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„Ich habe gemalt wie ein Besessener“

Bergen/Ralswiek „Ich habe gemalt wie ein Besessener“

Harry Wittmaier aus Bergen ist der neue Plakatmaler an Bord der Störtebeker-Kogge

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Bergen/Ralswiek. Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär hat Harry Wittmaier noch nicht hingelegt, aber ein Selfmade-Man ist er ganz sicher. „Ich habe am Ende der Nahrungskette angefangen“, erzählt der ehemalige Traktorist einer Sowchose in Kasachstan, der es über die Arbeit bei einem Sicherheitsdienst bis zum aktuellen Plakatmaler der Störtebeker Festspiele brachte. „Schon als Kind zeichnete und malte ich, wann immer es ging und behielt das über alle meine Lebensstationen bei“, sagt der Russlanddeutsche mit dem süddeutsch anmutenden Namen.

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Harry Wittmaier aus Bergen ist der neue Plakatmaler an Bord der Störtebeker-Kogge

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Harry Wittmaier

Wittmaier wurde 1967 in Kasachstan, dem neuntgrößten Land der Erde, in der Nähe der heutigen Hauptstadt Astana geboren. Die Großeltern stammten aus Deutschland, siedelten im Rahmen der unter Katharina der Großen begonnenen Einwanderungspolitik nach Odessa über und wurden im Krieg als mögliche Kollaborateure nach Kasachstan deportiert. Wie es so ist in Zeiten des Umbruchs, hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts russische Nationalisten vor einer „Germanisierung“ des Landes gewarnt und 1915 begannen Pogrome gegen die deutschstämmige Bevölkerung.

„Schon als Kind illustrierte ich Wandzeitungen in der Schule mit Karikaturen und hatte immer gute Noten in Kunst und Geometrie“, erinnert sich Harry Wittmaier. Das Talent blieb auch seinen Vorgesetzten beim Militär nicht verborgen, die ihn prompt vergatterten, technische Zeichnungen für Ausbildungszwecke zu erstellen. Mit 22 Jahren fing er in der örtlichen Sowchose an, wo er fünf Jahre blieb und für die er eigentlich Landwirtschaft studieren sollte. Harry aber wollte lieber an die Hochschule für Kunst und Architektur wechseln, wo er sich mit Unterstützung seines Onkels, eines Architekten, bewarb. Die Prüfung vor der Aufnahme-Kommission, während derer er die Skulptur eines griechischen Gottes zu zeichnen hatte, bestand er mit Bravour. „Das Studium aber wollten mir gegen den Rat des Dekans der Fakultät weder die Sowchose noch mein Vater finanzieren“, bedauert er noch heute.

So fuhr er wieder Traktor bis sich für seine Familie 1994 die Möglichkeit eröffnete, nach Deutschland zu gehen. „Weil einer unserer Söhne Probleme mit den Bronchien hatte, empfahlen uns Ärzte, an die Küste zu ziehen“, und so kam die Familie nach Rügen, wo Harry die Stelle bei einer Baufirma und Ehefrau Natalia bei einer Reinigungsfirma antraten. Der jüngere der heute 25 und 18 Jahre alten Söhne arbeitet im Callcenter in Lietzow, der ältere ist beim Bund in Braunschweig.

Harry Wittmaier bewährte sich beim Bau der Promenaden in Binz und am Schmachter See oder der Außenanlage am Königsstuhl und brachte es so zum Vorarbeiter. Allerdings kündigte die Baufirma dem Trupp, bevor nach zehn Jahren der Kündigungsschutz einsetzte. So begann er 2004 eine Umschulung zur „Fachkraft für Schutz- und Sicherheitsdienst“. Wegen seiner guten Umgänglichkeit setzte ihn eine Sicherheitsfirma als Praktikant am Einlass des Störtebeker Festspiele ein. „Von da an träumte ich davon, Teil der Störtebeker-Familie zu werden“, sagt er noch heute mit glänzenden Augen.

Parallel dazu malte er aber unverdrossen weiter: „Jeden Tag, nach meinem Feierabend um 15 Uhr verschwand ich im Keller unseres Hauses in Rotensee und malte wie ein Besessener.“ Sein Freund Viktor Weiß, ein Musiker, der häufiger im dortigen Nachbarschaftszentrum russische Balladen vortrug, riet ihm, seine Bilder in der Einrichtung auszustellen. So suchte er im Herbst 2006 fast 60 Bilder zusammen, besorgte Sekt und Kuchen und lud die geneigte Öffentlichkeit ein. Die folgte nur verhalten, und obwohl das Resultat noch enttäuschend war, „empfand ich es dennoch als eine Art künstlerischer Geburt, denn immerhin hatte ich mich zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert“. Im nächsten Schritt mietete er noch im selben Jahr über Freunde seine heutigen Räume in einer ehemaligen Behindertenwerkstatt in der Bergener Industriestraße an, wo er nebenbei in einer Freien Werkstatt arbeitete.

Bis er regelmäßig bei den Störtebeker Festspielen begann. „Nun bin ich bei den Vorführungen und der Adler-Show der erste, dem unsere Besucher begegnen und Familie Hick zutiefst dankbar dafür“, sagt er gerührt. Tiefen Dank empfindet er auch gegenüber seiner eigenen Familie. Insbesondere Ehefrau Natalia habe nicht nur sehr viel Geduld mit ihm, sondern unterstützt ihn auch, wo es geht. Durch Mundpropaganda mehrten sich langsam aber beständig Aufträge von Kollegen und Bekannten. „Die Leute kamen und orderten Porträts von sich, ihren Haustieren, Bilder von Landschaften oder Airbrush- Motive auf Fahrzeugen oder Helmen“, wunderte er sich damals. Sein mit einer Größe von etwa vier mal fünf Metern größtes Airbrush-Bild erstellte er für Uwe Uschmann zur Eröffnung von dessen Technik-Museum in Samtens. Im Gegengeschäft ließ der ihn dort einen Monat lang seine zweite Ausstellung durchführen, mit der er schon viel zufriedener sein konnte.

In Ralswiek lernte er auch den inzwischen verstorbenen rumänisch-deutschen Schauspieler Mircea Krishan kennen, einen ehemaligen Sketchpartner von Rudi Carrell und Gisela Schlüter, der zwischen 1993 und 2006 bei den Störtebeker Festspielen spielte. „Mircea hat mir sehr imponiert, weil er mit 82 Jahren noch auf der Bühne stand, wenn auch zuletzt nur noch in einer Kutsche.“ Von ihm fertigte Harry Wittmaier ein Porträt an, das ihn mit ernster Miene und einer Mischung aus Krone und Narrenkappe zeigt – als König der Narren gewissermaßen. Das ließ er sich ebenso signieren wie die Zeichnung, die er von seinem Vorgänger anfertigte.

Nach 20 Jahren als Plakatmaler der Störtebeker Festspiele war der Hamburger Illustrator Wolfgang Behrend im Juni 2015 nach schwerer Krankheit gestorben. Das aktuelle Motiv mit den Ordensrittern zu „Auf Leben und Tod“ entstand noch in dessen Putbuser Atelier. Den damaligen Aktmaler, der ebenfalls Autodidakt war und später auch schon mal den Titel des Magazins „Der Spiegel“ entwarf, hatte Intendant Peter Hick aus Bad Segeberg mitgebracht.

70 Jahre alt ist Wolfgang Behrend, der Vorgänger von Harry Wittmaier, geworden, der im vergangenen Jahr auf Rügen verstarb.

22 Plakate hat der aus Hamburg stammende Behrend bis dahin für die Störtebeker Festspiele auf der Naturbühne in Ralswiek angefertigt.

60 Bilder wählte Harry Wittmaier für seine erste Ausstellung im Nachbarschaftszentrum Rotensee aus.

4 mal fünf Meter misst Wittmaiers größtes Airbrush-Bild, das er eine Auftragsarbeit ist und im Technik-Museum von Samtens hängt.

Uwe Driest

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