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Bedrohliches vor dem Horizont

Putbus Bedrohliches vor dem Horizont

Manfred Schulze-Alex zeigt Fotografien, Zeichnungen und Holzskulpturen in der Orangerie Putbus

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Die vielfältigen Arbeiten von Manfred Schulze-Alex sind noch bis zum 3. Juli in der Orangerie Putbus zu sehen.

Quelle: Maik Trettin

Putbus. In diesem Hilferuf liegt scheinbar keinerlei Dramatik: Das SOS, wie der Hamburger Fotograf Manfred Schulze-Alex diese Serie nennt, sieht eher wie eine Verlockung des Meeres aus. Da steht eine lädierte Plasteflasche am Strand und wird von der untergehenden Abendsonne schaurig-schön durchleuchtet. Eine andere ist zusammengestaucht wie eine sich bewegende Raupe und räkelt sich wie ein Fotomodell am Meeresufer. Nebenan schmiegen sich zwei Plasteflaschen wie ein Liebespaar beim Ausflug an die See aneinander.

Von Jahr zu Jahr fand sich mehr Müll an den Stränden. In drei Wochen hatten wir 30 Müllsäcke zusammen, die wir entsorgen ließen.“Fotograf Manfred Schulze-Alex

„Vor dem Horizont“ ist die neue Ausstellung in der Putbusser Orangerie überschrieben. Das mag im ersten Moment hübsche Landschaftsmalerei verheißen. Was Manfred Schulze-Alex zeigt, ist alles andere als das. Es sind nicht die fernen Sehnsuchtsorte jenseits der Horizonte. Mit seinen Fotografien, Malereien und Skulpturen bleibt er vor diesen Linien, im Hier und Jetzt, in der Realität. Zum Beispiel mit den Plasteflaschen: Die hat er nicht für die Fotos mit an die Strände genommen, er hat sie dort gefunden. Die Namen der Fundorte stehen neben den außergewöhnlichen Bildern. Zumeist sind es west-schwedische Inseln oder Küstenorte.

Die besucht Manfred Schulze-Alex mit seiner Frau Saskia seit über 30 Jahren regelmäßig. „Von Jahr zu Jahr fand sich mehr Müll an den Stränden“, haben beide beobachtet. Sie ergriffen die Initiative und fingen an, den Unrat einzusammeln. „In drei Wochen hatten wir 30 Müllsäcke zusammen, die wir entsorgen ließen.“ Irgendwann griff der Fotografenmeister, der in Hamburg ein Studio für Werbe, Industrie- und Luftbildfotografie betreibt, zur Kamera und dokumentierte die Flaschen an ihren Fundorten.

Herausgekommen ist eine Serie, die mit unerwarteter Schönheit überrascht. Man muss schon sehr genau hinsehen, um das Bedrohliche zu erkennen. „SOS“ steht in diesem Fall für „Save our Seas“ (Rettet unsere Meer) und wer das Morsealphabet beherrscht, wird diesen Notruf auch in der Reihung der Fotografien finden. Wem das zu subtil ist – die Aufnahmen der Trottellumme, die sich immer weiter in den Resten eines Nylonnetzes verfing, sprechen eine unmissverständliche Sprache. Mit einem Messer befreite das deutsche Paar den hilflos im Wasser paddelnden Vogel und fotografierte das Tier vor und nach seiner Rettung.

Doch solche drastischen Bilder sind die Ausnahme. Manfred Schulze-Alex will keine vordergründig agitativen Bilder, will dem Betrachter die Gefährdung nicht mit erhobenem Zeigefinger vor Auge führen.

Er will sensibilisieren, ganz sacht, für die Schönheit, die Natur. Von der Kraft der Letzteren kann sich der Besucher gleich im Nachbarraum überzeugen: Reihenweise versinken dort gigantische Beton-Bunker im hellen, weichen Sand der dänischen Nordseeküste. Rund 6000 solcher Anlagen wurden im Verlauf des Zweiten Weltkrieges dort von den Deutschen errichtet. „Diesen hier“, sagt Schulze-Alex und zeigt auf den Bau auf einem der Bilder, „hat man schon versucht zu sprengen. Richtig zerstören konnte man ihn bislang noch nicht.“ Dafür setzt ihm die Natur zu und befreit sich – wenn auch langsam – von diesen Auswüchsen auf der Erdoberfläche.

Nein, winkt der Hamburger ab, nicht eine Begeisterung für militärische Anlagen oder den Zweiten Weltkrieg habe ihn zu dieser Serie angetrieben. „Ich bin Kriegsdienstverweigerer“, sagt er.

Schulze-Alex wollte damit das fortführen, was sein Freund und Künstlerkollege Volker Meier in Bildern über Bunkeranlagen in Dänemark und Norwegen begonnen hatte: diesen Bauten das Bedrohliche nehmen, sie als besiegbar zeigen. Zusammen mit der Natur erobert auch der Mensch diese Trutzburgen am Meer. Manfred Schulze-Alex hat die Graffitis an den Wänden fotografiert und junge Menschen, die auf den Bunkerruinen sitzen und von hier aus den Sonnenuntergang über dem Meer genießen.

„Die sichtbare Linie am Horizont ist keine Grenze – es geht immer weiter“, heißt es in den Tagebuchaufzeichnungen des 66-Jährigen. Der hat mehrfach hinter die Grenzen geschaut und sich jenseits der vermeintlichen Horizonts neu ausprobiert. Und so werden in der von der Kulturstiftung Rügen betreuten Ausstellung neben den Fotografien, Montagen und Zeichnungen auch Holzskulpturen des Hamburgers gezeigt. Die Begeisterung für diese Technik gehe auf seinen Schullehrer zurück, sagt Manfred Schulze-Alex. Der habe ihm im Werkunterricht das Schnitzen beigebracht. Viele Jahre später arbeiteten beide gemeinsam an einer Skulptur: Der Schüler vollendete die Arbeit „Der Fischer“, mit der sich Gerhard Großkopf bis zu seinem Tode beschäftigt hatte und die jetzt auch in Putbus gezeigt wird.

Zur Person

1975 schloss Manfred Schulze-Alex (66) die Meisterschule für Fotografie in Hamburg ab. Seit 1976 arbeitet er als selbständiger Fotograf mit einem eigenen Studio für Werbe- Industrie- und Luftbildfotogtafie sowie Videoproduktion in der Elbmetropole. Seit Mitte der 80-er Jahre findet er Ausgleich zur professionellen, technischen Fotografie in der künstlerischen Betätigung. Seine Arbeiten präsentierte der Hamburger seit 1979 bereits in zahlreichen Einzelausstellungen. Ausstellung „Vor dem Horizont“, Skulptur, Malerei, Fotografie von Manfred Schulze-Alex, bis zum 3. Juli in der Orangerie Putbus, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr

Maik Trettin

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