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„Lippi“ wird Rentner

Ralswiek „Lippi“ wird Rentner

Auf einer Insel fernab von Rügen feiert Wolfgang Lippert heute seinen 65. Geburtstag

Ralswiek. Ganz am Anfang war er Automechaniker. Dann wurde der quirlige Berliner, der seit Jahren auf Rügen lebt, Sänger, Showmaster und Schauspieler. Das Multitalent aus dem Osten hatte große Erfolge, manche Neider und holte sich auch blaue Flecken. Wolfgang Lippert, stets stylish gekleidet, gut frisiert und ein Fan auffälliger Brillen, ist über alle Jahrzehnte eines geblieben: eine Frohnatur. Heute wird er 65 und sagt in einem Interview: „Das Leben ist einfach ein Geschenk. Ich hab' noch Pläne, viele Möglichkeiten und Angebote.“

Andere Menschen gehen mit 65 in Rente. Für das Geburtstagskind kommt das nicht in Frage, dazu fehlt ihm schlicht die Zeit: Fernsehdrehs, Proben, Aufführungen und Studioaufnahmen. Der Terminkalender Lipperts für das kommende Jahr ist voll. „Ich freue mich, dass ich so viele Angebote bekomme. Natürlich stehe ich auch 2017 wieder bei den Störtebeker Festspielen auf der Bühne, die in diesem Jahr übrigens 25-jähriges Jubiläum feiern. Ich bin stolz und glücklich, daran etwas mitgeschrieben zu haben.“

Der Mann aus Berlin-Kaulsdorf wurde nach einem Fachschulstudium zum Sänger 1983 schlagartig bekannt: Mit dem Hit „Erna kommt“ des Erfolgs-Komponisten Arndt Bause. Das Lied wurde auch westlich der Mauer gecovert – von Hugo Egon Balder. Zeitgleich moderierte Lippert seine erste TV-Show, die Kindersendung „He Du“. Seine Arbeit für Kindersendungen war „eine traumhafte Zeit“, sagte der Vater eines Sohnes später. Er werde noch heute von Erwachsenen angesprochen, die als Kind in einer Sendung von ihm waren, erzählt er. „Es ist schön, dass man in den Köpfen dieser Leute noch drin ist.“ Auch die „Erna“ sei ein Lied, was immer wieder nachgefragt werde. Derzeit arbeitet Lippert an Neuaufnahmen des Songs, die alle von befreundeten Künstlern eingesungen und gespielt werden. „Alle Künstler – jüngere wie ältere – entwickeln eigene Fassungen. Daraus wird ein Zusammenschnitt entstehen. Ich bin sehr gespannt“, sagt Lippert.

Die Karriere im DDR-Fernsehen verlief rasant: 1984 bekam Lippert seine erste Show „Meine erste Show“, kurz danach die Samstagabendshow „Glück muss man haben“. Auf seiner Homepage heißt es heute: „In der DDR war er in den Achtzigern so populär wie Thomas Gottschalk im Westen.“

Schon ein Jahr vor dem Mauerfall schaffte der Entertainer aus Ost-Berlin den Sprung in einen West-Sender. Er moderierte als erster DDR-TV-Moderator eine Show im West-TV: „Stimmt's?“ bei Radio Bremen.

Und selbst nach der Wende hielt „Lippis“ Glückssträhne an, während die meisten anderen DDR-Künstler in ein tiefes Loch fielen.

Millionenpublikum bei „Wetten, dass“

1992 dann der absolute Höhepunkt: Lippert übernahm von Thomas Gottschalk die ZDF-Show „Wetten, dass..?“. In seiner Autobiografie „Wetten, dass ... Erna kommt?! – Mein buntes Leben – schwarz auf weiß“

(Eulenspiegel-Verlag) schreibt er über den Abend vor seinem ersten Auftritt: „Als ich am Vorabend auf der Straße stand vor der Halle in Bremerhaven ... Da bestand der ganze Lippert nur noch

aus Angst.“ Fast zwölf Millionen Zuschauer lockte er dann vor die Fernseher.

Mancher Kritiker setzte ihm zunächst mächtig zu: Einigen lachte Lippert zu laut, anderen fehlte der Witz. Nach nur einem Jahr servierte das ZDF den Ost-Entertainer ab, weil Gottschalk von RTL zurückkehrte und seine alte Show wieder übernahm. 15,36 Millionen Zuschauer waren dabei, als Lippert seine neunte und letzte Sendung vor der Rückkehr seines Vorgängers moderierte. „Lippi“ wurde Deutschlands meistgesehener Showmaster des Jahres 1993.

Nach „Wetten, dass..?“ hatte er nochmal TV-Pech: Bei der „Goldmillion“-Familienshow wurde ihm zwar ein „gelungener Einstand“ bescheinigt. Allerdings kamen ihm zunehmend die Zuschauer abhanden. Die Sendung wurde 1995 eingestellt. Danach moderierte Lippert „Wenn. Dann. Die... Show“ im KiKa und entwickelte im Auftrag des Deutschen Bundestages die Politshow „Politibongo“, die Kindern Demokratie erklärt.

In den 90er Jahren gab es private Tiefschläge: Der Entertainer fiel auf Betrüger herein und musste Privatinsolvenz anmelden. Auch der Kauf eines Kiez-Kinos brachte ihm kein Glück. Zu allem Überfluss gelangte er noch mit einer im Baumarkt mitgenommenen unbezahlten Zange in die Boulevard-Blätter.

Bei Störtebeker ist er der Barde

Der Showmaster ist auch Schauspieler. Die TV-Legende Herbert Köfer (95) holte ihn 2001 für „Eine total verrückte Entführung“ auf die Bühne des Volkstheaters Hansa in Berlin-Moabit, im Sommer steht er sechs Mal in der Woche in Ralswiek auf der Bühne und spielt den Barden bei den Störtebeker Festspielen. Auf Rügen hat er sich damit längst in die Herzen der Zuschauer gespielt und sich eine treue Fangemeinde geschaffen. Praktisch für Familie Lippert: Seine Frau Gesine führt in Ralswiek das Restaurant „Riff“, so kommt das Familienleben auch in der Festspielsaison nicht zu kurz.

Bei seinem Heimatsender, dem Mitteldeutschen Rundfunk, moderiert „Lippi“ derzeit einen Rückblick auf den TV-Hit „Ein Kessel Buntes“. „Wir sind glücklich über die hohe Quote und die gute Akzeptanz“, sagt er über seinen Job bei der „schönen Vintage-Retro-Show“. Für die 20. Jubiläumsfolge der Sendung habe man sich ein besonderes Konzept überlegt. „Es wird eine Mischung der Ausschnitte aus Shows, Musik und Interviews geben, mit dabei sind unter anderem Frank Schöbel oder Mireille Matthieu“, berichtet er.

„Statt immer nur im Mittelpunkt zu stehen, habe ich selbst meine eigene Mitte gefunden“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Ich nehme meine Kraft aus der Lust für das, was ich mache“, sagt er kurz vor dem 65. Geburtstag.

Und wie hält er sich fit? „Ich bewege mich gerne. Ich benutze selten Fahrstühle, laufe Treppe, fahre viel Fahrrad und Inline-Skates.“ Aber manchmal nimmt sich selbst der immer elektrisiert wirkende Entertainer eine echte Ruhepause. Dafür sind Touren auf der Insel wie geschaffen. „Manchmal halte ich irgendwo an, setze mich auf einen Baumstumpf, höre den Bienen zu und erde mich wieder.“

Seinen Geburtstag feiert er allerdings nicht hier. „Rügen soll mir nicht böse sein“, sagt er. „Immerhin geht es auch auf eine Insel – etwas weiter südlich.“

Sophia-Caroline Kosel und Anne Ziebarth

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