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Rügen Eine Lesung wie ein gesprochener Film
Vorpommern Rügen Eine Lesung wie ein gesprochener Film
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00:01 17.10.2017
Putbus

Am Ende war ein großes Schweigen: Ungewöhnlich für Lesungen, gab es trotz des ausverkauften Saales im „Foyer“ des Putbuser Theaters weder eine Diskussion, noch Fragen an die Autorin. Die Stimmung unter den über 50 Besuchern wirkte andächtig, nicht wenige schienen überwältig: wirken lassen, Luft schnappen.

Valerie Riedesel las im Putbuser Theater aus ihrem Buch „Geisterkinder“. Quelle: Foto: Jens-Uwe Berndt

Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach hatte aus ihrem Buch „Geisterkinder – Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft“ gelesen. Die 53-Jährige aus Altkamp, einem Putbuser Ortsteil, hat darin einen Teil der Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben, der mit einem der bedeutendsten Momente neuer deutscher Historie verbunden ist: dem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Valerie Riedesel ist die Enkeltochter von Cäsar von Hofacker, der als Mitglied der Pariser Militärverwaltung zu den Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte. Von Hofacker wurde vier Tage vor Weihnachten 1944 von den Nazis hingerichtet, während seine Frau und seine fünf Kinder ein körperliches und seelisches Martyrium in Sippenhaft erdulden mussten (die OZ berichtete).

Valerie Riedesel erzählte mehr als dass sie las. Wortgewand, rhetorisch brillant und in der Sprache klar verstand sie es, die Odyssee ihrer Familie detailliert zu schildern. Und das beschränkte sich nicht etwa nur auf Eckdaten und Abläufe. Emotional mit der erzählten Geschichte – die maßgeblich auf Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter Anna-Luise beruhen – aufs Tiefste verbunden, machte sie vielmehr ganz besonders jene Anspannungen, Ängste und Hoffnungen, Trauer und Resignation lebendig, die ihre Großmutter und deren Kinder damals beherrschten. Während die drei Kleinen in einem Kinderheim in Bad Sachsa (Harz) ohne Namen und persönliche Gegenstände entwurzelt werden sollten, schickte die SS von Hofackers Frau, Tochter Anna-Luise und Sohn Eberhard ins Konzentrationslager Stutthof. Hier erfuhren sie vom Tod des Familienoberhauptes, hier erkrankte Anna-Luise schwer an Scharlach und Typhus und hier stieg die Angst um das Schicksal der kleinen Geschwister bis zur Unerträglichkeit.

Valerie Riedesel hatte ganz offensichtlich mit Bedacht nur wenige Tagebucheinträge gewählt, die sie zur Unterstützung des Erzählten vorlas. Meist waren diese obendrein kurz, aber immer von großer Wirkung. Hinzu kamen Auszüge aus einem Brief ihres Großvaters an die damals 15-Jährige Anna- Luise, in dem er – eingebettet in Worte voller Liebe und Fürsorge – zum ersten und einzigen Mal andeutete, dass er mit dem Nazi-Regime gebrochen hatte. Genauso intim und berührend dann die im KZ Stutthof geschriebenen Zeilen Eberhards an seine Mutter, in denen er ihr vom Tod seines Vaters berichtete – Mut zusprechend und gleichzeitig hilfesuchend.

Riedesels Lesung wirkte über weite Strecken wie ein gesprochener Dokumentarfilm. Vor dem geistigen Auge entstanden Bilder aus der dramatischen Zeit ebenso wie jene Szene aus der Entstehungsphase des Buches, als die Autorin entdeckte, dass eines der Tagebücher ihrer Mutter in Sütterlin geschrieben worden war. Und weil sie diese Schrift nicht lesen konnte, habe sie ihre Mutter am Bodensee aufgesucht und sich die Aufzeichnungen vorlesen lassen. „Das war eine sehr intensive Zeit – versunken in die Vergangenheit“, erinnerte sich Riedesel.

Pastor Georg Hildebrandt, der die vom Putbuser Buchladen „Schriftgut“ organisierte Lesung eröffnete und schloss, nannte das Buch „mutig und nötig“. In einer Zeit mit „starken Kräften von links und rechts, die unsere freiheitliche Grundordnung gefährden, ist es gut zu lesen, was es heißt, in einem totalitären System zu leben“.

Beeindruckt habe ihn zudem, dass die Sippenhäftlinge einen wesentlichen Teil ihrer Kraft aus ihrem christlichen Glauben gezogen hätten.

Geisterkinder

Das Buch „Geisterkinder“ ist die erste literarische Arbeit von Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach. Darin erzählt die studierte Historikerin und gelernte Journalistin eine Episode aus der Geschichte ihrer Familie, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler in Sippenhaft der SS geriet.

Valerie Riedesel, geborene von Rosen, ist die Enkeltochter des Attentatsmitverschwörers Cäsar von Hofacker, der kurz vor Weihnachten 1944 von den Nazis hingerichtet wurde.

Das Buch beruht vor allem auf Tagebuchaufzeichnungen der Mutter von Valerie Riedesel, Anna Luise (damals 15), und ihrer Tante Christa (damals 13). Außerdem gibt es Briefe von von Hofacker und anderer Familienangehöriger wieder.

„Geisterkinder - Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft“ ist im Buchhandel und auch online verfügbar. Das Buch erschien im Verlag SCM Hänssler, ist gebunden und hat 372 Seiten (exklusive Verlagswerbung und 56 Abbildungen). ISBN: 978-3-7751-5791-9, Preis: 18,95 Euro

Jens-Uwe Berndt

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