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Rügen Lebensgefahr: Privathäuser zerfallen
Vorpommern Rügen Lebensgefahr: Privathäuser zerfallen
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00:01 02.02.2018
Bürgermeisterin Gitta Gohla und Anwohnerin Karola Zitzke (re.) sehen eine Gefährdung durch die Ruine in Garz. FOTOS (3): UWE DRIEST

„Das ist schon beängstigend“, findet Christina Willumelis. Die 45-Jährige betreibt ihre Kindertagesstätte in Garz direkt neben einem möglicherweise einsturzgefährdeten Haus in der Wendorfer Straße. „Ich möchte, dass meine Kinder nicht von der vielbefahrenen Straße aus den Vordereingang benutzen, sondern von den Eltern über den Hof zum Hintereingang gefahren werden“, sagt sie.

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In vielen Orten der Insel bröckeln verlassene Häuser, weil Eigentümer gleichgültig oder zerstritten sind.

Weil sie dabei aber an der Ruine entlang müssen, bleibt ein ungutes Gefühl. „Bei Sturm trauen wir uns nicht, unser Auto über Nacht in der eigenen Einfahrt stehen zu lassen aus Furcht, es könnte trotz des Fangnetzes etwas herabfallen.“ Im Dach sei ein riesiges Loch und nächtens höre man es poltern, wenn wieder mal etwas herabstürzt. Auch von Straße und Gehweg hätten sie und ihr Mann Ingmar schon häufiger Steine oder Dachpappe weggeräumt. Es würden manchmal sogar ganze Fensterrahmen im Netz hängen, bestätigt auch Nachbarin Karola Zitzke.

Der Fall beschäftige die Stadt schon seit der Wende, stöhnt Bürgermeisterin Gitta Gohla (parteilos). „Das Haus liegt am Schulweg und zeitweise war der Gehweg gesperrt, so dass die Kinder auf der Straße daran vorbei gingen.“ Die Immobilie gehöre einer Erbengemeinschaft und die fechte offenbar einen langwierigen Rechtsstreit aus. Ihr gehöre auch die ehemalige Konsum-Bäckerei gegenüber dem Rathaus, die ebenfalls leersteht. Ingeborg Marten aus Göttingen ist eine der Töchter der verstorbenen Eigentümerin. „Ich kann die Kritik durchaus verstehen, aber solange die Eigentumsverhältnisse in unserer großen Familie nicht geklärt sind, können wir dort nichts tun“, sagt sie.

„Wir haben im Zentrum von Garz bestimmt sechs derartige Fälle, bei denen Erbengemeinschaften sich nicht einigen und Häuser verfallen, darunter Pfarrwitwenhaus, Alte Apotheke oder den ehemaligen Konfektionsladen“, klagt Gitta Gohla. „Ich würde mir wünschen, dass der Gesetzgeber die Kommunen für derartige Fälle mit einer Handhabe versehen würde.“

Kleiner scheint es nicht zu gehen, denn auch dem Landkreis scheinen die Hände weitgehend gebunden. Zwar gelte stets der Satz, „Eigentum verpflichtet“, aber der bliebe auf der Ebene des Appells stehen, meint Sprecher Olaf Manzke. Auch sei ein „Schandfleck“ schwer zu definieren. So würden die Behörden zumeist auf Grundlage des „Sicherheits- und Ordnungsgesetzes“ agieren. „Das Haus in Garz ist schon ewig Thema in der Bauaufsicht und es gab bereits mehrere Verfahren“, so Manzke. Die Eigentümer seien aber allen erteilten Auflagen nachgekommen, hätten ein Netz gespannt, lose Ziegel entnommen oder Wände abgestützt. Jetzt will der Landkreis ein Gutachten zur Standsicherheit verlangen, damit geklärt wird, ob das Haus überhaupt erhalten werden kann.

Betroffen seien auf Rügen auch mehrere Gutshäuser wie jenes in Laase (Neuenkirchen), Tetzitz und Helle (beide Rappin). Auch der 1889 erbaute Kursaal von Putbus sieht einem kummervollen Schicksal entgegen. Das Gebäude gehört Jürgen Bürck, der von seinem Firmensitz im baden-württembergischen Haßmersheim „Wirtschaftsdienstleistungen“ erbringt. „Was hat sich denn in Putbus in den letzten Jahren getan?“, fragt er und lässt offen, was er damit sagen will. Die Banken hätten keine Vergleichswerte und das erschwere die Finanzierung. „Eigentlich geht das auch niemanden etwas an“, findet er zudem.

Ganz so einfach ist es dann vielleicht doch nicht, glaubt Thomas Möller vom Bauamt der Stadt. Wenn Kommune, Kreis und Land an einem Strang zögen, könnten sich durchaus Möglichkeiten des Baurechts eröffnen. Dieses beinhalte Regelungen vom Vorkaufsrecht über Modernisierungs- und Instandsetzungeboten bis zur Enteignung. Voraussetzung sei aber auch hier die Ausstattung der Kommunen mit notwendigen Finanzmitteln. „Wir haben solvente Interessenten an Herrn Bürck vermittelt, die der Stadt gewiss gut getan hätten“, sagt Bürgermeisterin Beatrix Wilke (parteilos). Die Parteien hätten sich aber jeweils nicht einigen können.

Von einem Lichtblick weiß die Bürgermeisterin indes zu berichten: Das markante Haus mit dem Turm auf der Ecke der Gartenstraße am Markt erwarb nun eine junge Familie, die das Haus in Abstimmung mit der Denkmalbehörde bis zum Jahr 2020 sanieren möchte.

Schandflecken und Entwicklungshemmnisse im Ordnungs- und Baurecht

Das Sicherheits- und Ordnungsgesetz M-V ermöglicht Anordnungen zur Absicherung von Gebäuden

§§ 24 ff Baugesetzbuch regeln Vorkaufsrechte von Gemeinden wenn nach dem Bebauungsplan eine Nutzung für öffentliche Zwecke vorgesehen ist.

§§ 85 ff BauGB regeln Enteignungen, wenn sie dem Wohl der Allgemeinheit dienen.

§§ 175 ff erlaubt Gemeinden die Beseitigung der Missstände durch ein Modernisierungsgebot und die Behebung der Mängel durch ein Instandsetzungsgebot.

Der Landkreis nahm schon Ersatzmaßnahmen vor, blieb aber auf den Kosten sitzen.

Uwe Driest

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