwei Paten gefunden zu haben, die jeden Monat eine Spende an ihren Verein überweisen und auch Gemüse oder Obst vorbeibringen.

„Zu den Aufgaben eines Jägers zählt auch Wildrettung und Tierschutz“, sagt Hans-Peter Lux. „Da machen sich viele Menschen ein falsches Bild.“ Rudi, Ali Baba und Bert jedenfalls müssen vor Jägern wohl wenig Angst haben. Mit dem örtlichen Jagdberechtigten ist abgesprochen, dass mit einem Halsband gekennzeichnete Tiere nicht geschossen werden.

Anne Ziebarth

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