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Leidenschaft geht vor Perfektion

Sellin Leidenschaft geht vor Perfektion

Matthias Schorn übernimmt die Leitung des Festspielfrühlings in der kommenden Saison

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Matthias Schorn zu Besuch am Selliner Strand. Im kommenden Jahr wird er als musikalischer Leiter des Festspielfrühling zurückkehren.

Quelle: Foto: Geert Maciejewski

Sellin. Matthias Schorn gilt als einer der besten Klarinettisten der Welt. Im kommenden Jahr wird er die künstlerische Leitung des Festspielfrühlings auf Rügen übernehmen. Bekannt ist er nicht nur für sein ausgezeichnetes Spiel, sondern auch für seine Vielseitigkeit. Er ist Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, aber auch Gründer der Volksmusik-Gruppen „MaChlast“ und „Faltenradio“. Mit der OSTSEE-ZEITUNG sprach der 34-Jährige über seine Pläne für den Festspielfrühling, seine Kindheit in Österreich und warum er bei Musik häufig weinen muss.

Herzlichen Glückwunsch zur musikalischen Leitung des Festspielfrühlings 2018. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Entscheidung erfahren haben?

Matthias Schorn: Der Anruf kam vor einem halben Jahr, ich war gerade auf Reisen und habe das Gespräch in einem Hotelzimmer entgegengenommen. Ich habe mich natürlich riesig gefreut. Obwohl ich bereits 2013 Preisträger in Residence bei den Festspielen war, ist der Festspielfrühling noch einmal etwas ganz anderes. Hier sitzt man gemeinsam mit den Musikern und dem Publikum ja wortwörtlich auf einer Insel. Alles ist konzentrierter, verdichteter. Das gefällt mir. Dazu kommen tolle Veranstaltungsorte auf der Insel. Das Gut Lebbin zum Beispiel habe ich in diesem Jahr kennengelernt. Das ist ein richtiger Kraftort.

Haben Sie schon Ideen für den

kommenden Frühling?

Ich will der Langeweile und der Belanglosigkeit unserer Zeit die Stirn bieten und Neues ausprobieren. Das ist ja auch das Großartige an meiner Aufgabe. Ich kann überlegen, welche Künstler zueinander passen und gemeinsam etwas noch nicht Dagewesenes schaffen. Wer bereits zugesagt hat, ist beispielsweise Konstantin Wecker. Ein hochinteressanter Musiker, Poet und Texter. Ich bin sehr gespannt, wie es sein wird, mit ihm zusammenzuarbeiten. Das ist für beide Seiten Neuland. Neben der klassischen Kammermusik möchte ich gerne auch szenische Konzerte realisieren. Eine Idee ist etwa, ein Jazz-Konzert mit Lesungen aus einem Briefwechsel des Musikers Benny Goodman. Und Musik aus meinem Heimatland Österreich darf natürlich auch nicht fehlen. Man kann ruhig Volksmusik dazu sagen, ich sehe darin überhaupt nichts Schlechtes. Die zehn Musiker von Franui aus Osttirol zum Beispiel werden dabei sein. Dieses Ensemble hat sowohl Tänze und Lieder als auch klassische Musik in höchster Qualität im Repertoire. Ich träume auch von einem Orchesterkonzert, obwohl es ja eigentlich ein Kammermusikfestival ist. Mal sehen, was zu realisieren ist.

Volksmusik beim Festspielfrühling wäre ein echtes Novum...

Ich bin da sehr offen. Warum sollte man nicht mal Schubert-Werke oder Mahler auf dem Hackbrett und Zither interpretieren? Man muss mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Ein Dirigent, der mir sehr viel bedeutet hat, Nikolaus Harnoncourt, hat einmal gesagt, man solle Musik nie reproduzieren, sondern immer rekreieren. Zudem können unterschiedliche Musikstile sehr bereichernd sein und sich gegenseitig befruchten. Und so gegensätzlich sind diese Musikrichtungen ja auch wieder nicht, vieles ist eine Sache von Schubladen, in die der Mensch Dinge nun mal gerne einsortiert. Das Lied „Guten Abend, Gute Nacht“ was vielen Menschen ja als Volkslied bekannt ist, hat zum Beispiel Johannes Brahms komponiert.

Woher stammt ihre innige

Verbindung zur Volksmusik?

Ich bin in einem kleinen 2000 Seelen-Dorf in Österreich aufgewachsen. Sehr ländlich, sehr dörflich, aber im positivsten Sinne. Dort war Musik allgegenwärtig, ob es die Blaskapelle im Ort war, die Orgel in der Kirche oder die Zither-Abende zuhause. Mein Großvater war Organist, mein Vater - bis heute mein Vorbild - spielt Klarinette und Chorproben der Gemeinde fanden bei uns im Wohnzimmer statt. So bin ich ganz selbstverständlich mit geistlicher Musik und Volksmusik in Kontakt gekommen und habe mit acht Jahren angefangen, Klarinette zu spielen. Später habe ich dann Klassik und Jazz entdeckt, das fand ich als Kind unglaublich spannend. Festzustellen, dass dort einer mein Instrument spielt, aber er diesem ganz andere Klänge entlockt, hat mich fasziniert. In der Kindheit ist auch die Leidenschaft für die Magie der Musik entstanden. Ich erinnere mich an die ergreifenden Klänge von Flügelhörnern während einer Beerdigung. Ich war plötzlich tief ergriffen, obwohl ich die verstorbene Person kaum kannte.

Was macht diese Magie der Musik für Sie aus?

Musik ist für mich die größte aller Künste. Vor einem Bild, auch wenn es grandios und ergreifend ist, kommen mir keine Tränen. Bei Musik schon. Zuletzt bei der Probe des Schubert-Liedes „Der Hirt auf dem Felsen“. Eigentlich kein trauriges Lied, aber die Textstelle „die Herzen es zum Himmel zieht“ ist musikalisch so gut umgesetzt - das ist für mich hochemotional. Und ich geniere mich auch überhaupt nicht dafür. Musik ist dafür da, Gefühle zu wecken. Nehmen wir nur den Liebesfilm. Bei einer traurigen Szene können die Zuschauer vielleicht die Tränen gerade noch zurückhalten, setzt dann aber die Musik ein, wird geweint. Ich glaube, das liegt an den Schwingungen der Musik, die sich im Körper des Menschen ausbreiten. Der menschliche Körper besteht zu großen Teilen aus Wasser und das leitet Schwingungen besonders gut.

Wie wollen Sie die Schwingungen ins Festspiel-Publikum bringen?

Ich bringe meine österreichischen Wurzeln mit und schaue, was passiert. Nein, im Ernst. Den Erfolg planen kann man nie. Man kann sich gut vorbereiten und das muss man auch. Aber im entscheidenden Moment auf der Bühne müssen wir loslassen, die Zügel schießen lassen und schauen, was der Schoß des Universums uns schenkt. Ich habe das Publikum beim Festspielfrühling immer als sehr „herzensgebildet“ wahrgenommen. Ich glaube schon, dass die Menschen sich öffnen und mitgehen. Ich mag es, wenn die Menschen ihre Begeisterung und Freude an der Musik herauslassen. Wenn man sieht, der Zuhörer wippt mit dem Fuß, der kann nicht anders. Und sollte das Publikum unbedingt den Wunsch verspüren, spontan nach einem Satz zu applaudieren, sollen sie das doch machen.

Um ein Publikum, egal welcher Altersstruktur, mitzunehmen, braucht es vor allem Leidenschaft der Musiker. Wenn wir Klassik so spielen wie ein Jazzmusiker sein Solo, dann brauchen wir auch keine zerrissenen Jeans oder große Show. Dann ist Musik unmittelbar erfahrbar und keine Umleitung über den Kopf nötig.

Das klingt sehr locker und spontan. Wie wichtig ist technische Perfektion für Sie?

Sicherlich braucht man eine gewisse Virtuosität für viele musikalische Werke. Technisch perfektes Spiel beeindruckt auch mich, keine Frage. Aber nicht immer berührt es mich. Eine Studie besagt, dass computererzeugte Musik, in der jeder winzige Ton und Takt exakt wiedergegeben wird, für das menschliche Ohr nicht gut klingt. Dieser Musik fehlt dann das energetische, persönliche Moment des Musikers. Ich finde es ist beruhigend zu wissen, dass der Mensch nicht zu ersetzen ist.

Interview von Anne Ziebarth

Festspielfrühling Rügen

Mehr als 5000 Besucher kamen zu den 23 Konzerten und Veranstaltungen des Festspielfrühlings Rügen. In diesem Jahr stand der Festspielfrühling unter der künstlerischen Leitung von Nils Mönkemeyer (Bratsche). 2018 wird der Klarinettist Matthias Schorn den Posten für ein Jahr übernehmen. Der Festspielfrühling 2018 findet vom 9. bis 18. März statt, der Vorverkauf startet am 17. August 2017. Weitere Informationen werden auf www.festspiele-mv.de veröffentlicht.

OZ

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Bergen
Theo Plath am Fagott und Jarkko Riihimäki am Piano spielten vor Schülerinnen und Schülern der Ensembles des Bergener Gymnasiums.

In den Genuss des auf Rügen von den Festspielen MV veranstalteten Festspielfrühlings kommen auch Schüler. Musiker besuchen drei Inselschulen und spielen vor Schülern auf. Diese Auftritte sind das Ergebnis einer Kooperation der Festspiele mit der Initiative „„Rhapsody in School““.

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