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Lehrer im Ruhestand hütet das Archiv von Altefähr

Altefähr Lehrer im Ruhestand hütet das Archiv von Altefähr

Sein ehrenamtliches Engagement hält den 80-jährigen Lothar Dols, der sich auch um die Pflege des Plattdeutschen kümmert, fit.

Altefähr. Ich treffe einen flotten Achtzigjährigen, an dem die Zeit fast spurlos vorüberzugehen scheint. Schnellen Schrittes kommt Lothar Dols auf mich zu und zeigt sich später blitzgescheit im Gespräch. Der Mann ist ein Fundus an gesammelten Daten und Geschichten, hinter denen sich oft genug Schicksale verbergen. 1993 übernahm er die Chronik von Altefähr. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes der Hüter der Vergangenheit, die er wie einen kostbaren Schatz im Archiv bewahrt, sicher in einem uralten Safe.

Ihn damit zu beauftragen, war eine gute Entscheidung, denn seine Vorfahren sind Ur-Rüganer. Der Urgroßvater und Großvater waren beide Müller der damaligen Bockwindmühle in Schlavitz. Mühle Schlavitz war ein Wohnort in der ehemaligen Gemeinde Altefähr. Die Mühle existierte von 1664 bis 1922. Der Großvater wurde später Fährmann, auch der Vater, der nach dem Niedergang des Mühlengeschäftes den Hof bewirtschaftete.

Lothar Dols katalogisiert, sammelt und sortiert mit bewundernswerter Akribie Rügens Geschichte und Geschichten. Selbst einen alten Kriminalfall aus dem Jahre 1939 konnten überlebende Angehörige mit Hilfe des ehemaligen Lehrers aufklären. Was war geschehen? Auf Gut Goldevitz, heute eine Wüstung, ereignete sich damals ein Eifersuchtsdrama. Hans Joachim Lorenz erschoss seine Ehefrau, deren Mutter und einen Stralsunder Tierarzt, den angeblichen Liebhaber seiner Frau. Der Täter richtete sich anschließend selbst. Zurück blieben drei minderjährige Söhne, denen die Verwandtschaft die tatsächlichen Todesumstände verschwieg. Peter Lorenz, das jüngste Kind der Familie, glaubte 75 Jahre lang, dass seine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen seien. Allerdings ahnte er instinktiv, dass etwas an den Erzählungen über deren Tod nicht stimmen konnte. Erst mit Hilfe von Lothar Dols gelang es, das eigentliche Geschehen durch alte Todesanzeigen in einer archivierten Zeitung aufzuklären. Der heute achtzigjährige Sohn bedanke sich tief berührt für die Offenlegung dieses schrecklichen Familiengeheimnisses.

Der Chronist Dols erinnert sich gern an seine Kindheit. „Es war ein Segen, dass wir den Sternenhimmel noch in seiner vielfältigen Pracht bewundern konnten, weil es noch keine Lichtverschmutzung gab.

Und elektrischen Strom bekamen wir in Schlavitz erst 1947, bis dahin hatten wir Petroleumlampen. 1944 beendeten die Kriegsereignisse meine Schulzeit vorzeitig auf dem Ernst- Moritz- Arndt- Gymnasium in Bergen. Die Schulen wurden geschlossen. Erst am 1. Oktober 1945 begann der Schulbetrieb wieder. Im März 1946 folgte die Schulreform. Ab diesem Zeitpunkt gab es die erweiterte Oberschule, EOS genannt. Der Begriff Gymnasium existierte nun nicht mehr. 1951 beendete ich die 10. Klasse, dann besuchte ich eine Landwirtschaftsschule in Stralsund. Bereits damals, sah ich auf dem elterlichen Hof keine Perspektive. Die Betriebe befanden sich durch staatliche Anordnung bereits im Umbruch zur kollektiven Landwirtschaft. Mein Wunsch war es, Lehrer zu werden. Das war nicht einfach, denn ich war kein klassisches Arbeiter-Bauern-Kind. Meine Eltern besaßen einen mittelgroßen Betrieb. Letztendlich bekam ich doch einen Studienplatz für Biologie und Chemie.

1969 folgte die Fusion der kleinen LPG-Betriebe zu Großbetrieben. Ich erinnere mich an meinen Vater, wie er mit einer Aktentasche täglich zur Arbeit ging. Das alles hatte nichts mehr mit seinen Vorstellungen von Landwirtschaft zu tun. Von Depressionen und Parkinson gekennzeichnet, starb er. Ich unterrichtete inzwischen an der Schule in Altefähr, bis ich 1991 in den vorgezogenen Ruhestand entlassen wurde. Es gab nicht mehr ausreichend schulpflichtige Kinder, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Im letzten Schuljahr verblieben mir noch vier Mädchen als Schülerinnen. Seit 2000 gibt es in Altefähr keine Schule mehr.

Es ist nicht mein Naturell, die Hände in den Schoß zu legen. Da ich bereits vierzig Jahre aktiv im Kulturbund tätig war, machte ich eine Ausbildung zum Stadtführer in Stralsund. Heimatkunde ist für mich untrennbar mit unserer plattdeutschen Sprache verbunden, und so kam das intensive Beschäftigen mit Brauchtumspflege dazu. Bei uns zu Hause wurde seit Generationen Platt gesprochen. Ich gründete einen Verein, der besonderen Wert auf die Pflege der niederdeutschen Literatur legte. Dieses Engagement, neben meiner Archivtätigkeit, das ist es, was mich fit hält.“

 



Iris Bleeck

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