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Einstige Ruine ist nun historisches Juwel

Schaprode Einstige Ruine ist nun historisches Juwel

80 Besucher informierten sich bei Führung über die Gutsanlage in Streu, die heute Mehrgenerationenhaus ist

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Nachdem ihm Gut Streu enteignet worden ist, konnte Hans Volckmann in Götemitz einen Landwirtschaftsbetrieb aufbauen, der 1954 in der LPG Rothenkirchen aufging.“ Ortschronist Prof. Wolfgang Heun

Schaprode. Gutshäuser mit Namen Streu kommen in Rügens Geschichte gleich zweimal vor. Das bei Bergen gibt es nicht mehr; es wurde nur an die hundert Jahre alt und 1971 abgerissen. In vollem Glanz dagegen und mit langer Tradition zeigt sich die Gutsanlage Streu bei Schaprode – eine wachgeküsste Schönheit. Am Wochenende konnten sich gut 80 Besucher bei einer Führung davon überzeugen.

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80 Besucher informierten sich bei Führung über die Gutsanlage in Streu, die heute Mehrgenerationenhaus ist

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Dominant hinter dem Eingangstor zum heute rund drei Hektar großen Areal leuchtet in strahlendem Weiß rechterhand das Herrenhaus in neugotischem Baustil. Die Information am Parkeingang über die anderen Gebäude deutet auf die einstige wirtschaftliche Bedeutung des Gutes mit Ländereien um die 250 Hektar: Statthalterhaus, Inspektorhaus, Schnitterkate, Pferdestall, Kornspeicher, eine zum Wohnhaus umgebaute Scheune und der Düngerschuppen – alles erhalten. Dazwischen und rundum der gepflegte Park, der Waldrand, die Gärten.

Einer der Besucher ist Wolfgang Hinterland. Der Rentner aus Tribsees hatte miterlebt, wie die Guts-

anlage zum Ende der DDR-Zeit und nach der Wende verfiel: „Das Herrenhaus stand leer und war in Teilen zerstört. Im Nebengebäude wohnten zwei Einzelbauern mit ihren Familien. Ihre Schweine hielten sie im Pferdestall. Zwischen den Gebäuden in der heruntergekommenen Parkanlage waren Straßenplatten aus Beton verlegt.“

So sah es aus, als sich das heutige Eigentümerehepaar Gisa und Hans-Peter Reimann aus Hamburg im Jahr 2001 entschloss, die Guts-

anlage zu erwerben – sie, ehemalige Lehrerin und Schulbuchautorin, er, vor dem Ruhestand Manager im Hamburger Hafen. 1992 war das Objekt von der Treuhand „vermarktet“ worden. In der Folge wechselte es dreimal den Eigentümer, von denen keiner ein schlüssiges Konzept für die Folgenutzung realisieren oder eine nachhaltige Finanzierung sichern konnte.

Mit Erwerb des ehemaligen Adelssitzes vor 15 Jahren wollte sich das Ehepaar einen Wunschtraum für die Zeit nach dem Berufsleben erfüllen. Nicht ohne Anflug von Zweifel, ob man sich denn mit dem Mammutprojekt verheben könnte. „Geniest doch euren Ruhestand und hängt euch nicht solch ein Objekt ans Bein“, so der Tenor im Familien- und Freundeskreis. Ein bisschen hanseatische Sturheit spielte wohl mit, dass die beiden den unter Denkmalschutz stehenden Komplex mit Hartnäckigkeit anpackten und durch die Sanierung der Insel Rügen ein historisches Juwel hinzufügten. „Für uns ist es jetzt ein Dreigenerationenhaus mit Tochterfamilie und vier Enkeltöchtern“, berichtet Hans-Peter Reimann. Tochter und Ehemann betreiben auf dem Gelände die Tierarztpraxis Puvogel. Man sieht sich auch der Geschichte des Ortes verpflichtet: Die Außenanlage ist für Besucher zugänglich, und einmal im Jahr führen die Eheleute Besucher durch Gelände und Haus. Geöffnet wird es auch zum „Tag des offenen Denkmals“.

Beeindruckt ist Martina Seifert aus Fürstenfeldbruck in Bayern. Sie hatte von der Führung in der OSTSEE-ZEITUNG gelesen und ihren Mann bekniet: „Da müssen wir hin.“ Seit 15 Jahren verbringen sie auf Rügen ihren Urlaub. Jetzt, wo die Kinder groß sind, können sie auch auf Kulturtrip gehen. Da kam die Führung durch Streu gerade recht. Von der Energie der Eigentümer ist die Bayerin beeindruckt: „Wo andere beim Generalunternehmer alles in Auftrag geben, ist das hier in eigener Regie wiederhergestellt worden. Respekt.“

Am Torpfeiler von Streu erinnert eine Gedenktafel an Hans Volckmann. Sein Vater hatte das Gut 1899 erworben und wurde nach vier Adelsfamilien erster bürgerlicher Besitzer. Das 250 Hektar große Gut hatte Sohn Hans von 1922 an erfolgreich bewirtschaftet. Später kam es auf Gut Streu regelmäßig zu konspirativen Treffen führender Generäle der deutschen Wehrmacht – im Widerstand zu Hitlers Kriegspolitik. Ab 1934 wurde Volckmann mehrmals von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Bredow bei Stettin gesteckt. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler 1944 kam er in die Haftanstalt von Stralsund. Mit der Bodenreform wurde er enteignet. Gut Streu wurde unter Neubauern aufgeteilt und später in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Einheit“

zusammengefasst. Was aus Hans Volckmann danach wurde, weiß der Rambiner Ortchronist Prof. Wolfgang Heun: „Volckmann, inzwischen als Verfolgter des Naziregims anerkannt, konnte in Götemitz bei Rambin einen devastierten Landwirtschaftsbetrieb erwerben und wieder aufbauen.“ Aber auch damit sei nicht Frieden in sein Leben eingekehrt. 1953 setzte er sich wegen des Drucks, den der DDR-Staat auf Bauern ausübte, in den Westen ab. „Ein Jahr später ging seine Bauernschaft in Götemitz in der LPG Rothenkirchen auf“, weiß Heun.

„Hier spiegelt sich auch deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte wider,“ findet Teilnehmerin Dr. Ilse Führer-Lehner aus Gelsenkirchen, „erst in adliger Hand, danach in bürgerlichem Besitz, dann Volkseigentum und jetzt beim kapitalkräftigen Bürgertum.“

Frank Levermann

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