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Küstenvögel: Dramatischer Rückgang

Darß/Zingst Küstenvögel: Dramatischer Rückgang

Wegen Raubwild und Wassersportlern: Schutzgebiete rund um Rügen sind schon „vogelfrei“.

Darß. /Rügen — Gerhard Schneider will die Vogelwelt im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft retten. Die Zahl von bodenbrütenden Küstenvögeln hat nach Einschätzung des 80-jährigen Zingsters dramatisch abgenommen. Wenn das so weitergehe, werde er seinem Enkel bald keine Vögel mehr zeigen können.

Eine Ursache hat der Jäger auch schon ausgemacht. Eierdiebe in Form von Fuchs und ähnlich räuberischem Wildgetier dezimieren die heimischen Vögel. Und eine Lösung hat Gerhard Schneider auch parat.

Mit der Flinte müsse dem Tun von Fuchs und Artgenossen ein Ende gesetzt werden. Seit etlichen Jahren fordert Gerhard Schneider die Jagd auf das Raubwild. Doch die Mitstreiter für diese Idee lassen sich fast an einer Hand abzählen.

Auch während der jüngsten Zusammenkunft der Mitglieder des Nationalpark-Kuratoriums — das Gremium wurde seinerzeit für den Interessenausgleich von Nationalpark und Bewohnern der Region ins Leben gerufen — liefen seine Forderungen nach dem Abschuss von Fuchs und Marderhund gleichsam ins Leere.

Der Zingster gehört dem Kuratorium seit dessen Gründung an. Er vertritt darin den Landesjagdverband. Dass mit dem Verschwinden der heimischen Natur, „was hier alles kreucht und fleucht“, das Tafelsilber praktisch ohne Gegenwehr hergegeben werde, will er verhindern. Den Naturschutz sieht der dem Kommerzdenken von Touristikern geopfert. Selbst einstige Mitstreiter für seine Idee hätten ihr Engagement zurückgefahren, weil sie beispielsweise als Nationalparkmitarbeiter selbst Gäste durch die Natur führten. Andere verdienten ihre Brötchen im Tourismus.

Anders lief es zu DDR-Zeiten, als dem Raubwild in der Region aktiv nachgestellt wurde. Die Jagdgenossenschaften auf Darß und Zingst hatten sogar einen Wanderpokal für den aktivsten Raubwildjäger. Mit der Wende schliefen diese Bemühungen der Bestandsregulierung von sogenannten Prädatoren ein. Selbst eine Initiative des Nationalparkamtes in frühen Nachwendejahren währte nicht lange. „Wenn wir die Vogelwelt retten wollen, müssen wir jetzt etwas tun“, sagt Gerhard Schneider.

Ganz so dramatisch schätzt der Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern, Gernot Haffner, die Situation nicht ein. Aber auch er bestätigt eine seit Jahren rückläufige Zahl von Küstenvögeln — ein nicht nur im Nationalpark, sondern ein landesweit zu beobachtendes Phänomen.

Das sieht Rico Nestmann nicht anders. „Im Land Mecklenburg- Vorpommern gibt es zwischen der Wismarbucht und Usedom 31 Küstenvogelschutzgebiete. Mindestens die Hälfte von denen ist verwaist“, sagt der Rügener Naturfotograf. Zu den „vogelfreien“ Arealen rund um die Insel Rügen zählen beispielsweise die Fährinsel vor Hiddensee, Gänsewerder oder der Gellen. „Dort ist der Druck des Raubwildes so groß

gewesen, dass die Brutvögel das Weite gesucht haben“, sagt Nestmann.

Seinen Worten zufolge tragen auch Wassersportler dafür Verantwortung — besonders die Kite-Surfer. „Den großen Schirm nehmen die Brutvögel als herannahenden Greifvogel wahr. Wenn sie so einmal aufgeschreckt werden, dann ist es auch vorbei mit der Brut“, macht der Wittower deutlich.

Den Rückgang der Vogelzahlen macht Nationalpark-Chef Gernot Haffner allerdings nicht allein am Heißhunger des Raubwildes auf die Gelege der Küstenvögel oder dem Treiben der Wassersportler fest. Da gebe es mehrere Gründe: Wetter, Nahrungsangebot oder auch Brutbedingungen.

Räuber ist Hinweisgeber auf Beutetiere
Prädator (Räuber) ist ein Organismus, der sich von anderen, noch lebenden Organismen oder Teilen von diesen ernährt, heißt es in einem Online-Lexikon. Nach einer verbreiteten, weniger umfassenden Definition werden als Prädation nur ökologische Beziehungen zweier Arten bezeichnet, bei denen eine Art (Prädator oder Räuber) die andere Art tötet und als Nahrungs- Ressource nutzt. Prädatoren sind keine Aasfresser, weil beim ersten Angriff die Beute noch lebt. Das Auftauchen von Prädatoren wird als Hinweis auf die Existenz von Beutetieren, etwa bodenbrütende Küstenvögel, genommen.

 



Timo Richter und Chris-Marco Herold

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