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Rügen Klein Zicker: Als der Berg sowjetisch wurde
Vorpommern Rügen Klein Zicker: Als der Berg sowjetisch wurde
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05:00 31.08.2018
Sabine Bath vom Landschaftspflegeverband Rügen zeigt in dieser Aufnahme von 2014 auf den renaturierten Klein Zicker Berg. Hier hatten sowjetische Soldaten eine Radarstation errichtet. Quelle: Ralph Sommer
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Klein Zicker

Wenn man heute auf dem Klein Zicker Berg steht, hat man einen freien Blick in alle Richtungen. Er wird von einem Trocken-, und Magerrasen-Biotop überzogen. Hier wachsen Strandnelken, Weißdornschlehen und Wildbirnen. Am Steilufer nisten Schwalben. Kaum vorstellbar, dass hier von 1967 bis 1991 eine sowjetische Radaranlage existierte, tiefe Gräben den Berg durchzogen und Wellasbestgebäude standen.

„Sie kamen über Nacht“Margot Mandelkow wohnt im letzten Haus an der Dörpstraat und erinnert sich: „Sie kamen über Nacht, im August glaube ich. Da war ein riesiger Lärm auf der Dorfstraße und dann hieß es plötzlich, dass ab morgen alles russisches Territorium sei. Die Bevölkerung wurde nicht informiert, und vor unser Haus hatte man ein Offiziersgebäude gestellt. Wir konnten das Wasser nicht mehr sehen.“ Die Familie lebte 24<TH>Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft zur Radarstation, wo 60<TH>Soldaten und Offiziere stationiert waren. Man baute Mannschaftsunterkünfte, eine große Wagenhalle und andere Gebäude. Bewaffnete Wachposten patrouillierten regelmäßig an ihrer Hecke entlang. Auf dem Berg standen vier Radargeräte, die den Luftraum überwachten. Ein Kennungsgerät hatte sogar eine Reichweite bis England. Diese Anlagen störten die Fernsehprogramme und den Radioempfang der Anwohner.Gisela Zorn, ehemalige Bürgermeisterin der Gemeinde Thiessow nach der Wende, wohnt im letzten Haus auf der linken Seite der Dörpstraat und erzählt: „Wir hatten immer so kleine, feine Striche auf dem Bildschirm und immer so ein Zischen und Fiepen. Wir haben uns dann bei der Post beschwert, aber es hat sich nichts geändert.“

Fußball mit dem Kommandanten1985 haben sich die meisten Einwohner von Klein Zicker für eine Gemeinschaftsantenne entschieden, die sie selbst finanziert haben. „Damit konnte man besser Westfernsehen gucken“, sagt Andreas Looks und lacht. Er ist der Sohn des Bauern, dem damals das größte Stück Land für den Bau der Radaranlage beschlagnahmt wurde. Der Staat wollte die Flächen kaufen – für drei Pfennige pro Quadratmeter. Die Eigentümer haben nicht unterschrieben. Andreas Looks erzählt, dass die Offiziere, die zum Teil mit ihren Familien in Klein Zicker lebten, regelmäßig wechselten, damit der Kontakt zur Bevölkerung nicht zu intensiv wurde. „Wir haben mal im Jugendalter mit einem Kommandanten Fußball gespielt, der war dann plötzlich wieder weg“, sagt er. Einige Familien waren aber untereinander befreundet, die Kinder haben miteinander gespielt. Auf dem Berg hat es ein „Magazin“ gegeben, wo man einkaufen konnte einmal in der Woche. Dinge, die man zu DDR-Zeiten schwer bekam.

Soldaten retten HausDie Soldaten habe man nur zum Frühsport gesehen oder wenn sie in der Gemeinde geholfen haben – zum Beispiel beim Gräbenziehen oder als 1976 die Scheune von Bauer Looks brannte. Da habe ein Kommandant mit seinen Soldaten das Haus gerettet, vielleicht auch das Unterdorf. Es gab starken Ostwind damals, die Sirene wurde in Thiessow nicht gehört, und die Männer aus dem Ort waren zur Arbeit. Die Soldaten hätten ihre Wattejacken immer wieder in den Bodden getaucht, bis die Feuerwehr anrückte. Da war das Gröbste verhindert. Sonst kamen sie nicht vom Gelände, nur illegal. Manchmal waren aus den Gärten Zwiebeln und Gurken verschwunden oder auch mal Fisch im Hafen. Aber die Fischer hätten auch in größeren Abständen Kisten für sie rausgestellt.„Das waren alles junge Bengels, die kamen zwei Jahre nicht nach Hause“, erinnert sich Helma Dieckmann, die gemeinsam mit ihrem Mann von 1980 bis 1991 die Gaststätte „Zum trauten Fischerheim“ betrieb. „Die Offiziere waren oft bei uns“, sagt Martin Dieckmann. „Zu Tanzveranstaltungen auch mit ihren Ehefrauen. Im Sommer hat es zweimal Tanz in der Woche gegeben, zum Teil brachten die Anwohner Stühle mit, wenn der Platz nicht reichte“. Da sei es auch mal vorgekommen, dass die Radaranlage außer Betrieb gestellt wurde, um die Technik der Kapelle nicht zu stören.

Das Ende kam mit der WendeAls die Wende kam, ging plötzlich alles ganz schnell. Die Radaranlagen waren von einem Tag auf den anderen weg. Die Soldaten auch. „Dann kamen die Container, dann waren auch die Offiziere weg, ohne sich von uns zu verabschieden,“ bedauert Gisela Zorn. Das Gelände wurde bis 1997 vom Bundesvermögensamt bewacht. Erst dann konnte die aufwändige Renaturierung durch den Landschaftspflegeverband Rügen beginnen. Bernd Rost, ehemaliger Geschäftsführer, hat die Maßnahme damals geleitet. „Wir mussten erstmal alles beräumen. Die Streitkräfte haben den Berg regelrecht umgewühlt, es gab mit Beton ausgekofferte Laufgräben, unterirdische Stellungen und so weiter. Wir fanden eingebuddelte Motorräder, einen Lkw und viel Schrott, der zu den Anlagen gehörte, und natürlich Müll“, sagt er.

Seit 1998 ist der Berg renatuiertManchmal kommt es noch vor, dass Relikte der Vergangenheit an der Steilküste zu sehen sind. Klein Zicker ist ein aktives Kliff und es war nicht bekannt, wie viele planierte Müllgruben es gegeben hat. „Nach dem Rückbau und der Entsorgung aller gefährlichen Teile haben wir auch planiert, um das ursprüngliche Moränengebilde wieder herzustellen und haben dann eine Trockenrasenmischung ausgesät“, sagt Bernd Rost. Die Maßnahme hatte damals insgesamt umgerechnet 270 000 Euro gekostet und wurde vom Bundesumweltamt sowie der Lübzer Brauerei finanziert. Seit August 1998 kann man den Klein Zicker Berg in seiner natürlichen Schönheit genießen. Dass der Berg nicht touristisch zersiedelt und mit einer Hotelanlage bebaut wurde, ist auch der Gemeindevertretung Thiessow, der damaligen Bürgermeisterin Gisela Zorn und dem Biosphärenreservat zu verdanken.

Ulrike Sebert

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