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Vergessene „Hölle von Babi Jar“ lässt Rügener Künstler nicht los

Sassnitz Vergessene „Hölle von Babi Jar“ lässt Rügener Künstler nicht los

Frank Otto Sperlich hat das 1941 verübte Massaker künstlerisch verarbeitet / Zur Finissage der Ausstellung mit den Werken wird darüber heute in der Orangerie Putbus gesprochen

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Frank Otto Sperlich, Kameramann und Maler, vor seiner Installation „Babi Jar“ in der Orangerie Putbus.

Quelle: Maik Trettin

Sassnitz. Putbus Am morgigen Sonntag endet in der Putbuser Orangerie die Ausstellung „Bewegung“ mit Arbeiten des Karower Künstlers Frank Otto Sperlich. Zur Finissage heute um 18

Uhr wird ein Thema in den Mittelpunkt gerückt, das Sperlich und viele der Ausstellungsbesucher besonders berührt hat: das Massaker von Babi Jar, bei dem 1941 am Rande von Kiew innerhalb von zwei Tagen 33771 Menschen ermordet wurden.

Im Gästebuch der Orangerie attestieren viele Besucher Ihrer Ausstellung den Arbeiten über Babi Jar eine „beklemmende Wirkung“. Hatten Sie das erwartet?

Frank Otto Sperlich: Ehrlich gesagt ja. Mir geht es nicht anders, wenn ich mich mit dem unvorstellbaren Ausmaß dieses Massenmordes an den Kiewer Juden beschäftige.

Ist den Besuchern der Ausstellung der Ort ein Begriff gewesen, wussten sie, was sich dort abspielte?

Sperlich: Nein, das ist es ja, was mich auch so umtreibt. Nur wenige wissen heute noch, was am 29. und 30. September 1941 am Rande von Kiew passierte, als zehntausende Juden innerhalb von zwei Tagen unter dem Vorwand, man wolle sie nach Palästina bringen, an den Rand einer Schlucht getrieben und erschossen wurden.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

Sperlich: Es gab mehrere Auslöser. Ich hatte früher schon mal etwas von Babi Jar gehört, mich aber erst intensiver damit beschäftigt, nachdem ich einen Spielfilm gesehen hatte, der über dieses Verbrechen berichtete. Vor sechs Jahren bekam die Firma Noahfilm, die ich gemeinsam mit Thomas Franke und Lutz Rentner betreibe, vom Hessischen Rundfunk den Auftrag für eine Zuarbeit zu einer Dokumentation über das Massaker von Babi Jar. Also sind wir nach Kiew gereist auf der Suche nach Fotos, Film- und Archivmaterial, nach Zeitzeugen und natürlich nach dem Ort.

Was haben Sie gefunden?

Sperlich: Nicht viel. Die Stadt hat sich seitdem entwickelt wie andere Städte auch. Wo damals der Stadtrand war, ist heute fast die Mitte. Die Schlucht, in die zehntausende Leichen gestoßen wurden, ist zugeschüttet. Dort gibt es einen Park, eine Metro-Station, ein Fernsehstudio . . . Wir wollten in unserem Film zeigen: Hier ist das gewesen, hier ist eine der schlimmsten Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs verübt worden. Aber das geht heute gar nicht mehr.

Ihnen hat das, was mit filmischen Mitteln dokumentiert werden konnte, nicht genügt?

Sperlich: Der Film ist gut geworden, keine Frage. Aber in mir war dadurch, dass von dieser „Hölle Babi Jar“ so gut wie nichts mehr zu sehen war, eine Wunde offen geblieben. Diese Wunde will nicht zuheilen. Interessanterweise ging es der Autorin Katja Petrowskaja, die für ihr Buch „Vielleicht Esther“ zu dem Thema recherchierte, genauso, wie sie mir am Rande einer Lesung im Altenkirchener Kosegartenhaus erzählte. Sie hat das in ihrem Buch, ich in meinen Bildern und der Installation verarbeitet.

Letztere besteht aus einem Berg von 33 Hemden, die mit Gesichtern bedruckt sind und an der praktisch kein Ausstellungsbesucher vorbeikommt, ohne kurz zu stoppen. Um was für Fotos handelt es sich da?

Sperlich: Es sind Bilder v on Opfern des Massakers. Wir haben die Aufnahmen seinerzeit bei den Recherchen in den Kiewer Archiven gefunden. Ich habe einige davon mittels einer Flüssigkeit auf die Hemden – jedes steht für mindestens 1000 Opfer – übertragen und anschließend die Flächen sozusagen freigerubbelt, so dass die Gesichter der Menschen immer wieder zum Vorschein kamen, sie sozusagen dem Vergessen entrissen wurden. Das hat mich sehr, sehr tief berührt.

Viele Gesichter sieht man immer wieder, auch auf den Bildern. Liegt das an der dürftigen Archivausbeute?

Sperlich: Nicht unbedingt. Ich habe mich absichtlich auf einige Gesichter beschränkt, die immer wieder auftauchen. Dadurch, dass man sie wiedererkennt, beginnt man, Empathie für sie zu entwickeln.

Haben Sie mal daran gedacht, die Ausstellung auch in der Ukraine, dort, wo der Massenmord vor 75 Jahren geschah, zu zeigen?

Sperlich: Das war unser ursprünglicher Plan. Mit Thomas Franke und dem gebürtigen Ukrainer Mark Chaet wollte ich nach Donezk reisen. Franke wollte seinen Film präsentieren, der Musiker Chaet die von ihm komponierte Sinfonie aufführen und ich meine Bilder zu dem Thema zeigen. Weil sich die Bilder schlecht per Flugzeug in die Ostukraine transportieren lassen, hatte ich mir die Installation mit den Hemden einfallen lassen. Die kann man leichter verpacken und transportieren. Aber es ist nicht dazu gekommen. Der Zeitpunkt sei wegen des Kriegs nicht so günstig, gab man uns zu verstehen.

Was passiert mit der Installation nach dem Ende der Ausstellung?

Sperlich: Ich werde sie bei mir zu Hause einlagern. Die Demontage wird für mich und die Beteiligten hart. Die ruft noch einmal das ganze Grauen in Erinnerung, das diese Menschen, denen das Werk gewidmet ist, durchlebt haben. Ich habe ehrlich gesagt richtig Angst vor dem Montag.

Das Massaker von Babi Jar

Am 29. und 30. September 1941 wurde die jüdische Bevölkerung Kiews aufgefordert, sich an öffentlichen Plätzen einzufinden und registrieren zu lassen.

Als offizieller Grund wurde eine „Umsiedlung“ genannt. Wer der Aufforderung nicht nachkam, dem drohte die Erschießung. Bei dem Massenmord arbeiteten Wehrmacht, SS, ukrainische Miliz und eine Militäreinheit der ukrainischen Nationalisten zusammen. Nachdem man den Menschen die Koffer und Pässe abgenommen hatte, mussten sie sich ausziehen, wurden nackt durch die Reihen der Polizei getrieben und geschlagen, „und dort, wo man durch die Öffnung den Himmel sah, am Rand der Schlucht, wurden sie von beiden Seiten mit Maschinengewehren erschossen“ (aus: Katja Petrowskaja „Vielleicht Esther“).

In 36 Stunden starben 33771 Juden. Ein SS-Standartenführer wurde nach den Nürnberger Prozessen gehängt, andere erst in den 70er Jahren angeklagt. Kein Wehrmachtsangehöriger musste sich je wegen dieses Massakers vor einem Gericht verantworten.

Per Anruf: 1950 Euro für Rettungshundestaffel Jasmund

Unerwarteter Geldregen für Retter auf Rügen: Die Jasmunder Rettungshundestaffel hat sich mit einem entschiedenen Anruf beachtliche 1950 Euro für die Vereinsarbeit sichern können. Der Verein beteiligte sich an einer Aktion eines Radiosenders in MV.

Nicole Habermann hatte sich mit der Rettungshundestaffel Jasmund/Rügen im DRV neben 200 weiteren Vereinen von Rügen um die Teilnahme an der Aktion beworben. Deren Inhalt: Jeden Morgen um 7.10 und um 17.10 Uhr wird im Radioprogramm aus den über 1100 Bewerbungen ein Verein gezogen, der innerhalb von zwei gespielten Titeln beim Rostocker Sender anrufen muss. Die Rettungshundestaffel, derzeit 15 Mitglieder, hatte am Donnerstagmorgen das Glück und 1000 Euro sicher. Nur Minuten später kommt es zu einem Auflauf auf dem Rügenplatz. Das markiert den zweiten Teil der Aktion. „190 Menschen haben am Rügenplatz binnen einer Stunde nach dem Radioaufruf unterschrieben. Mit jeder Unterschrift sichert sich der Verein fünf Euro zusätzlich“, sagt Redakteur Alexander Stuth und übergibt 1950 Euro an die Rettungshundestaffel Jasmund/Rügen. „Wir werden davon GPS-Geräte für unser Team anschaffen", freut sich Nicole Habermann.

Am Mittwochbend lief auch in Wiek die Aktion. Hier kamen für den SV Blau-Weiß 2000 Euro zusammen. Christian Niemann

Maik Trettin

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