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Robert Seethaler entführt auf Zeitreise

Vaschvitz Robert Seethaler entführt auf Zeitreise

Der österreichische Autor las in Vaschvitz aus seinem Roman „Ein ganzes Leben“

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Der Autor Robert Seethaler vor der Kunstscheune in Vaschvitz.

Quelle: Anne Ziebarth

Vaschvitz. Mit Robert Seethaler hat die Gingster Buchhändlerin Petra Dittrich einen der gefragtesten Autoren der Gegenwart auf die Insel Rügen geladen. In der ausverkauften Kunstscheune Vaschvitz las er aus seinem Roman „Ein ganzes Leben“, moderiert wurde die Veranstaltung von Annemarie Stoltenberg (NDR Kultur). Im Roman geht es um die einfache aber berührende Lebensgeschichte von Andreas Egger, der am Rand eines Alpendorfs in den 1930er Jahren aufwächst. Bis zum Lebensende begleitet der Roman den wackeren Hilfsknecht, beschreibt seine Beobachtungen und seine sachliche aber versöhnliche Sicht auf das Leben.

 

OZ-Bild

Die Lesung war toll. Der Roman zeigt gute und schlechte Seiten des Schicksals, ohne dabei traurig zu sein.“ Ines Sodmann, Lehrerin

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Seethaler begann die Lesung mit der ersten Szene des Romans, und die beförderte die Zuhörer gleich mit Wucht in die Welt des Bergdorfes des vergangenen Jahrhunderts. Egger findet einen todkranken Ziegenhirten, will ihn mithilfe einer Kraxe durch die verschneite Landschaft ins einige Kilometer entfernte Dorf bringen. Der Kranke springt ihm von der Kraxe und verschwindet im Schnee.

Sofort waren die Zuhörer mittendrin in den Themen des Romans: Leben, Natur, Tod und Schicksal, die sich in der rauen Bergwelt untrennbar miteinander verbinden. Neben der Handlung ist es auch die Sprache Seethalers, die den 120 Gästen in Vaschvitz die Zeitreise so einfach machte. Die Beschreibungen, die Seethaler verwendet, sind einfach aber präzise, in Wortwahl und Rhythmus der Sätze passt er sich der Welt der Menschen an, die in dieser kargen aber schönen Bergwelt seines Romanes leben. Ein großer Extrapunkt der Lesung im Gegensatz zur Lektüre des Buches war die Stimme des in Wien geborenen Autors mit angenehmem österreichischem Akzent, die perfekt zur Szenerie des Romans passte. So war die Anmerkung Seethalers ans Publikum „Sie sagen Bescheid, wenn es ihnen zu lang wird“, überflüssig. Die Zuhörer hingen die 45 Leseminuten über gebannt an den Lippen des Autors.

Völlig verblüffend bei so „natürlich schöner“ Sprache war das Geständnis Seethalers, sich mit dem Schreibprozess sehr schwer zu tun. „Manchmal gehe ich den ganzen Tag spazieren und denke nach. Am Abend habe ich dann häufig nur einen Satz geschrieben. Und ein schlechtes Gewissen.“ Streichen oder ändern müsse er dafür aber nicht mehr viel. „Da sitzt jedes Wort“, sagte der Autor auf Nachfrage von Annemarie Stoltenberg. Zu verdichtet dürften die Sätze aber nicht werden. „Sonst bekommt die Sprache etwas künstliches, plastikhaftes“, meint Seehofer. „Es braucht auch einige Freiräume, eine gewisse Luft zum Atmen.“

Auch in anderen Bereichen waren Fragen der Moderatorin Annemarie Stoltenberg ein Gewinn für die Zuhörer. Die Journalistin konnte Seethaler, der von sich selbst sagt, er rede nicht gern — und über sich und seine Bücher schon gar nicht — doch einige Einblicke in die Seele des Autors entlocken. Etwa, wenn es um die Entscheidung Seethalers ging, seinen ursprünglichen Beruf als Schauspieler an den Nagel zu hängen und sich nur noch dem Schreiben zu widmen. „Ich habe mich als Schauspieler nie wohl gefühlt. Ich werde angesehen, gebe etwas preis, kann aber nicht zurückschauen“, erzählte der Autor.

„Es gibt viele Schauspieler, die das toll finden, mich hat das fast zerrüttet.“

Wie liebevoll Seethaler Handlungen und Figuren beschreiben kann, sieht man in der berührenden Liebesgeschichte im Buch.Es wird nicht viel gesprochen zwischen dem Egger und seiner Marie. Sie gehen spazieren, betrachten still die Natur — lange passiert nicht mehr zwischen den beiden. „Sie bemühen sich beide sehr umeinander, sind aber etwas unbeholfen und wissen beide nicht so recht, wie das geht mit der Zuneigung“, sagte Seethaler. „Aber das weiß ja eigentlich nieman so genau.“

Früher habe er gesagt, er schnitze die Figuren heraus, wie aus einem Holzstamm. „Aber eigentlich ist es mehr, als ob die Figuren in einem Nebel sind, der sich langsam auflöst. Ich muss nur genau hinsehen, dann fangen die Personen an ihr Eigenleben zu entwickeln und nehmen Gestalt an“, so Seethaler.

Auch über sein neues Buch spricht Seethaler dann doch noch. Es wird noch trauriger, kündigt Seethaler an. „Die Geschichte spielt auf einem alten Friedhof. Die Toten werden noch einmal wiedererweckt, bekommen die Möglichkeit zu reden und ziehen ein Resumee ihrer Leben“, verrät er.

„Ich fand ,Ein ganzes Leben‘ ungemein tröstlich, nicht traurig“, merkte Annemarie Stoltenberg an. Schließlich habe Egger trotz der Bescheidenheit seines Lebens sein persönliches Glück gefunden.

Und tatsächlich war auch die Stimmung der Zuhörer nach der Lesung keineswegs düster. „Ich fand den Roman und die Lesung großartig“, sagt etwa Ines Sodmann. „ Die Geschichte erzählt von guten und schlechten Seiten des Lebens ohne dabei traurig zu sein.“

Robert Seethaler

Robert Seethaler wurde 1966 in Wien geboren, lebt heute in Berlin-Kreuzberg und Wien. Nach einer Ausbildung an der Schauspielschule in Wien arbeitete er zunächst als Schauspieler, wechselte dann aber nach einer Schulung als Drehbuchautor ins Schrifstellerfach.

Für sein Debütwerk „Die Biene und der Kurt“ (2006) erhielt er den Buddenbrookpreis. Nach seinem gleichnamigen Buch entstand der Film „Die zweite Frau“, der 2009 mit drei Grimme-Preisen ausgezeichnet wurde. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Der Trafikant“ (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014).

„Ein ganzes Leben“ wurde mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet und ist für den „Man Booker International Prize 2016“ nominiert.

Von Anne Ziebarth

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