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Sassnitz: Bläser pfeifen aus letztem Loch

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Orchesterleiter soll nur noch in seiner Freizeit zu Proben laden / Eltern der Musiker befürchten das Aus

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Das Jugendblasorchester bei einem Konzert auf der Terrasse des Cafés Hafenbahnhof.

Quelle: Foto: Dieter Lindemann/archiv

Sassnitz. Die Nachwuchsorchesterproben sind schon gestrichen. Bald könnte der „Stundenplan“ für die Nachwuchsmusiker des Jugendblasorchesters Sassnitz (JBO) noch spärlicher ausfallen. Denn momentan ist fraglich, ob der Orchesterleiter künftig noch genügend Zeit für den Unterricht und die Auftritte finden wird. Ab dem 1. November soll ein Teil der Orchesterarbeit nicht mehr während der Arbeitszeit geleistet werden wie gegenwärtig, sondern ausschließlich in Ralf Bergers Freizeit. Das kann nicht funktionieren, sagen die Eltern der Kinder. Sie befürchten das Schlimmste: das Aus des 57 Jahre alten Jugendblasorchesters.

Das war jahrelang ein städtisches Ensemble, an dessen Spitze mit Ralf Berger ein kommunaler Angestellter stand. Er war und ist in der Stadtverwaltung für den Kulturbereich verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehört aber auch die Leitung des Orchesters, die Organisation und das Unterrichten der Musiker. Zehn Stunden der wöchentlichen Arbeitszeit waren dafür veranschlagt.

Im Jahre 2006 musste sich das Orchester neu aufstellen. Die Stadt zog sich zurück und überließ es fortan dem neu gegründeten Blasorchester-Verein, die Geschicke des Ensembles zu lenken. „Damals wurde es leider versäumt, die rechtliche Beziehung zwischen der Stadtverwaltung und dem Orchesterleiter neu zu formulieren“, sagt Bürgermeister Frank Kracht. Die Stadt stellt seitdem praktisch den Leiter für einen gemeinnützigen Verein. Der Vereinsvorstand habe gar keine Möglichkeit, ernsthaft Einfluss auf den Orchesterleiter zu nehmen, da dessen Vorgesetzter faktisch nicht der Verein, sondern der Bürgermeister sei. Deshalb soll das Blasorchester seinen musikalischen Leiter künftig über einen Honorarvertrag selbst beschäftigen und bezahlen. „Das Geld dazu könnte die Stadt als Zuschuss an das Blasorchester fließen lassen“, sagt Kracht. So werde es bei anderen Vereinen wie dem Grundtvighaus, dem Jugendbeirat oder Empor Sassnitz auch praktiziert.

Das funktioniere bei einem Ensemble für Nachwuchsmusiker nicht so, hält Caroline Brauns dagegen. Sie war eines der Mitglieder des JBO-Vereins, die auf der vergangenen Sitzung des Sozialausschusses ihrem Ärger Luft machten. Zum einen könne man die Kinder nur am Nachmittag unterrichten und eben nicht „nach Feierabend“. Zum anderen funktioniere die musikalische Erziehung hauptsächlich über Einzelunterricht, sei also sehr zeitaufwändig. Etwa fünf Jahre brauche ein Kind, bevor es im „großen Orchester“ mitspielen könne, ergänzte ihre Mitstreiterin Nicole Stüber. Ein Orchesterleiter müsse wenigstens 15 Stunden pro Woche in Ausbildung und Organisation investieren, die Auftritte noch nicht einmal eingerechnet. „Das würde im Falle von Herrn Berger eine 55-Stunden-Woche bedeuten“, rechnete sie vor und warnte: „Das hält auf Dauer kein Mensch durch.“ Der Vorschlag der Eltern: Die Stadt setzt den Orchesterleiter während seiner regulären Arbeits- und der Unterrichtszeit der Kinder für eine gewisse Anzahl von Stunden an den Schulen der Stadt ein. Mittels Kooperationsverträgen mit den so genannten Vollen Halbtagsschulen oder Ganztagsschulen könnte die zusätzliche musische Ausbildung an den Einrichtungen stattfinden. Damit, sagt Nicole Stüber, wäre auch die weitere Gewinnung von Nachwuchs für das Blasorchester gesichert.

Um den ist es aktuell sehr gut bestellt, sagen die Eltern. Gerade im vergangenen Jahr habe das Orchester einen enormen Zuspruch erfahren. 16 der insgesamt 30 Mitglieder seien neu hinzugekommen. Gern würde man noch mehr machen, sagt die Vereinsvorsitzende Silke Buettler. „Wir wollten zum Beispiel eine musikalische Krabbelgruppe eröffnen. Aber der eine Orchesterleiter schafft es nicht noch zusätzlich. Und weitere Lehrer findet man nicht.“

Ohne weitere Unterstützung wird das Orchester auf Dauer nicht zu leiten und auszubilden sein, befürchtet auch Svea Lehmann, Stadtvertreterin und Mitglied im Sozialausschuss. Sollte der Leiter einmal wegen Krankheit längere Zeit ausfallen, wäre die gesamte Orchesterarbeit gefährdet. Das sieht auch Silke Buettler so, die gemeinsam mit den anderen Eltern die Ausschussmitglieder davon überzeugte, sich mit dem Problem noch einmal intensiv auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob vielleicht sogar eine weitere personelle Unterstützung neben der finanziellen möglich wäre. So, wie die Stadtverwaltung es sich denke, könne es nicht funktionieren. „Uns brechen dann die Eltern und die Kinder weg. Dann könnten wir die Instrumente und Uniformen verkaufen und zum 1. 1. 2018 Schluss machen.“

Maik Trettin

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