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Abruptes Ende nach 1400 OZ-Kolumnen

Putbus Abruptes Ende nach 1400 OZ-Kolumnen

Rügen nahm Abschied von Willy Kankel – In der OZ begleitete er 35 Jahre lang die Geschicke der Insel

Putbus. Zu einer Feierstunde für Willy Kankel luden dessen Familie, Bürgermeisterin Beatrix Wilke und Kerstin Kassner am Dienstag in die Putbuser Grundschule „Boddenwind“.

Rügens ehemalige Landrätin hatte die Initiative ergriffen, und mehr als 50 Freunde, Weggefährten und Kollegen nutzen die Gelegenheit, sich von dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Lehrer und Autor zu verabschieden.

Ihr Vater habe eine Seebestattung im engsten Familienkreis gewünscht. Die Familie sei daher sehr froh und Kerstin Kassner sehr dankbar für die Gelegenheit, die Trauer zu teilen. „Sie wissen gar nicht, wie gut uns Kindern das tut“, sagte Kankels Tochter Antje Fischer. Ihr Vater habe schon als 13-Jähriger Kühe getrieben, um sich von dem Lohn Bücher zu kaufen, die er zuweilen bis zum Einschlafen und schon vor dem Aufstehen las. Mehr als die Insel habe ihr Vater nur seine Frau geliebt, die er beim Chorsingen kennenlernte und fortan auf Händen trug. Groß sei seine Freude gewesen, als die älteste Enkelin, Annett Fischer, die Leitung des Weimarer Madrigalchors übernahm.

Es rührte die Anwesenden zusätzlich, dass Kinder der vierten Klasse mit „Unsere Heimat“ ein Lied sangen, das sie dem ehemaligen Direktor der Schule bei dessen Besuch vor anderthalb Jahren ebenfalls vorgetragen hatten.

Der Verstorbene lebte auch durch den kurzen Film auf, den die Tourismuszentrale im vergangenen Jahr für die Reihe „52 Gesichter“ erstellt hat. „Als wir mit unserer gesamten Technik anrückten, hatte er Angst, dass wir bei ihm einziehen wollen“, erinnert sich TZR-Sprecher Holger Vonberg, der die Interviews führte.

Willy Kankel,1928 in Kasselvitz geboren, absolvierte nach dem Krieg einen Lehrerbildungskurs am Pädagogium, arbeitete fortan als Lehrer und war von 1962 bis 1989 Direktor an der Polytechnischen Oberschule Putbus. Auch nach seiner Pensionierung mischte er sich ein und „erzog“ seine Mitmenschen mittels seiner plattdeutschen Kolumnen, die er für die OSTSEE-ZEITUNG schrieb.

Etwa 1400 Kolumnen müssten es seit 1981 gewesen sein, errechnete Walter G. Goes. Der Rügener Künstler würdigte den Verstorbenen als kritischen Geist und „furiosen Geschichtenerzähler, der herzerfrischend lamentieren konnte“.

„Mit Sorge verfolgte er manch Fehlentwicklung auf unserer Insel: soziale Polarisierung und Werteverfall, Kommerzialisierung und Spekulantentum, Verschandelung der Landschaft und Zerstörung von Natur“, ließ der wegen auswärtiger Verpflichtungen nicht anwesende Hans Dieter Knapp von Kerstin Kassner verlesen. Knapp, ein ehemaliger Schüler, „der am selben Tag, nur 22 Jahre später geboren wurde“, schilderte Kankel als einen Menschen, der sich dem Aufbau des Sozialismus gewidmet habe und von dessen Niedergang bitter enttäuscht worden sei. Es habe ihn jedoch mit Freude erfüllt, „dass seine beiden Töchter Antje und Ute und drei seiner sieben Enkel ebenfalls den Lehrerberuf zur Lebensaufgabe wählten“, so Knapp.

Frieder Jelen würdigte Kankels Verdienste um die Wiedererstehung des Rügener Heimatkalenders. Kankel hätte seine Heimat geliebt, ohne sie zu verkitschen oder sich über andere zu erheben.

Launige Erinnerungen an Willy Kankel trug Malte Finn vor, der erst Schüler, später Kollege und schließlich auch Nachbar von Kankel wurde. Finn erzählte vom gemeinsamen Skiurlaub in Thüringen oder vom Zelten in Groß Stresow.

„Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, zitierte die Lehrerin Elke Preuscher den Franzosen Balzac und war gleichwohl „unsagbar traurig, dass es den ehrlichen, gradlinigen und warmherzigen Menschen nur noch in der Erinnerung gibt“.

Dass „all unser Warten auf Deine plattdütsche Kolumne in der OZ von nun an umsonst ist“, bedauerte der ebenfalls nicht anwesende Sassnitzer Ex-Bürgermeister Dieter Holtz (Linke) und ließ ausrichten, dass er sich über eine Veröffentlichung all seiner Kolumnen freuen würde. Darum möchte sich künftig Kankels Enkel Martin Meier kümmern. Der Historiker verwaltet den schriftlichen Nachlass und somit auch Kankels Buch „Häkt, Moos un Supermann“.

„Er ist einer, der fehlt“, sagte die bewegte Beatrix Wilke, ebenfalls eine ehemalige Schülerin Kankels. „Er wusste alles über jeden Schüler und niemand wusste, woher“, wundert sich die Putbuser Bürgermeisterin von Kankels Heimatstadt noch heute. Das Kondolenzbuch für Willy Kankel möchte sie auch in der kommenden Woche noch im Rathaus von Putbus auslegen, um weiteren Bürgern Gelegenheit zu geben, sich einzutragen.

Uwe Driest

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