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Köche und Kellner in spe auf Rügen nur noch Mittelmaß

Sassnitz Köche und Kellner in spe auf Rügen nur noch Mittelmaß

Zahl der Prüflinge in Gastro-Berufen an der Beruflichen Schule in Sassnitz ist dramatisch eingebrochen / Erste Lehrlinge aus dem Ausland bei Prüfungen dabei

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Die Motivation fehlt: Die meisten Azubis werden doch übernommen, egal, ob sie die Prüfung bestanden haben oder nicht, weil die Fachkräfte fehlen.“Bernd Vormelker, Prüfungskommission

Sassnitz. In der Branche ist er in aller Munde – der Qualitätstourismus auf Rügen. Doch wenn es um den Nachwuchs geht, scheint die Insel sich Sorgen machen zu müssen, dass dieser Anspruch auch mit den Köchen und Kellern von morgen erreicht werden kann. An Herd und Tisch lassen die Fachkräfte in spe dafür Zweifel aufkommen. Seit Wochenbeginn müssen die Lehrlinge in den Gastro-Berufen auf Rügen ihr in drei Jahren erlerntes Wissen und Können unter Beweis stellen. Sie absolvieren an der Beruflichen Schule des Landkreises in Sassnitz die praktische Prüfung. Eine erste Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus. „Die Drei ist die dominierende Note“, bringt Dimitrola Schönemann, Fachlehrerin für Gastro-Berufe und seit mittlerweile zehn Jahren Hauptverantwortliche für die Prüfungen der Industrie- und Handelskammer an der Berufsschule in Sassnitz, das Ergebnis des ersten Prüfungstages auf den Punkt.

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Zahl der Prüflinge in Gastro-Berufen an der Beruflichen Schule in Sassnitz ist dramatisch eingebrochen / Erste Lehrlinge aus dem Ausland bei Prüfungen dabei

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Im Unterrichtsraum für die Restaurantfachleute sind gestern Vormittag Tische mit weißem Tuch bespannt worden. Alexandra Nyesö kniet vor einem der Tische und hat mit Argusaugen dessen Kante im Blick.

Sie schiebt ganz behutsam ein neben einem Teller gelegtes Messer noch ein winziges Stück weiter auf die Tischplatte. „Muss alles millimetergenau liegen“, sagt die 23-Jährige, die im ungarischen Szolnok zu Hause ist und sich gestern in Sassnitz der strengen Jury stellte, um die letzte Hürde auf dem Weg zur Restaurantfachfrau zu meistern.

„Zum ersten Mal sind junge Ausländer bei der Prüfung dabei“, sagt Dimitrola Schönemann. Insgesamt fünf – neben jungen Ungarn gehören junge Leute aus Spanien und Griechenland dazu – absolvieren zur Zeit zusammen mit ihren Mitschülern aus Deutschland die Prüfung. „Zu Hause habe ich Jura studiert“, flüstert Alexandra Nyesö beim Eindecken der Tafel. Doch mit dem Studium habe sie nichts anfangen können, keine Arbeit in der Heimat gefunden. Dafür aber etwas von „MobiPro“ gehört. So heißt das Bundesprogramm, das im Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit insbesondere im Süden Europas jungen Ausländern eine Ausbildung in Deutschland ermöglicht. Über dieses Programm kam die junge Ungarin 2013 auf die Insel, um den Beruf der Restaurantfachfrau auf der Seebrücke Sellin zu erlernen. Zurück wolle sie nicht, beteuert sie. „Es gefällt mir auf der Seebrücke gut. Ich will nach Abschluss der Ausbildung bleiben.“

Dimitrola Schönemann schaut inzwischen neugierig auf so genannte Bankettmappen, die die Restaurantfachleute in spe zur Prüfung schreiben mussten, und auf die von den Koch-Azubis zu Papier gebrachten 3-Gang-Menüs, die sie zur Prüfung zubereiten müssen. Der Stapel Papier ist überschaubar. „Die Zahl der Prüflinge ist an unserer Berufsschule dramatisch eingebrochen“, räumt Dimitrola Schönemann ein.

Insgesamt 35 Auszubildende aus den Gastro-Berufen nehmen an der praktischen Prüfung teil. „2007 waren es noch 259 Koch- und Restaurantfach-Lehrlinge.“ Die Zahl der Auszubildenden sei stetig geschrumpft, so Schönemann. Das wundert sie nicht: „Zu wenig Geld, zu unregelmäßige Arbeitszeit, zu viele Arbeitsstunden – diese Berufen wollen immer weniger junge Leute ergreifen.“

In der Lehrküche blieben gestern denn auch einige Herde leer. An den besetzten liest Bernd Vormelker Menükarten. Was sich viele der Prüflinge für das Drei- Gang-Menü aus Forelle, Barbarie- Entenbrust und frei wählbarem Dessert ausgedacht haben, reißt den Fachlehrer und Prüfer keinesfalls vom Hocker. „Die Qualität lässt teilweise zu wünschen übrig. das entspricht nicht den Anforderungen einer Abschlussprüfung“, kommentiert Vormelker schonungslos das Niveau. Dimitrola Schönemann pflichtet bei: „Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass es nur mittelmäßig ist.“

Die Ursachenforschung, die Bernd Vormelker betreibt, kommt zu einem ebenso nachdenklich stimmenden Ergebnis. Vielen Auszubildenden fehle der Motivationsschub. „Das Problem: Die meisten Azubis werden doch übernommen, egal, ob sie die Prüfung bestanden haben oder nicht, weil die Fachkräfte fehlen. Das wissen sie genau. Und auch, dass sie mit oder ohne Abschluss fast das gleiche Geld erhalten, den Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde.“ Zudem halte sich das Interesse der Hotels an ihren Fachkräften von morgen scheinbar in Grenzen, fügt Dimitrola Schönemann hinzu. Als krönender Abschluss der Prüfungen werden die Drei-Gänge-Menüs Gästen serviert, die sie vorab einlädt. Auch bei den Hotels, in denen die Lehrlinge ausgebildet wurden, habe sie nachgefragt, so die Prüfungsorganisatorin.

„Nicht eins hat Interesse gezeigt.“

Am Rügener Gastro-Himmel könnten dennoch auch in Zukunft Sterne aufgehen, mutmaßt Bernd Vormelker – trotz Durchschnittsnote 3 am ersten Prüfungstag. An dem sorgte jedenfalls Lennart Grams für eine Sternstunde am Herd. Der Koch-Azubi aus dem „Freustil“ in Binz glänzte am Herd. Vormelkers urteilt schwärmend: „Sein Drei-Gang-Menü war optisch und vom Geschmack seit Jahren das beste.“ Der Lohn für den kreierten Gaumenkitzel: Bestnote 1 für Lennard Grams.

Seit 2013 eine multikulturelle Schule

750 Auszubildende sind es etwa, die aktuell an der Beruflichen Schule des Landkreises Vorpommern-Rügen in Sassnitz unterrichtet werden. Die finden in dem Neubau, für den im November 1999 der Grundstein gelegt wurde, moderne Ausbildungsbedingungen vor. Die Schule gilt als Hochburg in der Ausbildung der Gastro-Berufe. Zum Profil gehört unter anderem aber auch die Ausbildung von Fischwirten.

110 Lehrlinge aus dem Ausland werden derzeit an der Berufsschule in Sassnitz unterrichtet. Es sind junge Leute aus 17 Nationen, aus europäischen Ländern, aber auch aus Asien und Amerika, die seit 2013 innerhalb des Bundesprogramms „MobiPro“ eine Ausbildung in Deutschland, vorwiegend in Hotels und Gastronomiebetrieben auf der Insel, absolvieren. Zum neuen Ausbildungsjahr sind bereits 30 weitere junge Spanier aus dem Gastro-Bereich avisiert.

3400 Berufsschüler werden im gesamten Landkreis das neue Regionale Berufliche Bildungszentrum besuchen, das zum 1. August gegründet wird.

Udo Burwitz

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